Das «Russo» im Zürcher Seefeld macht gute Laune wie der Frühlingsgesang der Amsel. Und kaum woanders in der Innenstadt gibt es so günstig einen so guten Espresso.

In diesen Tagen entdecke ich eine alte Liebe wieder. Monatelang hat sie mir die kalte Schulter gezeigt, nun ist ihr Charme zurück, und sie versprüht an jeder Ecke Lebensenergie.

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Frisch verliebt habe ich mich in meine Heimatstadt, Zürich. Wie sehr ich diese Gefühle vermisst habe in den Tagen, da ich mit ihr zusammen unter einer Hochnebeldecke steckte, mich bettete auf Frost und Frust!

Nun zieht es mich aus winterlichen Verstecken, und das Volk, das diese Stadt ausmacht, zieht es mit mir hinaus. Manche beissen in Sandwiches oder Croissants auf den Stühlen auf dem Sechseläutenplatz, den weder Adventshütten noch ein Zirkuszelt belegen; andere, aufgereiht in Boulevardcafés, schlürfen ihren Spritz.

Um genau zu sein, habe ich mich also in diese Jahreszeit verliebt, in die und in der sich alle verlieben (wenn sie nicht gerade eine Pollenallergie quält): Der Frühling pirscht sich nicht heran wie der Herbst, sondern ist plötzlich da, peng!, und der Mensch liegt ihm zu Füssen. Denn dieser ist nicht für den Winter gemacht, höchstens in frisch verschneiten Bergen.

Noch sind die Zürcher Nächte kühl, zugegeben; das mediterrane Lebensgefühl der lauen Abende scheint noch weit weg. Aber Frühlings Erwachen und Entfachen ist in vollem Gang: Sprossen keimen, Keime spriessen, in den Strassen wird flaniert, jubiliert, gebalzt und gestelzt, und in den Trams huscht über die Gesichter, die doch eben noch eingefroren waren, ein Lächeln. Die Züge entspannen sich. Die Welt ist frisch gestrichen.

Man hastet nicht mehr mit hochgeschlagenem Mantelkragen durch die Gassen und schiebt sich eilig eine heisse Wurst zwischen die Zähne, sondern schleckt schlendernd sein Eis: Die ersten Gelaterie sind aus dem Winterschlaf erwacht, wiewohl die Zeit der Fonduestübli noch nicht ganz abgelaufen ist. Diese Wochen gehören zu den wenigen im Jahr, in denen der geschmolzene Käse und gefrorene Sünden gleichermassen Saison haben (nach meinem Dafürhalten allerdings ist beides das ganze Jahr hindurch ein Genuss).

Die Frühlingsstimmung lockt mich in ein liebevoll gestaltetes Take-away-Lokal, das mitten in der Covid-Zeit an der Ecke Seefeld-/Feldeggstrasse entstand und gute Laune verbreitet wie der erste Amselgesang im März. Es trägt den Namen «Russo», nicht nach dem Dorf im Onsernonetal, sondern nach der Gründerin. Sie hatte den Betrieb fast zwanzig Jahre lang im Universitätsviertel geführt, bis der Mietzins untragbar wurde. Heute steht dort ein Avec-Shop mit Starbucks-Station.

Ende 2022 liess Sandra Russo ihr Label im Seefeld auferstehen, mit dem Beinamen «Der Quartierladen». Diesen hat sie vor einem halben Jahr ganz dem jungen Team mit apulischen und römischen Wurzeln übergeben, das hier nun so sympathisch agiert. Im Vergleich zum einstigen Standort bei der Universität ist das Angebot geschrumpft und dabei in seine Rolle hineingewachsen, als Mischung aus Comestibles, Caffè-Theke und Treffpunkt. In Regalen wartet Italianità für den Hausgebrauch, Pasta, Pelati, Biscotti, Vino. Vorne am blau gekachelten Tresen wird bestellt, bezahlt und geplaudert.

Samstagmorgens schauen auffällig viele junge Pärchen vorbei, im Hintergrund laufen alte Canzoni, und wer eintritt, spricht fast automatisch italienisch oder versucht es zumindest. Wochentags stehen Hungrige über Mittag Schlange, manchmal bis aufs Trottoir hinaus: Geschäftsleute, Nachbarinnen, Gymnasiasten zieht die frühlingshafte Mischung aus Frische, Handarbeit und Lockerheit an.

In die Frühlingssonne am nahen Seeufer trägt man zum Beispiel eine nahrhafte Parmigiana in der Aluform (Fr. 12.50). Focaccia oder Ciabatta wird zum erstklassigen Panino caldo (ab Fr. 9.90), ad hoc getoastet und nach Wunsch belegt, etwa mit gut gereiftem Prosciutto di Parma. À la minute gefüllt, etwa mit Aprikosenkonfitüre, werden auch die Cornetti, die hausgemachte Torta della Nonna (Fr. 4.50) ist ein Hit, die gedeckte Apfeltorte eine verführerische Fruchtbombe.

Aus der Siebträgermaschine kommt ein sehr guter Espresso (frisch gemahlene Bohnen, neapolitanische Röstung), standardmässig im Becher zum Mitnehmen, man kann natürlich auch eine Tasse mitbringen. Und der Preis (Fr. 3.80), ein Lächeln inbegriffen, ist für Zürichs Innenstadt unerhört tief; in der Nähe heischt Mövenpick für profanen Nespresso über einen Franken mehr.

So bietet das «Russo» eine Prise Primavera und zugleich eine Vorahnung des Sommers, der einzigen Jahreszeit, die mir noch lieber ist und mit der mich seit Kindertagen eine leidenschaftliche Affäre verbindet.

Quartierladen Russo
Seefeldstrasse 86, 8008 Zürich
Sonntags geschlossen
Telefon 044 261 58 27

Für diese Kolumne wird unangemeldet und anonym getestet und am Ende die Rechnung stets beglichen. Der Fokus liegt auf Lokalen in Zürich und der Region, mit gelegentlichen Abstechern in andere Landesteile.

Die Sammlung aller NZZ-Restaurantkritiken der letzten fünf Jahre finden Sie hier.

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