Die 0:2-Niederlage gegen Frankreich wird zur negativen Offenbarung. Weder die vielgelobten jungen Spielerinnen noch die erfahrenen schaffen es, die Mängel zu übertünchen. Nur die Nationaltrainerin Pia Sundhage bleibt ruhig.

Aus den Gesichtern spricht Nachdenklichkeit, aber niemand würde sich anmerken lassen, wie umfassend die Ernüchterung ist. Ein paar Wochen vor der Heim-Euro verlieren die Schweizer Fussballerinnen den Nations-League-Match gegen Frankreich 0:2. Das ist an sich kein Drama, Frankreich gehört zu den führenden Nationen im Frauenfussball. Doch die Schlussphase wird aus Schweizer Optik zur Offenbarung im negativen Sinn. Grübeln statt sich aufbauen. Schadensbegrenzung statt Vorfreude.

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Das Team der Trainerin Pia Sundhage erweckt am Ende nicht mehr den Eindruck, einem Torerfolg nahe zu sein. Als wären Luft und Hoffnung entwichen. Zu weit entfernt ist das Spielniveau der Französinnen. «Das kann man so sagen», antwortet die Stürmerin Ramona Bachmann auf die Frage, ob Frankreich eine Nummer zu gross sei. Bachmann hat über 150 Länderspiele in den Beinen und Vergleichsmöglichkeiten.

Am Dienstag in Island muss die Auswahl auf Kunstrasen den Abstieg aus der A-Stufe der Nations League verhindern. Und am 2. Juli startet sie im St.-Jakob-Park gegen Norwegen in die EM-Endrunde. Nach dem Spiel in St. Gallen dürften sich die Verantwortlichen Sorgen machen.

Die Schweizer Hoffnung lebt

Die Schweizerinnen bleiben in der Findungsphase. Die Hoffnung lebt, muss leben in Anbetracht dessen, was im Juli auf sie zukommt. Volle Stadien, Aufmerksamkeit, Erwartungshaltung, das Drumherum. Die EM als überdimensionale Werbe-Plattform, die bespielt werden muss.

Pia Sundhage lehnt während der letzten Spielminuten an der Seite der Ersatzbank. Nichts hat etwas gebracht, die Wechsel bleiben ohne Effekt. Nach etwas mehr als einer Spielstunde beordert sie geballte Erfahrung auf den Rasen. Die 34-jährige Rekord-Nationalspielerin Ana-Maria Crnogorcevic (166 Länderspiele) ersetzt Luana Bühler, und die über wenig Spielpraxis verfügende Ramon Bachmann nimmt den Platz der 18-jährigen Sydney Schertenleib ein, die zwischendurch mit ihren flinken Füssen und dem Ball zeigt, dass sie über überdurchschnittliches Potenzial verfügt.

Doch Sundhage muss zu denken geben, dass sich der Eindruck nicht ändert. Ob Schertenleib ganz vorne, ob Bachmann, ob Seraina Piubel, ob in der zweiten Halbzeit Alayah Pilgrim – die Schweizerinnen laufen mehrheitlich hinterher und bleiben viel zu weit vom gegnerischen Tor entfernt. Von der erhofften EM-Form kann keine Rede sein, auch wenn man alles ins Positive zu kehren versucht. Der Grundtenor deshalb: lernen – und weiter.

Das Spiel gegen Frankreich ist der Vorgeschmack

Als die 18-jährige GC-Spielerin Noemi Ivelj nach der Niederlage vor den Medien Auskunft gibt, hat sie einen Strauss Mikrofone vor sich. Vorgeschmack auf den EM-Sommer. Dass im Innern des Stadions zwischen den Kabinengängen absurde Verhaltensregeln so streng durchgesetzt werden, als würde im weltweit wichtigsten Wettbewerb gespielt, ist eine andere Geschichte. Ivelj steht locker hin und sagt, mit Kameralicht im Gesicht: «Das war physisch anstrengend, aber wir dürfen nicht die Köpfe hängen lassen und müssen wieder zeigen, was wir draufhaben.»

Zum Glück ist der nächste Gegner Island schwächer einzuschätzen als Frankreich. Und zum Glück spielen die Schweizerinnen am Heimturnier nicht nur gegen das starke Norwegen, sondern auch gegen Island und Finnland.

Während die in den USA unter Vertrag stehenden Bachmann und Crnogorcevic wenig Zugriff auf das Geschehen haben, bleibt auffällig, wie unersetzbar die bald 32-jährige Lia Wälti als Schaltzentrale bleibt. Als wäre die Emmentalerin auf einem anderen Niveau unterwegs. Nach dem Spiel sagt sie: «Mir fehlen die Worte. Ich bin müde, wir mussten viel defensiv arbeiten.»

Mangels Alternativen gleitet der Blick in die Zukunft, in einem solchen Moment kann das nicht anders sein, muss auch Wälti gegen Bedenken kämpfen – «wir haben doch auch einiges richtig gemacht». Will heissen: den überlegenen Französinnen nicht viel zugelassen. Der Trost im Kleinen.

Im Schweizerischen Fussballverband wäre das Leben auch unbeschwerter, könnten die Medien zum jetzigen Zeitpunkt von einem Exploit Schertenleibs berichten, würden Bilder mit einem kraftvollen Tor Bachmanns oder einem Dribbling von Noelle Maritz viral gehen. Das wären die schönen Appetitanreger für die Endrunde. Aber dem ist nicht so. Reize müssen anderswo gesetzt werden.

Viele können mit Freikarten ins St. Galler Stadion

Der Verband hat als Veranstalter eine Kulisse geschaffen, die sich sehen lässt. Über 11 000 Personen finden sich am Freitagabend im St. Galler Stadion ein. Das ist eine beträchtliche Zahl, zumal für ein Heimspiel der Frauen. Vor dem Match fahren dicht gefüllte Busse vom Zentrum in den Westen der Stadt. Viele (junge) Frauen sind zugegen, auch Familien, Schülerinnen und Schüler. Die Tickets sind nicht teuer, und in der Stadt können Lehrpersonen für ihre Klassen bis zu 20 Freikarten beziehen.

Hauptsache, die Kulisse stimmt. Fehlt nur noch das Hauptprogramm. Wohltuend ist trotz dem Fragenkatalog die Aura der Nationaltrainerin. Pia Sundhage lässt sich nicht aus der Ruhe bringen und gelobt Besserung, nicht zuletzt wegen Eindrücken aus den Trainingseinheiten. «Untereinander connected sein» ist an diesem Abend ein Ausdruck, den einige Spielerinnen einwerfen. Die Trainerin tut das auch. Das zweite Gegentor ist eine Kommunikationspanne, da ist wenig «connected».

Aus der Verbundenheit Hoffnung schöpfen. Die Nachdenklichkeit wegdrücken.

Vergessen, wie stark die Französinnen sind. Ende Oktober 2024 gewannen die Schweizerinnen in Genf ihr letztes Spiel. Gegen Frankreich 2:1. Die damals 18-jährige Naomi Luyet schoss ein wunderbares Tor. An solchen Dingen kann man sich im Trübsal festhalten. Aber vielleicht ist es sogar besser , dass jetzt nicht ein Luyet- oder Schertenleib-Moment leuchtet. Und Mängel überdeckt.

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