Donnerstag, März 27

Bis vor kurzem haben die USA und Europa bei der Rohstoffversorgung eng kooperiert. Aber nun streben die USA und andere Grossmächte die exklusive Kontrolle über Bodenschätze an – zum Nachteil Europas.

Europa eilt es mit der Aufrüstung. Rohstoffe spielen dabei eine Schlüsselrolle, denn sie werden benötigt für Granaten, Raketen oder die sie lenkenden Chips. Allerdings treffe diese Nachfrage auf ein knapper werdendes Angebot an strategischen Rohstoffen, befürchtet der Branchenvertreter Michael Wurmser.

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Der Schweizer ist ein Warner, aber auch ein Profiteur eines allfälligen Rohwarenbooms. Er war an der Gründung des norwegischen Bergbauunternehmens Norge Mining beteiligt und fungiert noch als dessen Berater.

Die Firma will im Südwesten Norwegens bei Egersund Phosphatgestein abbauen, das die Metalle Vanadium und Titan enthält: alles Rohstoffe, die auch in der Verteidigungsindustrie Verwendung finden. Ende 2029 soll es mit der Förderung losgehen.

Die phosphathaltigen Gesteinsmassen umfassen angeblich 70 Milliarden Tonnen und sollen das grösste Vorkommen der Welt sein. Die EU hat Norge Mining finanzielle Unterstützung in Aussicht gestellt, im Gegenzug sollen die Firmen des Kontinents Zugang zu den Metallen erhalten.

Trump erschreckt Europa mit seinen Grönland-Avancen

Global gesehen hat ein Wettlauf um Rohstoffe begonnen. Die unfreundlichen Avancen, die der amerikanische Präsident Donald Trump gegenüber Grönland macht, lassen sich mit der Furcht der grossen Mächte erklären, bei der Rohstoffversorgung abgehängt zu werden. Die riesige Insel ist rohstoffreich und liegt so nahe bei den USA, dass geförderte Metalle sicher dorthin transportiert werden können. Das macht Grönland für US-Strategen zu einer Schlüsselregion.

Die EU hat auf die amerikanischen Avancen konfus reagiert, und Europa wird Mühe haben, beim Wettlauf um Rohstoffe mitzuhalten. Auf dem Kontinent fand zwar vor zweihundert Jahren die industrielle Revolution statt, die auf Kohle und Eisen beruhte. Aber heute hat die Rohstoffgewinnung kaum mehr Bedeutung.

Neue Projekte sind schwierig zu verwirklichen – Skandinavien stellt eine Ausnahme dar. Der Rohstoffabbau gilt als umweltschädigend, weshalb sich die Bevölkerung dagegen wehrt. Emissionen entstehen auch bei der Weiterverarbeitung der Metalle. Dieser schlägt ebenfalls viel Skepsis entgegen. Europas Rohstoffe werden deshalb zum grossen Teil importiert, und das Bergbaufachwissen ist weitgehend verlorengegangen.

Das hat die EU so nervös gemacht, dass sie vor einem Jahr die Critical Raw Material Act (CRMA) schuf. Diese definiert unter anderem 34 Rohstoffe, bei denen ein hohes Versorgungsrisiko besteht oder deren Verfügbarkeit für die Industrie überlebenswichtig ist. Mindestens 10 Prozent des strategischen Rohstoffbedarfs sollen in der EU abgebaut und 40 Prozent dort verarbeitet werden.

Ursprünglich wollte die EU mit der CRMA in erster Linie sicherstellen, dass der Kontinent genügend Rohstoffe für die ökologische Wende hat, zum Beispiel Lithium für E-Autos. Doch der Blickwinkel hat sich verschoben – hin zur Rüstung. «Rohstoffsicherheit ist ein Schlüsselfaktor für Europas Verteidigung und wirtschaftliche Selbständigkeit», sagt Wurmser.

Die USA sind vom Partner zum Konkurrenten geworden

Hier hat sich die Lage für Europa dramatisch verschlechtert. Noch vor kurzem waren die USA im Rohstoffbereich ein Partner. Vor zwei Jahren haben westliche Industrieländer, die USA und die EU-Kommission die Minerals Security Partnership geschlossen, also eine Kooperation im Bereich Rohwaren. Die USA feierten die Übereinkunft beinahe euphorisch. Man werde bei der Versorgung mit Rohstoffen stärker und sicherer, meinte das Aussenministerium 2023. Sichere Versorgung durch Kooperation, hiess das Motto.

Mittlerweile scheint diese Devise aus einem anderen Zeitalter zu stammen. Die internationalen Spannungen haben derart zugenommen, dass vor allem die mächtigen Länder bei den Rohstoffen bloss für sich schauen.

Und Rohwaren sind zu einer Waffe im eskalierenden Handelsstreit geworden. Als die USA im Februar Zölle über Chinas Exporte verhängten, vergingen nur Stunden, bis die asiatische Grossmacht mit einer ihrer schärfsten Waffen reagierte: Sie führte gegenüber den USA Ausfuhrkontrollen bei fünf Metallen ein, unter anderem bei Wolfram.

Das Schwermetall wird auch für die Waffenproduktion genutzt. Deshalb dürfte es allen westlichen Regierungen zu denken geben, dass 2023 rund 80 Prozent des weltweit nachgefragten Wolfram aus China stammten. Bei vielen anderen kritischen Metallen verfügt das Land über ähnlich hohe Marktanteile.

Auch wenn noch nicht klar ist, in welchem Umfang die Restriktionen Europa treffen werden, sind die Exportkontrollen auch für den Kontinent schlechte Nachrichten. Die Verfügbarkeit wichtiger Metalle nimmt auf dem Weltmarkt ab.

Dabei hat die EU bei der Rohstoffversorgung immer auch auf Kooperation und Handel gesetzt. Doch nun, da immer mehr Länder den freien Austausch von Gütern beschränken, geraten die EU und Europa in Bedrängnis.

In der CRMA ist zwar ebenfalls festgehalten, dass die Bewilligungsverfahren für neue Minenprojekte beschleunigt werden sollen, um in Europa vermehrt Metalle zu schürfen. Aber bis neue Minen in Betrieb gehen, dürfte weiterhin viel Zeit vergehen. Das gilt selbst für Norwegen, wo die Regierung stark auf den Bergbau setzt. Norge Mining hat im Frühjahr 2020 die ersten Explorationsbohrungen getätigt. Es wird also insgesamt neun Jahre dauern, bis Metalle gefördert werden können.

Europa wird somit kaum in der Lage sein, die Rohstoffgewinnung rasch hochzufahren. Umso heftiger wirbt die EU um Partnerschaften mit nahestehenden Ländern. Die USA dürften kaum mehr dazugehören, seitdem Trump versucht, einen Keil zwischen Grönland und dem Mutterland Dänemark zu treiben.

Westliche, lupenreine Demokratien wären für die EU eigentlich die besten Partner. Norwegen erfüllt diese Voraussetzung perfekt. Zumal das Land ein Nachbar ist und sich beim Rohstoffabbau um ökologische Standards bemüht.

Doch bei anderen Staaten gestaltet sich die Partnerschaft schwieriger. Australien beispielsweise verfügt über viele Rohstoffe und steht Europa nahe. Eine enge Kooperation, etwa über ein Freihandelsabkommen, liegt daher nahe. Doch dieses Projekt ist vor zwei Jahren gescheitert. Die Australier hatten auf eine Öffnung des Agrarsektors gedrängt, gewisse EU-Länder wollten dieses Zugeständnis aber nicht machen.

Heikle Rohstoffgeschäfte mit Autokraten

Deshalb muss die EU ihre Ansprüche bei der Partnersuche herunterschrauben. Viele rohstoffreiche Staaten sind politisch instabil, werden autokratisch regiert oder befinden sich in Regionen, wo politische Spannungen herrschen.

Das gilt auch für China. Trotzdem strebt der Staatenbund danach, das Verhältnis zum Land wieder zu verbessern. Es hat sich mit der Einführung von Zöllen auf E-Autos im vergangenen Herbst verschlechtert.

Bei autokratisch regierten Staaten muss sich Europa stets auf Überraschungen gefasst machen. So hat sich die EU auf der Suche nach Partnern jüngst auch wieder der Türkei angenähert.

Aber am vergangenen Mittwoch wurde dort Istanbuls Bürgermeister Ekrem Imamoglu verhaftet, ein politischer Konkurrent von Staatspräsident Recep Erdogan. Die EU kritisierte das Vorgehen. Die Türkei sei Beitrittskandidat und müsse höchste demokratische Standards erfüllen, forderte die EU-Aussenbeauftragte Kaja Kallas. Hehre aussenpolitische Prinzipien und Rohstoffsicherheit sind schwierig unter einen Hut zu bringen.

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