Der Superstar der Mixed Martial Arts sucht die Nähe von Autokraten. Er inszeniert sich als Bewahrer der «Irishness» und flirtet mit einer Politkarriere, obwohl er wegen Vergewaltigung verurteilt wurde. Sein Vorbild ist kein Unbekannter.

Inzwischen sind fast vier Jahre vergangen, seit man Conor McGregor zum letzten Mal im «Käfig» gesichtet hat – so wird das eingezäunte Oktagon für die Duelle der Ultimate Fighting Championships (UFC) häufig genannt. Trotzdem ist der 36-jährige Superstar der Mixed Martial Arts, der brutalsten aller Kampfsportarten, weiter nahezu omnipräsent. Nur fügen sich die Episoden, die medial über den Mann aus Dublin verbreitet werden, in jüngster Zeit zu einem irritierenden Gesamtbild – und das ist vorsichtig ausgedrückt.

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«The Notorious», so sein Kampfname, hat sich über 28 Kämpfe in 13 Jahren (22 Siege, 6 Niederlagen) nicht nur ein Vermögen von geschätzt 200 bis 300 Millionen Euro aufgebaut. Sondern auch eine digitale Fangemeinde von rund 47 Millionen Menschen, die ihm auf Instagram folgt. Sie werden von dem einst bestbezahlten Sportler der Welt regelmässig über Comeback-Pläne informiert, die sich bald wieder in Luft auflösen. Gleichzeitig setzt McGregor immer mehr seine Meinung zu den politischen Verhältnissen in der Republik Irland ab, wobei er mächtig austeilt.

«Irland, wir sind im Krieg»

Im November 2023 etwa hatte sich der Aufsteiger aus kleinen Verhältnissen über die Messerattacke eines wirren Täters algerischer Herkunft erregt, bei der im Zentrum von Dublin drei Grundschülerinnen und eine Begleiterin teilweise schwer verletzt wurden. Der blutige Vorfall, der in Irlands Hauptstadt heftige Unruhen auslöste, war für den Kampfsportler ein Fanal. «Irland, wir sind im Krieg», postete McGregor martialisch. Und: «Wir werden keine von unseren Frauen und keines von unseren Kindern mehr an kranke und verkorkste Leute verlieren, die an erster Stelle nichts in Irland verloren haben.»

Die markigen Worte brachten McGregor viel Zustimmung, besonders von rechter Seite, aber auch Ärger mit der Garda, der irischen Polizei. Sie behielt sich vor, die nationale Sport-Ikone wegen Volksverhetzung zu belangen. Das ist inzwischen vom Tisch. Dennoch haben weitere Kommentare nichts an Schärfe verloren. Der erklärte Patriot nutzt seine immense Popularität immer wieder, um sich als Bewahrer der angeblich gefährdeten «Irishness» zu inszenieren. Sowie mit der Option zu flirten, eventuell selbst in die Politik zu gehen.

Es werde «einen Wechsel» auf der Insel geben, kündigte McGregor mehrfach etwas kryptisch an, eventuell gar mit ihm an der Spitze. Dazu passt, dass er seine Posts schon mal mit «Irland, dein Präsident» beendet und davon spricht, dass die Iren sich wieder «sicher» fühlen wollten. Aber auch der eifrigste Herold der öffentlichen Ordnung verliert an Glaubwürdigkeit, wenn er selbst rote Linien überschreitet. Mehrere Scharmützel am Rande von UFC-Events und in irischen Pubs deuten darauf hin, dass McGregor wenig Affektkontrolle hat. Den Konsum von Kokain hat er zugegeben; sein Führerschein wurde ihm nach mehreren Vorfällen für zwei Jahre entzogen.

Noch schwerer wiegt, dass der Selbstdarsteller nun auch als Vergewaltiger verurteilt ist. Im vergangenen November befand ihn der High Court in einem zivilrechtlichen Prozess für schuldig, Ende 2018 eine ihm bekannte Frau in einer Dubliner Hotelsuite brutal missbraucht zu haben, und setzte ein Schmerzensgeld von knapp 250 000 Euro fest. Die Klägerin hatte knapp zwei Millionen gefordert.

Der Angeklagte hatte von einvernehmlichem Sex gesprochen, aber die Würgemale am Hals des Opfers und die von Gutachtern bestätigten psychischen Folgeschäden deuteten auf das Gegenteil hin. Seither gilt der einstige Volksheld nicht nur bei Frauen als gewaltbereiter Frauenfeind. Der «Irish Independent» etwa nannte ihn einen «toxischen Kobold» und «Gaukler der heutigen Zeit».

Gleichzeitig haben sich mehrere Unternehmen von ihrem mit Millionen dotierten Werbepartner distanziert. Ein amerikanischer Spirituosen-Konzern liess McGregors Namen und Gesicht von allen Erzeugnissen entfernen – allen voran dem Whiskey «Proper No. Twelve», den McGregor einst selbst auf den Markt gebracht hatte. Dazu wurde der erste Doppel-Champion in der Geschichte der UFC (Feder- und Leichtgewicht) aus dem Videospiel «Hitman» getilgt. An den Flughäfen von Dublin und Cork wurden gar sämtliche Produkte aus dem Sortiment entfernt, die irgendwo mit McGregor in Verbindung zu bringen sind.

Das hätte manchen gereicht, politische Ambitionen wie moralisierende Kommentare erst einmal einzustellen. Zumal im Süden Floridas bereits der nächste Prozess wegen sexuellen Missbrauchs vorbereitet wird. Er wurde angestrengt von einer New Yorker Geschäftsfrau, die im Sommer 2023 bei einem NBA-Spiel der Miami Heats auf eine Toilette im Stadion gelockt worden sein soll, wo McGregor sie zu sexuellen Handlungen genötigt habe. Doch ähnlich wie im Oktagon will der zähe Kämpfer auch in der Öffentlichkeit um keinen Preis das Feld räumen.

Das Lob von Elon Musk

So sah man den gelernten Klempner aus Dublins Bezirk 12 (daher der Name des Whiskeys) am irischen Nationalfeiertag St. Patrick’s Day als Donald Trumps Ehrengast im Weissen Haus in Washington, auch dieser ein verurteilter Sexualstraftäter. Trump unterhält enge Beziehungen zur Ultimate Fighting Championship. Er hat sie einst vor dem Konkurs gerettet, viele seiner Wähler kommen aus dem MMA-Milieu. Im feinsten Dreiteiler lobte McGregor das «inspirierende Arbeitsethos» des amerikanischen Präsidenten und bezichtigte die irische Regierung, sich nicht mehr für die Interessen der irischen Bürger zu interessieren. Da seien «keine Taten, keine Verantwortlichkeit» zu entdecken, wie handverlesene Journalisten zu hören bekamen.

Die populistische Ausdrucksweise ist kein Zufall. McGregor gilt nicht erst seit gestern als Bewunderer von autokratischen Staatschefs. Den russischen Machthaber Wladimir Putin hat er auch schon als «einen der grössten Anführer unserer Zeit» bezeichnet und Trump als einen «phänomenalen Präsidenten». Vor diesem Hintergrund sorgt sich mancher über einen ähnlichen Aufstieg McGregors in der irischen Republik. Immerhin verfügt der Käfigkämpfer über gigantische Echoräume auf Social Media – sowie Millionen für jede noch so aufwendige Kampagne.

Ein echter Aufbruch ist jedoch (noch) nicht zu erkennen. Ende März erklärte sich nur einer von 188 befragten Stadträten in Irland bereit, McGregor bei einer Kandidatur für das Präsidentenamt zu unterstützen. Ohne diese Zustimmung kann er gemäss den Vorschriften nicht zugelassen werden – auch wenn Trumps Sonderbeauftragter Elon Musk befunden hat, dass diese Personalie «keine schlechte Idee» für die Zukunft der Insel sei.

Andere zweifeln, ob der von schweren Verletzungen geplagte Star, der laut Vertrag noch zwei Kämpfe in den UFC Championships abzuliefern hat, wirklich ernste Ambitionen hat – oder nur um beinahe jeden Preis auf der grossen Bühne bleiben will. Dass er das Ego dazu mitbringt, hat «The Notorious» bewiesen.

Ein Artikel aus der «»

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