Die israelische Luftwaffe hat bei Luftangriffen in der Nacht auf Donnerstag die Häfen und die Energieinfrastruktur der Islamisten aus Jemen empfindlich getroffen. Der israelischen Attacke waren Raketenangriffe der Huthi auf Tel Aviv vorausgegangen.
Es war kurz vor drei Uhr morgens am Donnerstag, als das laute Heulen der Sirenen die Bewohner Tel Avivs und anderer Städte im Zentrum Israels aus dem Schlaf riss. Verursacht hatte den Alarm eine ballistische Rakete der Huthi aus Jemen, die das israelische Kernland ansteuerte. Sie wurde abgewehrt – und kurz darauf folgte Israels massive Vergeltung.
Die israelische Luftwaffe bombardierte laut eigenen Angaben die Hafen- und Energieinfrastruktur im Huthi-Gebiet. Laut Medienberichten wurden alle drei Häfen unter Kontrolle der islamistischen Miliz so heftig getroffen, dass sie nicht mehr funktionsfähig sind. Zudem wurde erstmals die jemenitische Hauptstadt Sanaa angegriffen. Ausserdem soll Israel zwei Elektrizitätswerke und Ölfelder attackiert haben.
Angeblich wurde die komplexe Angriffswelle im rund 2000 Kilometer entfernten Jemen unabhängig von dem Raketenangriff in derselben Nacht bereits seit Wochen geplant. Offenbar befanden sich die israelischen Kampfjets bereits in der Luft, als die Huthi die ballistische Rakete auf Tel Aviv abfeuerten. Das Geschoss wurde zwar abgefangen, allerdings fiel dessen Gefechtskopf auf eine Schule in einem Vorort von Tel Aviv und explodierte dort, worauf ein zu diesem Zeitpunkt leeres Schulgebäude einstürzte.
Auch eine Warnung an Teheran
Der dritte Angriff der israelischen Luftwaffe auf die Huthi war offenbar der bislang umfangreichste. Israels Geduld mit der Miliz scheint zu Ende zu sein. Die Islamisten aus Jemen werden von Iran finanziert und sind die letzten Stellvertreter Teherans, die Israel nach über vierzehn Monaten Krieg noch regelmässig angreifen.
Nach der Angriffswelle in Jemen wandte sich der israelische Verteidigungsminister, Israel Katz, mit einer Videobotschaft an die jemenitische Miliz: «Ich warne die Anführer der Terrororganisation Huthi – Israels langer Arm wird auch euch erreichen.» In alttestamentarischem Sinn fügte er hinzu, dass jedem, der die Hand gegen Israel erhebe, diese Hand abgeschlagen werde.
Bereits am Montag hatten in Tel Aviv die Sirenen wegen eines Raketenangriffes der Huthi geheult. Seit Kriegsbeginn feuerten die Huthi über 200 Raketen und rund 170 Drohnen auf Israel ab. Im Sommer wurde ein Mann durch einen Drohnenangriff der Huthi in Tel Aviv getötet. Zudem bedrohen die Huthi die internationale Schifffahrt, indem sie seit November 2023 immer wieder Containerschiffe im Roten Meer attackieren, um Israel unter Druck zu setzen.
Nach dem Angriff in der Nacht kündigte ein Sprecher der Huthi Vergeltung an: Die Miliz werde auf Eskalation mit Eskalation antworten. Wie lange die Huthi den Raketenbeschuss fortsetzen können, ist allerdings fraglich. Nicht erst seit dem israelischen Grossangriff stehen die bewaffneten Islamisten unter Druck. Die USA greifen immer wieder Huthi-Stellungen an, um Schifffahrt im Roten Meer zu schützen. Erst am Dienstag zerstörte die amerikanische Luftwaffe laut eigenen Angaben ein Kommandozentrum der Huthi, von dem aus die Angriffe auf die Seewege koordiniert worden seien.
Für Israel geht es allerdings primär um den Schutz des eigenen Staatsgebiets. Nach dem Sieg über den Hizbullah, einer weitgehenden Neutralisierung der Gefahr durch die Hamas und dem Fall des Asad-Regimes in Syrien demonstriert Israel mit dem Angriff am Donnerstag, dass es keine weiteren Attacken auf sein Territorium toleriert – und mit absoluter Härte antwortet.
Die Luftangriffe stellen eine weitere Schwächung des iranischen Milizsystems dar, das in den vergangenen Monaten Stück für Stück zusammengebrochen ist. Die Attacken können auch als Botschaft an Teheran verstanden werden: Israel demonstriert erneut seine Fähigkeit, komplexe Angriffe auf weit entfernte Ziele zu fliegen.
Humanitäre Katastrophe in Jemen
Die Angriffe auf die Infrastruktur werden das Leid der Bevölkerung im Bürgerkriegsland Jemen voraussichtlich massiv verstärken. Seit die Huthi vor über zehn Jahren die Macht in der Hauptstadt Sanaa übernommen haben, herrscht in Jemen eine der grössten humanitären Krisen der Welt. Über zwanzig Millionen Menschen sind in dem Land auf Hilfslieferungen angewiesen, etwa die Hälfte der jemenitischen Kinder leidet unter Mangelernährung.
Ohne Strom und ohne funktionsfähige Häfen wird sich die Lage zuspitzen: Neben militärischem Nachschub für die Huthi erreichen auch lebenswichtige humanitäre Hilfslieferungen Jemen über die Häfen am Roten Meer. Allein über den Hafen von Hodeida sollen rund achtzig Prozent aller Hilfsgüter geliefert werden. Israel bombardierte diesen bereits im Juli, allerdings ohne ihn vollständig lahmzulegen. Der Angriff von Donnerstag ist ein schwerer Schlag gegen die Huthi und Iran – doch noch härter wird er die notleidenden Jemeniten treffen.

