Die privaten Aufzeichnungen des Schriftstellers dürften das Bild eines monumental selbstbezogenen, aber auch für den Lauf der Welt sensiblen Schriftstellers bestätigen. Gerade darum wäre es falsch, sie der Öffentlichkeit vorzuenthalten.

Zu dem, was sich Mitte März bei einer Veranstaltung in Mainz zutrug, passt ein Buchtitel Elias Canettis besonders gut: «Der Ohrenzeuge». Bild- und Tonaufnahmen waren im Plenarsaal der Mainzer Akademie der Wissenschaften und der Literatur nicht erlaubt. Die gelesenen Texte wurden und werden nicht in schriftlicher Form aus der Hand gegeben. Glücklich der, der hören konnte, was zu hören erlaubt war. Es geht hier um ein Geheimnis, das gar kein Geheimnis mehr sein müsste. Um Canettis Tagebücher.

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Bevor der Literaturnobelpreisträger im August 1994 in Zürich verstarb, hatte er die Sperrfristen zu einzelnen Werkteilen nach einem ausgeklügelten System festgelegt. Die täglichen Notizen, Tausende Seiten, sollten am längsten vor dem Blick der Öffentlichkeit verborgen bleiben. Im letzten Sommer ist die Frist von dreissig Jahren abgelaufen.

Kurz vor seinem Tod hat der Schriftsteller noch bekannt, es sei ihm «ein angenehmer Gedanke, dass meine Tagebücher gelesen werden». Die Entscheidung über allfällige Publikationen überlasse er aber seiner Tochter. «Johanna allein wird bestimmen, was daraus veröffentlicht wird.»

Literatur und Psyche

An diesem Punkt steht die Sache jetzt. Nur kurz wurde in Mainz der Vorhang gelüftet. Der NZZ gibt Johanna Canetti schriftlich darüber Auskunft, dass die Herausgabe von Texten aus den Tagebüchern «mit grosser Sorgfalt» vorbereitet werden müsse.

Der Begriff der Sorgfalt ist hier ein weites Feld, weil es in diesem Fall nicht allein um philologische Fragen geht, sondern um ein einzigartiges Zusammenspiel aus literarischer Produktion und Psyche. Um es kurz und mit einem Wort der Canetti-Freundin Hilde Spiel zu sagen: In seinen Notizen war der Autor eine «Giftspritze», wenn es um Kollegen und sogar seine Nächsten ging.

Also ab mit ihm in den Giftschrank? Das wäre ein fataler Fehler, denn nach allem, was man weiss, sind diese Schriftsteller-Tagebücher ein finsteres Hauptwerk der Weltliteratur. Sie sind mit seismografisch zitterndem Bleistift notiert. Im 1965 geschriebenen Essay «Dialog mit dem grausamen Partner» hält Elias Canetti fest, dass er sich gar nicht anders beruhigen könne als mit täglichen Lebensmitschriften.

Ein Mensch wie er müsse «explodieren oder sonstwie in Stücke gehen», wenn er sein Tagebuch nicht hätte. Über Jahrzehnte gewachsen, zeigt es die private Rückseite von «Masse und Macht», einen freudianischen Anteil. Sein philosophisch-anthropologisches Hauptwerk eröffnet Elias Canetti mit dem berühmten Satz: «Nichts fürchtet der Mensch mehr als die Berührung durch Unbekanntes.»

Literarische Phantasmagorien

Im Juli startet im Hanser-Verlag die grosse Zürcher Ausgabe mit «Die gerettete Zunge» und «Der Ohrenzeuge». Laut Kristian Wachinger, der bei Hanser den Canetti-Nachlass betreut und Stiftungsrat der Canetti-Stiftung ist, werde sich in den Kommentaren auch manches Zitat aus den Tagebüchern finden. Das sind Spuren, die bei Canetti allerdings in die Irre führen können. Er hat seine Diarien nicht als Vorstufen zu seinem Werk betrachtet, nicht als Steinbruch für später noch zu Schreibendes.

Vorerst gilt in der Causa Canetti ein Spruch, der sonst auf das Sündenbabel Las Vegas gemünzt ist: What happened in Mainz stays in Mainz. Zumindest weitgehend. Feuilletonisten der «FAZ» und der «Süddeutschen Zeitung» haben ein paar Dinge der Veranstaltung nach aussen getragen. Kristian Wachinger verweist darauf, dass die Zitate nicht immer ganz originalgetreu seien. Kunststück, wenn man die Originale nicht aus der Hand gibt.

Jedenfalls las eine Schauspielerin aus literarischen Phantasmagorien des Dichters, die es in sich hatten. Im April 1930 skizziert Elias Canetti ein Traumbild. Er habe mit blosser Hand den Schädel von Veza Taubner zerdrückt. Es geht um die Frau, die er dann 1934 heiratete und die als Veza Canetti eine eigene literarische Karriere machte. «Ich fühlte ein Gemisch von Hirn, Blut und Knochensplittern in meiner Hand», schreibt der Autor und schiebt noch eine Bemerkung nach: «Wie schade, dass es so etwas nur geträumt gibt.»

Die canettische Schmähkunst

Ungeträumt sind Invektiven gegen Schriftstellerkollegen wie Günter Grass, von dem Canetti meint, er hätte ihn aufs Wüsteste plagiiert. Der Schriftsteller und Germanist Claudio Magris kommt als «das Aufpasserchen» vor. «Das A. geht um mit der Literatur, als wäre sie für ihn geschrieben worden.» Ähnliches über Magris hat man schon in den Aufzeichnungen «Die Fliegenpein» gelesen. Dort nennt er ihn einen «Immer-rascher-Schwätzer».

Bislang galten die aggressiven, in «Party im Blitz» vorgetragenen Ausfälle gegen seine Geliebte Iris Murdoch als Höhepunkt der canettischen Schmähkunst. Sie habe wollene Unterwäsche getragen und mit ihren unschönen Füssen den Gang eines Bären gehabt. Ihr Verhältnis nennt der Schriftsteller «eine peinlich einseitige Geschichte, die ich gegen meine Neigung hinnahm».

Es ist anzunehmen, dass die Tagebücher von Elias Canetti neben anderem noch viel mehr Stoff dieser Art enthalten und das Bild eines monumental selbstbezogenen, aber auch für den Lauf der Welt sensiblen Schriftstellers abrunden. Sven Hanuschek, der federführend an der neuen Zürcher Ausgabe beteiligt sein wird, hat bei der Niederschrift seiner Biografie vor zwanzig Jahren bedauert, dass ihm wegen der Sperrfrist der Einblick in die Tagebücher verwehrt war. Sein Buch musste damals eine halbe Sache bleiben. Wenn man sich traut, könnte man jetzt endlich ganze Sachen machen.

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