Mittwoch, Februar 26

Mit seinem Vorgehen gegen die Hilfsorganisation USAID gefährdet der amerikanische Präsident die Versorgung des Flüchtlingslagers in Ostsyrien, wo auch viele ehemalige Mitglieder des Islamischen Staates festsitzen. Ein Besuch vor Ort.

Sechs Jahre ist es her, seit Hani von seiner irakischen Heimatstadt Ramadi ins syrische Niemandsland jenseits der Grenze geflohen ist. Mit seinen zwei Kindern vegetiert er nun im al-Hol-Camp vor sich hin. Das gewaltige Zeltlager im tiefen Osten von Syrien mit fast vierzigtausend Insassen ist ein Auffangbecken für die Verlorenen und Vertriebenen der ganzen Region.

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Syrer aus Aleppo sind hier ebenso gestrandet wie Iraker aus Anbar, wo einst schiitische Milizen auf ihrem Vormarsch gegen den Islamischen Staat für Angst und Schrecken sorgten. «Seither sitzen wir hier rum und haben nichts zu tun», sagt Hani, der mit anderen Männern in einer Art Gasse zwischen zwei Zeltreihen steht. Hinter ihm spielen Kinder im Staub. «Das Einzige, was uns am Leben erhält, sind Hilfslieferungen.»

Bild links: Die Kurdin Jihan Hanan ist für die Verwaltung von al-Hol zuständig. Bild rechts: Ein Kind im Lager von al-Hol. In der Zeltstadt in Ostsyrien leben bis zu 40 000 Menschen.

Diese könnten jetzt aber eingestellt werden. Seit Donald Trump der amerikanischen Hilfsorganisation USAID den Geldhahn zugedreht hat, droht auch in al-Hol nichts mehr anzukommen. Denn der USAID-Partner Blumont – eine in Amerika beheimatete Organisation – ist hier für die Versorgung zuständig. «Ohne Blumont sind wir aufgeschmissen», sagt Jihan Hanan, die Leiterin des Lagers. Die Organisation liefert etwa Brot, Wasser und Gas zum Kochen.

Flüchtlinge und Terrorbräute

Zwar konnte das Schlimmste vorerst abgewendet werden: Der amerikanische Aussenminister Marco Rubio räumte den Helfern von al-Hol kurzerhand eine 90-tägige Gnadenfrist ein. Läuft diese ab, stehen die lebenswichtigen Hilfslieferungen aber erneut vor dem Aus. «Uns drohen im schlimmsten Fall Chaos und Aufstände», sagt Hanan in ihrem Bürocontainer am Rand des Lagers.

Al-Hol – das 2003 nach der amerikanischen Invasion im Irak errichtet worden war – ist kein normales Lager. In der provisorischen Wüstenstadt leben neben gewöhnlichen Flüchtlingen auch Tausende Angehörige von Kämpfern des Islamischen Staates (IS), der vor Jahren in Teilen Syriens und Iraks eine Schreckensherrschaft errichtet hatte. Erst nach blutigen Kämpfen konnten sie von den kurdisch geführten Milizen der Syrischen Demokratischen Kräfte (SDF) besiegt werden, die bis heute den Nordosten Syriens kontrollieren.

Nach ihrem Triumph erbten die Kurden nicht nur die Verheerungen, die der IS im Osten Syriens angerichtet hatte, sondern auch dessen Kämpfer und deren Familien. Die SDF-Militärs sperrten die fanatischen Krieger in Hochsicherheitsgefängnisse. Ihre Frauen und Kinder hingegen landeten in halboffenen Lagern wie al-Hol.

«Die Frauen schmuggeln Waffen und bauen Bomben»

Seither gilt die triste Zeltstadt als tickende Zeitbombe. Zwar sind hier fast nur weibliche IS-Mitglieder inhaftiert. Das macht die Lage aber keineswegs einfacher. «Die Frauen schmuggeln Waffen, bauen Bomben und indoktrinieren ihre Kinder», sagt Hanan. Der Lagerleitung sind die Hände gebunden. Denn al-Hol ist kein Gefängnis im eigentlichen Sinne, sondern eher eine Art selbstverwalteter Organismus mit einem Zaun rundherum.

Im Lager haben Komitees das Sagen. In jenen Sektionen, wo die verschleierten Terrorbräute der IS-Kämpfer leben, herrschen Sitten wie einst im Kalifat. Wer sich dieser für Besucher zumeist verbotenen Zone nähert, wird von Kindern mit Steinen beworfen. «Dort können Elfjährige innert Sekunden eine Kalaschnikow auseinandernehmen», sagt ein wachhabender Soldat, der von einer Anhöhe aus auf das Meer aus Zelten blickt.

Die kurdischen Sicherheitskräfte versuchen, mit regelmässigen Razzien so gut wie möglich für Ordnung zu sorgen. Zudem werden die Kinder der ausländischen IS-Frauen zwecks Deradikalisierung von ihren Müttern getrennt, sobald sie das zwölfte Lebensjahr erreicht haben. «Trotzdem sind einige der Frauen immer wieder schwanger», sagt Hanan. Einige versteckten auch ihre Kinder.

Die westlichen Staaten schauen weg

Gesichert ist das Lager kaum. Der Zaun, der es umgibt, verfügt zwar über einen Aufsatz aus Stacheldraht. An manchen Stellen ist er jedoch niedergerissen. Auch wenn 600 bewaffnete Wächter das Umland bewachen, können sie kaum kontrollieren, wer oder was in das Lager gelangt. «Uns fehlen ganz einfach die Mittel, um gegen Schmuggel vorzugehen. Wir können nur Stichproben vornehmen», sagt einer der wachhabenden Soldaten.

Immer wieder haben die Kurden davor gewarnt, dass die Zustände im Lager unhaltbar seien – und die riesige Zeltstadt inzwischen zu einer Art IS-Rekrutierungsbasis verkommen sei. Doch im Ausland stiessen sie damit auf taube Ohren. Die westlichen Staaten kümmern sich kaum um ihre Staatsbürger, die sich einst freiwillig dem IS angeschlossen hatten. Sie überlassen das Problem den Kurden.

Nun fürchtet die Lagerverwaltung, dass die Lage komplett ausser Kontrolle geraten könnte. Denn nicht nur Trumps Feldzug gegen USAID bedroht die Stabilität. Auch die neuen Verhältnisse in Syrien sorgen für Unruhe. So fordert die Islamistengruppe Hayat Tahrir al-Sham (HTS), die im Dezember das Regime von Bashar al-Asad in Damaskus gestürzt hat, die Kontrolle über das Lager. Für die Kurden ist das ein Anathema. «Wenn die Islamisten um den HTS-Chef Ahmed al-Sharaa die Schlüssel zu al-Hol bekommen, dann werden sie die IS-Mitglieder freilassen», sagt Hanan.

Angst vor einer Rückkehr des IS

Dass die HTS und der IS längst Todfeinde sind, spielt für die Kurden, die in Ostsyrien nach ihrem Sieg über den IS einen De-facto-Staat gegründet haben, offenbar keine Rolle. Für sie sind Islamisten gleich Islamisten. Eine Veränderung des Status quo könne zu einer Renaissance des IS führen, wovor sie immer wieder warnen. «Es ist nur eine Frage der Zeit, bis der IS al-Hol angreift», glaubt Hanan.

Doch ist der IS tatsächlich so stark? Bisher hat die versprengte Terrormiliz das Chaos nach dem Sturz Asads nicht für sich nutzen können. Zwar behaupten SDF-Militärkommandanten immer wieder, die Islamisten seien zuletzt aktiver geworden. Von grösseren Operationen hört man aber kaum etwas. Natürlich gebe es überall Schläferzellen, erklärt ein sunnitischer Scheich in der ehemaligen IS-Metropole Rakka. «Aber die grosse Zeit des IS ist vorbei, denke ich. Er wird kaum mehr wiederkommen.»

Die schwer unter Druck stehenden Kurden haben allerdings durchaus ein Interesse daran, vor einem Wiedererstarken des IS zu warnen. Schliesslich war die Terrormiliz der Hauptgrund, warum der kurdisch dominierte Separatstaat in Ostsyrien so lange geduldet wurde. Nach dem Fall Asads droht dem Autonomieprojekt aus internationaler Sicht die Existenzberechtigung abhandenzukommen.

«Al-Hol ist ein Pulverfass»

Bei der christlichen Minderheit im Kurdengebiet fällt die Angst vor dem IS allerdings auf fruchtbaren Boden. «Wir fürchten uns vor den Islamisten», sagt Levon Yeghiaian, der armenische Bischof der ostsyrischen Stadt Kamishli, der im Rohbau seiner neuen Kirche steht. «Al-Hol ist ein Pulverfass. Wir wollen nicht, dass die Leute, die dort drinnen sind, frei herumlaufen können.» Man erinnere sich gut daran, wie schlimm die Fanatiker einst gewütet hätten.

Im Lager selbst wollen die Insassen über das Thema IS nicht reden. Sowieso können Besucher nur die irakischen und syrischen Bereiche von al-Hol betreten. «Wir haben mit dem IS nichts zu tun», sagen ein paar junge Syrer aus Aleppo auf dem improvisierten Markt im Zentrum der Zeltstadt. Auch die Lagerleiterin Hanan gesteht ein, dass man nicht wisse, welche Insassen einst dem IS angehört hätten und welche nicht.

Dennoch gibt es für Hanan und ihre Mannschaft eine gute Nachricht: Wenigstens die syrischen und irakischen Insassen sollen das Lager bald verlassen können. Bereits jetzt dürfen mehrere hundert Iraker nach Hause. Die Regierung in Bagdad hat sie einer Sicherheitsüberprüfung unterzogen und will sie mittels eines Rückführungsprogramms heimholen. Hani, der Flüchtling aus Ramadi, ist ebenfalls auf der Liste. Er freue sich, sagt er. «Das ist ja kein Leben hier.»

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