Wenn es heiss ist, helfen uns Klimaanlagen, Innenräume kühl zu halten. Aber die Maschinen treiben die Nutzung fossiler Brennstoffe nach oben. Oft wurde das Problem in den vergangenen Jahren beschworen. Jetzt gibt es neue Zahlen, die es belegen.
Wenn es zu heiss wird, gibt es die Klimaanlage, um uns zu kühlen. Zum Glück. Aber die Geräte verbrauchen grosse Mengen an Strom und befeuern dadurch die Nutzung fossiler Brennstoffe. Das Verbrennen von Öl, Gas und Kohle wiederum treibt den Klimawandel an.
Das Problem wird seit Jahren immer wieder von Forschern aufgebracht. Angesichts der sich häufenden Hitzerekorde wird es zunehmend akut, diesem schmutzigen Kreislauf zu entkommen. Die Internationale Energieagentur letzte Woche neue Zahlen veröffentlicht, die es erlauben, den klimaschädlichen Effekt genauer zu beziffern.
Die Daten unterstreichen dabei vier zentrale Aspekte der schwelenden Debatte.
1. Die Stromnachfrage wächst – auch wegen der Hitze
Die weltweite Energienachfrage wuchs 2024 um 2,2 Prozent. Die Entwicklung ist vor allem in Schwellen- und Entwicklungsländern zu beobachten. Aber auch in den Industriestaaten wuchs der Energiebedarf deutlich, um fast 1 Prozent, und das nachdem er mehrere Jahre zurückgegangen war.
Dabei stieg vor allem die Nachfrage nach Strom. Und das hat gemäss den Daten sehr viel mit dem höheren Bedarf an Klimaanlagen zu tun. Denn Rekordtemperaturen in Ländern wie China und Indien, die im vergangenen Jahr von schweren Hitzewellen überrollt wurden, haben die Nachfrage befeuert. Daneben waren auch der steigende Stromverbrauch in der Industrie, die Elektrifizierung des Verkehrs und der Stromhunger von Rechenzentren und künstlicher Intelligenz Treiber dieser Entwicklung.
Dass die Nachfrage nach Klimaanlagen steigt, wenn es heiss ist, liegt auf der Hand. IEA-Analysten illustrierten im Sommer 2023, wie stark: Halte sich die Durchschnittstemperatur am Tag bei 30 Grad, könne der wöchentliche Umsatz von Klimaanlagen um etwa 16 Prozent ansteigen, schrieben Analysten der Behörde mit Verweis auf eine Studie aus China.
Auch online konnte sich das erhöhte Interesse an Klimaanlagen nachverfolgen lassen: Google-Suchanfragen seien in der Hitzewelle von 2023 weltweit um 25 Prozent gestiegen, verglichen mit den Durchschnittswerten für die betroffene Jahreszeit in den letzten zehn Jahren.
Die Nachfrage nach Klimaanlagen wächst vor allem in Schwellen- und Entwicklungsländern. Also dort, wo weniger Haushalte solche Geräte besitzen. In Südostasien liegt die Zahl laut IEA bei 15 Prozent der Haushalte. In Indien und Afrika liegt sie derweil bei 5 Prozent. In den Vereinigten Staaten und Japan haben dagegen schon mehr als 90 Prozent der Haushalte eine Klimaanlage.
2. Die Hitze schafft eine neue Lebenslinie für die fossilen Brennstoffe
Besonders wichtig für die Klimabilanz einer Klimaanlage ist natürlich der Strom, der sie betreibt. Ein weiteres Problem ist das klimaschädliche Kühlmittel, das in den Maschinen verwendet wird.
Im vergangenen Jahr deckten die erneuerbaren Energien einen Grossteil des Energiehungers ab, sie lieferten 38 Prozent der zusätzlichen Nachfrage. Aber auch die fossilen Brennstoffe profitierten stark von dem wachsenden Bedarf.
So folgte Erdgas mit 28 Prozent schon auf dem zweiten Platz. Kohle und Öl deckten zusammen ein Viertel der zusätzlichen Nachfrage. Die Atomenergie, mit 8 Prozent, den Rest. Laut IEA-Schätzungen ist die Hitze im vergangenen Jahr sogar für den gesamten Anstieg der Kohlenutzung verantwortlich, allen voran in China und Indien.
Dabei treibt die Hitze nicht nur den Stromverbrauch nach oben, sondern kann auch die Stromerzeugung beeinträchtigen. Die vergangenen Jahre haben immer wieder gezeigt, dass trockenheitsbedingter Wassermangel der Wasserkraft zusetzen kann. Mehr Probleme zeichnen sich ab. Denn insbesondere in heissen Ländern wird die steigende Nachfrage nach Klimaanlagen und Strom die ohnehin schon strapazierten Netze zusätzlich belasten.
Die Frage ist nun: Werden neue Kraftwerke durch fossile Brennstoffe oder umweltfreundliche Alternativen betrieben werden? Je nachdem wird die steigende Stromnachfrage die Klimabilanz weiter belasten oder entlasten.
3. Hohe Temperaturen treiben die CO2-Emissionen in die Höhe
Die CO2-Emissionen sind auch im vergangenen Jahr im Energiesektor weiter gestiegen, wenn auch langsamer im Vergleich zu 2023. Und auch hier spielen die Temperaturen wieder eine Rolle. Denn die globalen Emissionen wären nur halb so stark angestiegen, hätte sich das Wetter von 2023 wiederholt, wie in der IEA-Analyse vorgerechnet wird.
Der Silberstreifen am Horizont: Es hätte schlimmer sein können. Der Zuwachs der grünen Energietechnologien hat das Wachstum der Emissionen zumindest gebremst. Laut der Analyse konnten so 2,6 Milliarden Tonnen zusätzliche CO2-Emissionen pro Jahr vermieden werden.
Air-Conditioning allein verursacht heute rund 3 Prozent der weltweiten Treibhausgasemissionen, laut Hochrechnungen von Our World in Data. Ein Problem dabei ist die Ineffizienz der meisten verkauften Klimaanlagen. Laut IEA-Daten sind die Geräte im Durchschnitt ein Drittel weniger effizient als die leistungsstärksten Modelle auf dem Markt – und das in allen Regionen der Welt. Es braucht also verschärfte Bemühungen, die Effizienz und Umweltfreundlichkeit der Geräte zu verbessern.
Ein offensichtlicher Hebel sind politisch vorgegebene Effizienz-Standards und -Labels. In der EU existieren diese bereits – und zeigen Wirkung. Auch Kältemittel mit niedrigem Treibhauspotenzial und verbesserte Technologien zur Verdichtung der Anlagen sind wichtige Schritte. Zudem ist es wichtig, die Dämmung von Häusern zu verbessern, damit die Kühle überhaupt im Inneren gespeichert werden kann und nicht sofort wieder verfliegt. Sonst treffen ineffiziente Klimaanlagen auf ineffiziente Gebäude.
Dabei müsse die Wahl für ein effizienteres Gerät nicht automatisch mehr Geld kosten, so die IEA-Analyse. Ein Gerät mit höherem Wirkungsgrad hilft dabei, die Stromrechnung zu senken; Marktdaten zeigen, dass die Wahl einer effizienteren Klimaanlage nach entsprechender Betriebsdauer sogar zu Einsparungen führen kann.
Trotz allem: Die Emissionen werden laut Hochrechnungen infolge der steigenden Temperaturen bis 2050 wohl nur weiter steigen. Eine wachsende Mittelschicht möchte nicht länger schwitzen und befeuert die Nachfrage nach Klimaanlagen.
Genau hier liegt auch das gesellschaftspolitische Dilemma. Denn will man das CO2-Problem der Klimaanlagen in den Griff bekommen, muss es gelingen, ein Gleichgewicht zu schaffen zwischen dem Anspruch, komfortabel zu leben, und dem Wunsch, die Emissionen zu reduzieren.
4. Eine Zukunft ohne Klimaanlage ist nicht möglich, aber es gibt Alternativen
Sollten wir die Klimaanlage nun also lieben oder doch hassen? «Beides», sagt Salmaan Craig, ein Professor an der Universität von Los Angeles. Denn die Klimaanlage erlaubt es, trotz Hitze produktiv zu sein, zu denken und zu arbeiten, und rettet während Hitzewellen Menschenleben.
Die Klimaanlage sei eine grossartige Erfindung gewesen, sagt Craig. Gleichzeitig sei sie aber auch «ein Notpflaster geworden». Die Existenz der Klimaanlage hat unser Verhalten und Erwartungen geformt, wie wir mit der Hitze leben und welche Wärmegrade überhaupt akzeptabel sind. «Das ist der springende Punkt», sagt Craig.
Er sieht unter anderem in Innovationen von Materialien, etwa beim Wandbau oder Dachbelägen, grosses Potenzial, Häuser künftig zu kühlen, indem sie selbst bei direkter Sonneneinstrahlung Wärme abstrahlen.
Wie gross dieses Potenzial ist, hängt natürlich auch stark von der betroffenen Region ab. Craigs Forschung bezog sich auf trockene, warme Gebiete, Bedingungen, die etwa in Kalifornien gelten. In der Schweiz käme man schon mit sogenannten passiven Instrumenten sehr weit, sagt etwa Sven Eggimann. Er forscht schon seit langem an dem Thema, war im vergangenen Jahr in Jerusalem, davor war er an der Empa in Dübendorf.
Das Haus über die Nacht abzukühlen und tagsüber mittels Beschattung, geschlossenen Fenstern oder Jalousien die Kühle im Haus zu halten, könne schon für den Grossteil der Wohngebäude ausreichen. Das Ziel, sagt er, sollte sein, «die Kälte der Nacht in den Tag zu nehmen».
Die Herausforderung sei es nun, die bestehenden Gebäude auf eine heissere Zukunft vorzubereiten, beispielsweise indem die Isolierung verbessert werde und Lüftungskonzepte ausgearbeitet würden. Zudem gibt es die Möglichkeit, Gebäude mithilfe von Seewasser abzukühlen. Daran wird in Zürich schon gearbeitet. Aber auch Ventilatoren, die weniger Strom nutzen, können Abhilfe schaffen. Sollte man aber dennoch zur Klimaanlage greifen wollen, hat Eggimann einen Favoriten: die Wärmepumpe, die sowohl kühlen wie auch wärmen kann.