An kaum einem Ort der Erde lassen sich die Gezeiten so intensiv erleben wie auf Jersey, der Kanalinsel zwischen Frankreich und England. Sie betört auch mit anderen Schätzen.
Mit der Flut verschwinden sie fast. Aus dem Wasser ragen nur noch wenige Felsen, an die sich vereinzelt Hütten klammern, als seien sie Schiffbrüchige. Doch wenn sich das Meer zurückzieht, legt es sein verborgenes Reich frei: weite Sandbänke, schimmernd wie Seide, und in flachen Lagunen tanzt silbern das Licht.
Ein Speed-Boot führt von der Insel Jersey hinaus in die Stille dieser Landschaft, die sich nicht festhalten lässt. Der Fahrtwind schneidet das Gesicht kalt und scharf, das Meer blitzt in tausend Splittern, aufgebrochen vom Bug, der die Strömung teilt.
Der Archipel Écréhous ist beliebt bei Tagesausflüglern, die hier ihre Gedanken in die Weite schweifen lassen. Seeschwalben zeichnen zarte Bögen in den Himmel. Robben wärmen ihre Bäuche auf rundgeschliffenen Steinen, und in der Ferne, durchs Spektiv sichtbar und fast kitschig, bricht ein Delfin durch das gläserne Blau.
Auf den Gezeiteninselchen von Écréhous lebt kein Mensch dauerhaft. Die einstigen Fischerhütten, verkrustet vom Salz in Gischt und Wind, sind heute die Ferienhäuschen von Jerseyanern, die vor ihrer Haustür schnorcheln und sonnenbaden oder bei Ebbe auf dem Meeresboden spazieren. Abends erzählen sie sich Geschichten von Austernzüchtern, die bei ansteigendem Wasserstand in den Häusern Schutz vor der Flut suchten, und von Seeleuten, die sich an den rötlich-gelben Felsen aus abgelagertem Korallenkalk orientierten, um nicht in den Fluten unterzugehen.
Die Gezeiten sind die wahren Architekten dieser Welt, die nur für Stunden existiert, die Muscheln anspülen, Gesteine formen, Schiffe versenken. Der Archipel gehört den Winden und den Wellen, der Unbeständigkeit, die hier zur Beständigkeit wird. Écréhous, das nicht ganz zum Land und nicht ganz zum Wasser gehört, vermittelt eine Lektion in Vergänglichkeit. Ein Land, das sich dem Zugriff entzieht; ein Ort, der nicht bleibt und gerade deshalb unvergessen und bemerkenswert schön ist.
Ist er der Schatz der Insel Jersey?
Das Paradies im Ärmelkanal
Inseln beflügeln die Phantasie. Ihre abgelegene, isolierte Lage lässt sich leicht als Hinweis auf etwas Unbekanntes oder Verborgenes deuten, das nur darauf wartet, entdeckt zu werden. Wer eine Insel betritt, erwartet etwas Wunderbares und erhofft sich, Teil zu werden von etwas, das das Gewöhnliche übersteigt und über die Banalität des Offensichtlichen hinausführt.
Die Kanalinsel Jersey, auf der alles von den Gezeiten geprägt ist, kann man sich leicht als Schatzinsel vorstellen. Behütet liegt sie im Golf von Saint-Malo, umgeben von den rauen Gewässern des Ärmelkanals zwischen Frankreich und England. Mit einer Breite von 8 Kilometern und einer Länge von 15 Kilometern ist sie so klein, dass man sie in 90 Minuten mit dem öffentlichen Bus umrunden kann.
Viele Menschen verknüpfen Jersey eher mit einer Stoffart als mit einer Insel im Ärmelkanal. Ein Umstand, der sich als Segen erweist. Obwohl die Insel gut erschlossen ist, bleibt sie von den Massen verschont, die sich lieber auf Inselparadiese im Süden befördern lassen. So bleibt Jersey ein Ort für Entdecker auf der Suche nach Glück und vielleicht sogar einem Schatz.
Das gut gehütete Erbe
Tatsächlich stiessen vor einigen Jahren zwei Freunde auf Jersey auf einen wertvollen Schatz, der weit über die Inselgrenzen hinaus für Aufmerksamkeit sorgte. Angetrieben von früheren Münzfunden, durchstreiften die beiden Pensionäre Reg Mead und Richard Miles mit Metalldetektoren das Ackerland im Osten der Insel. Dreissig Jahre lang. Bis 2012 der Boden bei einer Sonde ein Geräusch auslöste. In den Erdschichten unter einem Baum, umschlungen und geschützt von Wurzeln, stiessen sie auf einen Topf, der Silberknöpfe und eine Goldmünze barg.
Die Sondengänger suchten weiter und stiessen schliesslich auf fast 70 000 verklumpte Silbermünzen, zwei Gold-Torques und schimmernden Schmuck.
Die Münzen zeugen von einem keltischen Volk, das in der Sturmflut der Geschichte zu versinken drohte. Der Stamm der Koriosoliten aus der Bretagne hatte die Insel etwa 50 Jahre vor Beginn unserer Zeitrechnung als Versteck aufgesucht, als das römische Imperium ihre Heimat mit der Gewalt einer aufziehenden Flut bedrohte. In einem verzweifelten Versuch, ihren Reichtum zu retten, versteckten sie ihn auf Jersey, weit entfernt von der damaligen Welt. Heute gilt Le Câtillon II als der grösste Schatz aus der jüngeren Eisenzeit in Westeuropa.
Im Museum neben dem megalithischen Dolmen La Hougue Bie in Vitrinen ausgestellt, zeugen heute Münzen, goldene Halsringe und silberne Fibeln vom Versuch, das zu bewahren, was verlorenzugehen drohte. Der keltische Schatz von Jersey offenbart das tiefe menschliche Bedürfnis, das Vergängliche gegen die Unbeständigkeit der Zeit zu verteidigen. Und der Fund selbst verbindet die Gegenwart mit der Vergangenheit, wie das Meer, das bei Ebbe seine Schätze freigibt, als würde es sich an den Moment erinnern, in dem es sie einst verschlang.
Dieser Schatz ist nur ein Fragment des Reichtums, den Jersey über Jahrtausende gehütet hat. Denn die Insel gleicht einem Mosaik aus zahllosen kleinen Kostbarkeiten, die überall verborgen liegen.
Im Norden von Jersey, wo schroffe Felsen sich wie Wächter gegen das Meer stemmen, winden sich Klippenpfade zu Landgasthöfen, allein stehenden Glace-Buden und zu versteckten Buchten, in denen Piraten ihre Beute verbargen.
Der Osten wird gesäumt von mittelalterlichen Wehrtürmen und Festungsanlagen aus dem Zweiten Weltkrieg, die heute als stumme Zeugen über die Geschichte wachen. Gegen das Meer hin öffnet sich die Landschaft in weite, verschlickte Wattflächen, die Delikatessen-Austern in Wasserzuchten nähren.
Im Süden verbindet die Hafenstadt Saint Helier maritimen Charme mit englischem Understatement; Jersey untersteht als britischer Kronbesitz König Charles III., besitzt aber weitreichende Autonomien.
Der Westen Jerseys ist mit seiner wilden Küste, dem bis zu zwölf Meter hohen Tidenhub und seinen Wellen ein Paradies für Surfer.
Im Inneren der Insel, zwischen sanften Hügeln, verwunschenen Tälern und kleinen Dörfern, liegen 6000 Jahre alte keltische Grabanlagen, die Dolmen.
Der Klang der Insel
Ein anderer Schatz auf Jersey birgt den Klang der Insel in sich. Die Inselsprache Jèrriais klingt wie der salzige Wind, der durch die Heckenrosen streicht, und wie das Knirschen von Muscheln unter nackten Füssen. Normannische Siedler brachten die Mundart um die erste Jahrtausendwende vom heutigen französischen Festland auf die Insel und verankerten sie im Alltag der Bauern, Fischer und Händler. Doch dann rollten die Wellen der Geschichte heran: 1204 zogen englische Flaggschiffe in den Hafen ein und vertrieben die französischen Banner. Jèrriais blieb, wie ein unerschütterlicher Fels im Sturm, von Generation zu Generation weitergegeben, während das Land zwischen den Gezeiten der Herrschaft von Frankreich und England hin- und hergerissen wurde.
Jahrhundertelang war Jèrriais die Sprache des Alltags, eigenständig gewachsen in der Isolation der Insel. Doch im 19. und 20. Jahrhundert rollten neue Wellen heran, die ein Meer aus Papier und Gesetzen und neue Ausdrücke brachten. Englisch überflutete die Insel, wuchs mit den Handelsbriefen und Zeitungen und floss in den Schulunterricht ein. Die neue Sprache versprach die Zukunft, während Jèrriais in die Vergangenheit glitt. Die Kinder lernten die Sprache ihrer Vorfahren nicht mehr, und die Alten, so kann man sich vorstellen, flüsterten sie nur noch in ihren Träumen. Und wer weiss, vielleicht, vielleicht sagte ab und an der eine Grossvater noch leise in Jèrriais zu seiner Frau «J’t’adouothe», «Ich liebe dich».
Jedenfalls war die Sprache dem Untergang geweiht.
Aber Jersey ist ein Ort, an dem das Vergängliche auf leise Weise fortbesteht, weil die Gezeiten des Meeres und jene der Zeit niemals stillstehen. In den unaufhörlichen Ebben und Fluten und den verlorengehenden Wörtern schimmert die Unbeständigkeit des ständigen Kommens und Gehens. Und so liegt der wahre Schatz von Jersey nicht im Auf und Ab des Meeres, nicht im Glanz der Münzen und auch nicht im Klang der Worte. Er offenbart sich Entdeckern überall auf der Insel im Erleben dazwischen.
Jèrriais verschwand nie ganz. Wie ein Boot, das bei Ebbe im Sand liegt, wartete die Sprache auf die Flut. Während der deutschen Besatzung sollen ältere Einheimische die eigenwillige Mundart sogar als Geheimsprache genutzt haben. Jahrzehnte später begannen Menschen, die Sprache wiederzufinden in alten Liedern, Notizbüchern und Erinnerungen. Sie fingen an, alte Worte neu zu formulieren und Jersey seine Stimme zurückzugeben. Seit den 1990er Jahren wird Jèrriais durch Schulen und kulturelle Initiativen bewahrt und wieder gelehrt. Mit jeder neuen Welle der Erinnerung kehrt der Klang Jerseys zurück, langsam breitet er sich wieder über die Insel aus und füllt die stillen Zwischenräume.
Diese Reportage wurde möglich dank der Unterstützung des Kanalinsel-Spezialisten Rolf Meier Reisen (www.rolfmeierreisen.ch), der von Mitte April bis August Direktflüge von Zürich und Bern nach Jersey anbietet, sowie des Tourismusbüros Jersey (www.jersey.com).