Für Israel ist die Tötung des stellvertretenden Chefs der Kassam-Brigaden ein Erfolg. Dass dieser sich in der Mitte des Gazastreifens befand, muss der israelischen Armee allerdings Sorgen machen und gibt einen Hinweis auf die Pläne der Terrorgruppe.
Israel hat Marwan Issa getötet, einen Drahtzieher des Hamas-Massakers vom 7. Oktober. Das bestätigte der Berater für nationale Sicherheit des amerikanischen Präsidenten, Jake Sullivan, am Montag. Die israelische Armee hatte vergangene Woche mitgeteilt, dass sie einen Tunnel in Nuseirat, einer Stadt in der Mitte des Gazastreifens, bombardiert habe, in dem sich Issa befunden habe. Allerdings hatte sie nicht genügend Informationen, um den Tod des Hamas-Führers zu bestätigen.
Issa war der Stellvertreter von Mohammed Deif, dem Chef der Kassam-Brigaden. Die Kassam-Brigaden sind der militärische Arm der Hamas, Hunderte ihrer Kämpfer mordeten am 7. Oktober in Israel. Nach Deif und dem Chef der Hamas in Gaza, Yahya Sinwar, war Issa die Nummer drei der islamistischen Bewegung im Gazastreifen. Was ist über den Mann bekannt, der nun im Alter von 58 oder 59 Jahren getötet wurde?
Marwan Issa – der Mann der Daten
Ab 2012 war Marwan Issa der stellvertretende Anführer der Kassam-Brigaden. Diese Rolle übernahm er, nachdem Israel seinen Vorgänger getötet hatte. Der frühere Leiter des israelischen Militärgeheimdiensts, Tamir Hayman, nannte Issa in der «New York Times» den «Verteidigungsminister der Hamas». Er sei der strategische Kopf der Terrororganisation. Issa trat selten in der Öffentlichkeit auf, es existieren nur wenige Fotos von ihm.
Der langjährige Mitarbeiter des deutschen Bundesnachrichtendienstes (BND) Gerhard Conrad konnte Issa zwischen 2009 und 2011 rund zehnmal treffen. Beauftragt von der israelischen Regierung, verhandelte Conrad damals mit der Hamas über die Freilassung von Gilad Shalit. Der nach Gaza entführte israelische Soldat wurde 2011 schliesslich gegen über tausend palästinensische Gefangene ausgetauscht – unter den Freigelassenen war auch der heutige Hamas-Chef in Gaza, Yahya Sinwar.
«In meinen Verhandlungen mit der Hamas war Marwan Issa der Mann der Daten», sagt Conrad im Gespräch. «Er stellte die Listen der Gefangenen zusammen, die die Hamas befreien wollte, und schlug auch neue Kandidaten vor, wenn Israel einige ablehnte.»
In den Verhandlungen habe Issa meist Zurückhaltung an den Tag gelegt. «Ich habe ihn als sehr sachbezogen und nüchtern erlebt», sagt Conrad. Über Issas persönliche Umgangsformen habe sich der deutsche Geheimdienstler nicht beschweren können. «Er war sehr strikt in seinen Auffassungen und Forderungen, wie sich das eben für einen guten Militanten gehört.» Eigene politische Akzente habe Issa allerdings nicht gesetzt. «Natürlich hat auch er mir gesagt, dass der militante Widerstand gegen Israel notwendig und religiös geboten sei, aber inhaltlich wich er nicht von dem Bekannten ab. Er war ein durch und durch überzeugter Anhänger der Hamas – sonst schafft man es auch nicht in so eine Position. Aber er war kein Politiker.»
Für Israel ist Issas Tod ein wichtiger Schritt zu dem Ziel, die militärischen Strukturen der Hamas in Gaza zu zerschlagen. Mit Issa verliert die Terrorgruppe einen Anführer, doch kann sie weiterhin operieren. Dass Issa in Nuseirat, im mittleren Gazastreifen, getötet wurde, zeugt auch von den Schwierigkeiten, vor denen Israels Militär in Gaza steht.
Im Norden Gazas will sich die Hamas neu gruppieren
Denn dass sich ein hochrangiger Kommandant der Hamas so weit entfernt vom Süden der Küstenenklave befindet, wo Israel die verbleibenden Anführer der Terrororganisation vermutet, gibt einen Hinweis auf die Pläne der Islamisten: Sie arbeiten offenbar mit Hochdruck daran, im Norden Gazas wieder Fuss zu fassen.
«Es ist anzunehmen, dass sich Issa bereits wieder um die Restrukturierung von Kassam-Kräften im Norden von Gaza bemühte und dort erneut Netze im Untergrund aufzubauen versuchte», sagt Conrad. «Eine Rehabilitation der Kräfte in Gaza zur Wahrung der eigenen Machtposition ist unverändert das höchste Ziel der Hamas-Führung. Dies lässt sich unschwer aus einigen der bekanntgewordenen Forderungen der Organisation in den Geiselverhandlungen ablesen.»
Der israelische Angriff auf das Shifa-Spital am Montagmorgen deutet ebenfalls darauf hin, dass die Hamas weiter im Norden des Küstenstreifens präsent ist. Bereits vor Wochen verkündete Israel, die militärischen Strukturen der Hamas in dem Gebiet zerschlagen zu haben. Doch das scheint nur bedingt zuzutreffen. Nach dem Militäreinsatz teilten die israelischen Streitkräfte mit, sie hätten dort rund 180 Terrorverdächtige festgenommen und über 50 Terroristen getötet. Unter den Getöteten habe sich auch Faik Mabhuh befunden, ein wichtiger Kommandant der von der Hamas kontrollierten Polizei in Gaza.
Dass Israel in kurzer Zeit zwei hochrangige Hamas-Kommandanten ausschalten konnte, ist ein grosser Schritt vorwärts im Krieg gegen die Terrorgruppe. Doch dass ihre Kämpfer sich wieder im Norden Gazas tummeln, zeigt: Die Hamas setzt augenscheinlich alles daran, Israel in einen langen Guerillakrieg zu verwickeln – in Gebieten, die die israelische Armee schon längst unter Kontrolle zu haben meinte.