Österreichs wichtigster Versorger setzte jahrzehntelang auf Erdgas aus Russland. Nun erklärt der OMV-CEO Alfred Stern im Gespräch mit der NZZ, wie er den Vertrag mit Gazprom gekündet hat.
Herr Stern, die OMV hat 2024 rund 900 Millionen weniger verdient als im Jahr davor. Ist das eine «Rückkehr zur Normalität», weil die Energiepreise wieder tiefer sind?
Ja, es ist eine gewisse Normalisierung. Der Gaspreis betrug 2022 über 120 Euro pro Megawattstunde. Das ist für die europäische Wirtschaft auf Dauer nicht verkraftbar, und wir sehen die Konsequenzen davon. Im vergangenen Jahr lag der Preis bei 35 Euro – immer noch wesentlich höher als vor dem russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine und der Energiekrise. Die Lage bleibt also schwierig. Wir können nicht darauf hoffen, dass es einfach wieder so wird wie zuvor. Dafür ist viel Arbeit notwendig.
Bis im letzten Jahr kam der grösste Teil des österreichischen Gases weiterhin aus Russland. Weshalb hielt die OMV so lange daran fest?
Wir hatten bereits unmittelbar nach der Invasion Russlands in die Ukraine 2022 Russland aus unserer Liste von Kernregionen gestrichen. Wir haben dort nicht mehr investiert und keine neuen Geschäfte getätigt. Wir mussten damals auch unser Gasfeld in Westsibirien sowie das Darlehen an Nord Stream 2 wertberichtigen, das waren Abschreibungen von insgesamt 2,5 Milliarden Euro. Seit der Kündigung des Gasliefervertrags gibt es keine Geschäftsbeziehungen mehr mit Russland.
Den Gasliefervertrag mit Russland, der seit 1968 bestand, kündigte die OMV aber erst im Dezember.
Der Vertrag hätte bis 2040 gegolten. Aber die Unzuverlässigkeit Gazproms durch die mehrfachen schwerwiegenden Vertragsverletzungen bedeutete für uns ein finanzielles Risiko. 2022 verursachte das für die OMV einen Schaden von knapp 700 Millionen Euro. Als uns ein Schiedsgericht im letzten Herbst deshalb 230 Millionen Schadenersatz zusprach, stellte Gazprom die Lieferungen ganz ein – eine weitere Vertragsverletzung. Damit hatten wir Rechtssicherheit und konnten den Vertrag im Dezember kündigen. Schliesslich ist russisches Gas nach wie vor nicht sanktioniert, und es gab auch keine anderen gesetzlichen Verbote, es zu beziehen.
War das ein Befreiungsschlag? Es gab seit Jahren Druck auf die OMV, aus russischem Gas auszusteigen.
Die OMV will für ihre Kunden ein zuverlässiger Lieferant sein. Wir brauchten Zeit für die Diversifizierung. Das Kapitel Russland ist für uns jetzt abgeschlossen. Wir haben ein besseres Gasportfolio als je zuvor, weil wir nicht mehr von einem einzigen Lieferanten abhängen.
Woher kommt das Gas nun?
Wir haben eine eigene Produktion in Norwegen, wir haben Abkommen mit Dritten in Norwegen und Italien, wir haben Verträge für Flüssiggas (LNG) abgeschlossen, unter anderem aus Amerika. Wir haben uns auch die notwendigen Transportkapazitäten gesichert. Die Nagelprobe war, als Gazprom Ende letzten Jahres die Lieferung an die OMV eingestellt hat. Wir konnten aber alle Kunden nahtlos beliefern. Unser Diversifizierungskonzept ist aufgegangen.
Das russische Pipeline-Gas wurde aber teilweise durch russisches Flüssiggas ersetzt, das nun in Rekordmengen nach Europa importiert wird. Auch von der OMV?
Aus wirtschaftlichen und aus ökologischen Gründen ist es problematisch, statt Pipeline-Gas nun LNG zu beziehen. Das Transportnetz im liberalisierten Gasmarkt mit Handelsplätzen in den verschiedenen Ländern macht aber nicht nachvollziehbar, woher das Flüssiggas genau kommt. Die OMV hat jedoch nur Verträge mit nichtrussischen Quellen abgeschlossen. Ich kann deshalb ausschliessen, dass durch diese langfristigen Lieferverträge russisches Gas zum LNG-Terminal in Rotterdam kommt.
Seit Jahresbeginn fliesst über die Pipeline durch die Ukraine kein russisches Gas mehr nach Europa. Wären Sie dafür, Kiew zur Wiederaufnahme des Transitvertrags zu drängen, etwa für Lieferungen aus Aserbaidschan?
Wir müssen das Angebot an allen Energiequellen inklusive Gas erhöhen. Und wir können es uns nicht leisten, etwas auszuschliessen. Ich würde mich künftig nie mehr einem einzigen Lieferanten ausliefern. Der Rest ist eine politische Frage. Die OMV versucht sich so aufzustellen, dass sie mit verschiedenen Konstellationen umgehen kann.
Was heisst das für die Preise? Russisches Gas galt ja als billiger.
Da handelt es sich um einen Irrtum. Vor dreissig Jahren waren die Gaspreise teilweise an diejenigen für Öl gekoppelt. Das ist aber Schnee von gestern: Mit der Gasmarktliberalisierung wurden die europäischen Handelsplätze geschaffen, an denen sich die Preise als Resultat von Angebot und Nachfrage bilden. Auch unsere beiden Langzeitverträge mit Gazprom in Deutschland und in Österreich waren an diese Handelspreise geknüpft. In der Phase der hohen Preise hat Russland verdient, nicht die OMV. Warum sollten die Russen ihr Gas jemandem schenken wollen?
Donald Trump hat die Begrenzung von Exportkapazitäten für Flüssiggas aufgehoben. Kann amerikanisches LNG auch eine Alternative sein?
Für den Weltmarkt sind mehr Exportkapazitäten günstig. Aber für den Transport von LNG muss das Gas zuerst auf sehr tiefe Temperaturen gekühlt werden – so wird es dann verflüssigt. Das braucht Investitionen und viel Energie, auch während des Transports per Schiff muss das Gas weiter gekühlt werden. Rein operativ ist Pipeline-Gas günstiger. LNG-Schiffe sind zudem flexibel. Der europäische Gaspreis muss deshalb ausreichend hoch sein, damit die Lieferungen überhaupt hierher kommen und nicht nach Asien.
Müssen wir also vorläufig mit den hohen Preisen leben?
Wir müssen uns überlegen, wie wir das Angebot erhöhen. Alles deutet darauf hin, dass Europa bis 2050 ein Nettoimporteur von Gas bleiben wird. Ein Ausbau und die Diversifizierung der Lieferquellen sind für die Importe wichtig. Ausserdem reduzieren wir die Importmenge dadurch, dass wir die hiesigen Ressourcen ausschöpfen.
An welche Ressourcen denken Sie da?
Unser Projekt Neptun Deep im Schwarzen Meer ist das grösste der EU. 2027 werden wir die Produktion aufnehmen, deren CO2-Ausstoss achtmal geringer ist im Vergleich zur weltweiten Gasproduktion. Sobald sie beginnt, wird Rumänien zum Selbstversorger, und es gibt zusätzliches Gas für den Export in die Nachbarländer. In Wittau (Niederösterreich) haben wir den grössten Gasfund in Österreich seit vierzig Jahren gemacht. Aber um die Produktion aufzunehmen, braucht es einen bürokratischen Spiessrutenlauf, weil eine zehn Kilometer lange Pipeline gebaut werden muss. Das müsste schneller gehen.
Fehlt in Europa der politische Wille dafür?
Wir haben gesellschaftlich und politisch Aufholbedarf. Es fehlt ein gewisser Realismus. Alle fliegen gerne in die Ferien, wollen heizen und brauchen ständig mehr Elektrizität. Wir müssen uns in Richtung Nachhaltigkeit entwickeln, das ist klar, aber wir können die heutige Energieversorgung nicht einfach abschalten. Wir brauchen Innovation und neue Technologien, um das Energiesystem Schritt für Schritt umzubauen. Wir errichten derzeit die erste Tiefengeothermie-Anlage hier in Wien, die ab 2028 rund 20 000 Haushalte klimaneutral mit Wärme versorgen wird. Das ergibt wirtschaftlich und ökologisch Sinn. Aber wir bohren da mehr als 3000 Meter tief – das ist kein Kinderspiel.
Was heisst diese Situation auf dem Gasmarkt für Europas Wettbewerbsfähigkeit?
Wir hatten in Europa während der letzten drei Jahre eine extrem hohe Inflation und sehr hohe Energiepreise. Es sind grosse Gasmengen aus Russland ausgefallen. Natürlich ist auch die Nachfrage zurückgegangen. Aber wir vermuten, dass der Preis wieder leicht nach oben gehen wird. Die Hoffnung, dass man durch zusätzliche Steuern auf Energie und neue regulatorische Hürden diese Situation in den Griff bekommt, ist verfehlt. Wir müssen stattdessen Investitionen in alle Formen von Energie ankurbeln.
Die EU will mit dem Green Deal bis 2050 klimaneutral sein. Von der Wirtschaft wird das oft als Wettbewerbshindernis kritisiert. Man könnte es aber auch als Chance sehen, Vorreiter einer Transformation zu werden.
Ich glaube nicht, dass die Wirtschaft die Transformation als Wettbewerbsbehinderung sieht. Das Problem ist die Art und Weise, wie wir sie umsetzen. Die Mischung aus erhöhten Energiekosten und einer Politik, die Investitionen hemmt, ist nicht gut. Wir können uns durch Innovation weiterentwickeln und die Wettbewerbsfähigkeit erhöhen. Stattdessen hat die OMV in den letzten drei Jahren über 10 000 Seiten neuer Regularien bekommen. Das ist eine Flut von Vorschriften, die wir kaum bewältigen können. Wenn es nun wieder zu einer Abkehr kommt und wir unsere Investitionen abschreiben müssen . . .
Sie meinen eine Abkehr vom Green Deal?
Ja. Wir sollten nicht glauben, dass wir in Europa durch eine Umkehr vorwärtskommen. In China und Indien geht das mit Hochgeschwindigkeit: 50 Prozent der erneuerbaren Strominvestitionen weltweit sind in China. Europa ist kein Vorreiter. Die Frage ist, wie wir die Transformation so umsetzen, dass wir wettbewerbsfähig bleiben. Das funktioniert nicht durch Protektionismus.
Wo liegt das Problem konkret? Bei der EU? Oder kritisieren Sie auch österreichische Regulierungen?
Ich würde das gar nicht an einzelnen Dingen festmachen. Die EU stellt einen Markt dar, der von der Grösse her globale Bedeutung und Macht haben kann. Aber dafür brauchen wir auch eine Kapitalmarktunion und eine regulatorische Vereinheitlichung. Bezüglich Wachstum und Produktivitätsentwicklung hinken wir seit über zehn Jahren hinterher.
Und wo steht Österreich? Hier hätte die OMV ja die grössten Einflussmöglichkeiten.
Die OMV hat ihre Heimat hier. Wir betreiben die einzige Raffinerie, wir sind der wichtigste Gaslieferant, wir erzeugen 1,6 Prozent der Wirtschaftsleistung. Trotzdem bleiben wir aus dem Transformationsfonds ausgeschlossen. Die Energiewende findet aber nur mit der OMV statt, und wir müssen die freie Marktwirtschaft auf das Problem loslassen. Längerfristig können wir nicht in einer Förderökonomie leben. Die wichtigste Kennzahl für Nachhaltigkeit ist für uns deshalb der Cashflow. Wenn wir kein Geld mehr haben, können wir alle Zukunftsprojekte und Investitionen in Forschung und Entwicklung vergessen. Dann ist die Transformation vorbei. Unternehmer müssen daran verdienen können. Den Glauben daran, dass das möglich ist, darf man aber nicht gleich wieder mit irgendwelchen Abgaben und Steuern vernichten.

