Die Autorin erinnert sich an eine Phase ihres Lebens, als die neue Frau ihres ehemaligen Geliebten für sie zu einer Obsession wurde. Mit ihrem kühlen Stil seziert sie ein brennendes Gefühl.
Wer eifersüchtig ist und von diesem brennenden, demütigenden Gefühl heimgesucht wird, gerät auf die andere Seite der Vernunft. Der Eifersüchtige ist wie von Sinnen. Er kennt sich nicht mehr, wie er später sagen wird. Weil das, was er zu verlieren droht, oder er sich einbildet, zu verlieren, so existenziell ist: Die Angst hat von ihm Besitz ergriffen.
In «Die Besessenheit» beschreibt die französische Schriftstellerin Annie Ernaux den Ausnahmezustand, in den die neue Frau ihres Ex-Geliebten sie vor Jahrzehnten versetzt hat. Dabei war sie es, die W. verlassen hat, weil sie sich mit ihm langweilte. Er ist ein Mann von Anfang dreissig. Sie selber ist um die fünfzig. Nun will sie ihn zurück.
Dass die Neue ebenfalls älter ist, macht es für die Erzählerin nicht besser: Das regt sie erst recht an, sich mit ihr zu vergleichen. Doch der Eifersüchtige unterliegt immer in seiner Phantasie: Die neue Frau ist schöner, interessanter, der Sex mit ihr besser. So quält er sich.
Die ganze Stadt ist «besetzt»
Mit gewohnt kühler sprachlicher Präzision befragt Ernaux in dem schmalen Buch, das im Original bereits 2002 erschienen ist, ein heisses Gefühl. Die Bedürftigkeit, die die Eifersucht auslöst, dann wieder die Leere. Die Verlassenheit, wenn sie sich vorstellt: «Jetzt liegt er im Bett einer anderen Frau.»
Die Obsession der Erzählerin gilt der Fremden, die sie sich in der Phantasie entwirft. Tagelang, nächtelang. Sie besetzt ihren Geist und Körper wie ein Haus. «Ich dachte nur noch durch sie.» Die ganze Stadt ist «bevölkert» mit ihr: In jeder Frau Mitte vierzig in der Metro sieht sie «sie». Auf dieses physische Erleben der Eifersucht weist der französische Originaltitel hin: «L’ Occupation», die Besetzung.
Mit den wenigen Informationen, die die Erzählerin hat, versucht sie, die Identität der Frau herauszufinden. Sie macht anonyme Telefonanrufe. Sie überlegt sich, sie vor dem Haus des Ex-Geliebten abzupassen. Was sie dann – man ist erleichtert – nicht tut.
Schonungsloser Blick auf sich selbst
Erst viele Jahre später lässt sich der Irrsinn intellektualisieren, der sie, eine Intellektuelle, in jener Zeit ergriffen hatte. Beim Lesen tut es fast weh, zu sehen, wie hier jemand die Selbstachtung verliert. Wie immer zeigt Ernaux kein Erbarmen und richtet den Blick gnadenlos auf sich selbst.
Sie sagt es so: Die Obsession und den Schmerz im Schreiben blosszulegen, sei etwas anderes als die Blossstellung, die sie damals hätte befürchten müssen, wäre sie bei ihren Nachforschungen aufgeflogen. «Schreiben bedeutet zunächst einmal, nicht gesehen zu werden.» Deshalb empfinde sie so viele Jahre später keine Scham beim Aufschreiben. Sie empfinde gar nichts. Ihre Eifersucht werde zu «einer Eifersucht», ihr Verlangen zu «einem Verlangen».
Damit beschreibt Ernaux ihre Methode, für die sie so bewundert wird: aus der persönlichen eine allgemeine Geschichte zu machen.
Das Erzählerische der Eifersucht
Erst im Rückblick kann die Autorin auch das dunkel Schillernde an der Eifersucht erkennen, das Erzählerische an dem Gefühl, das Rauschhafte. Die Eifersucht trieb sie zu einem «Erfindungsreichtum» an, «zu fiebrigen Aktivitäten». Sie durchlitt einen Furor wie in einem Roman.
Dabei ermöglicht die Eifersucht eine Intensität des Erlebens: Sie habe sich selten so lebendig gefühlt, schreibt Ernaux. Deshalb hat sie, so paradox es klingt, das Gefühl, etwas verloren zu haben, als sich die Eifersucht legt: «wie jemand, der merkt, dass er nicht mehr rauchen oder keine Drogen mehr nehmen muss».
Annie Ernaux, die in wenigen Tagen 85 wird, bleibt das Schreiben. Es besetzt sie, die ihr ganzes Leben literarisch erforscht hat, genauso.
Annie Ernaux: Die Besessenheit. Aus dem Französischen von Sonja Finck. Suhrkamp-Verlag, Berlin 2025. 66 S., Fr. 33.90.