Donnerstag, April 3

Alle Bewohner der Türkei sollen für einen Tag auf jeglichen Konsum verzichten. Mit dem Boykottaufruf wollen die Studenten den Druck auf die Regierung erhöhen.

Kein Einkauf, keine Online-Bestellung, kein Besuch im Restaurant oder Café: Studenten verschiedener türkischer Hochschulen haben die Bewohner des Landes aufgerufen, den ganzen Mittwoch über auf jeglichen Konsum zu verzichten. «Zeig, wer der Boss ist!», lautet einer der Slogans der Kampagne. «Nutzen wir unsere wirtschaftliche Macht!», ein anderer.

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Studenten waren in den ersten Tagen eine treibende Kraft hinter den Protesten gegen die politisch motivierte Festnahme des Istanbuler Bürgermeisters Ekrem Imamoglu. Mit dem spektakulären Boykottaufruf demonstrieren sie, dass auch nach dem Zuckerfest, den Feierlichkeiten zum Ende des Fastenmonats Ramadan, mit ihnen zu rechnen ist.

Überschaubarer wirtschaftlicher Effekt

In der Türkei werden laut dem türkischen Dienst der BBC pro Tag Konsumausgaben von schätzungsweise 65 Milliarden Lira getätigt. Das entspricht etwa 1,5 Milliarden Franken oder 0,15 Prozent des türkischen Bruttoinlandprodukts.

Wie stark diese Summe am Mittwoch zurückgegangen ist, wird erst mit zeitlichem Abstand festzustellen sein. Zumindest in traditionellen Hochburgen der Opposition wie den Istanbuler Stadtteilen Besiktas oder Kadiköy tätigten tatsächlich sichtlich weniger Menschen Einkäufe. Viele Restaurants und Cafés blieben aus Solidarität mit der Aktion geschlossen.

Gesamtwirtschaftlich dürfte der Effekt dennoch überschaubar sein. Haushaltausgaben machen laut dem türkischen Statistikinstitut etwa 60 Prozent der Konsumausgaben aus. Ein Grossteil davon dürfte in den nächsten Tagen nachgeholt werden. Gezielte Boykotte sind laut Experten effektiver als der Konsumverzicht während eines Tages.

Internationale Stars sagen Auftritte ab

Trotzdem geht die Wirkung der Aktion über das rein Symbolische hinaus. Durch die Politisierung der alltäglichen Handlung eines Einkaufs oder Café-Besuchs zwingen die Studenten die Bevölkerung und die Unternehmen, zu den Protesten Stellung zu beziehen. Für die Mobilisierung der Unzufriedenen im Land ist das durchaus von Wert.

Dies sieht auch Imamoglus Republikanische Volkspartei (CHP) so. Mehrere Exponenten der grössten Oppositionspartei, unter ihnen der Vorsitzende Özgür Özel, forderten ihre Anhänger auf, dem Aufruf der Studenten Folge zu leisten.

Zudem dauert der gezielte Boykott einiger regierungsnaher Unternehmen an, zu dem die CHP bereits vor einer Woche aufgerufen hatte. Wer sich dagegenstellt, wird seinerseits ins Visier genommen, wie der regierungsnahe Konzertveranstalter Abdülkadir Özkan erfahren musste.

Nachdem er die Boykotte verurteilt hatte, riefen die Studenten dazu auf, keine Konzerte seiner Agentur mehr zu besuchen. Der südafrikanische Stand-up-Comedian Trevor Noah sagte in der Folge seinen für den 23. April geplanten Auftritt in Istanbul ab. Die britische Band Muse teilte mit, für ihr Konzert einen neuen Veranstalter zu suchen.

Staatsanwaltschaft leitet Ermittlungen ein

Die Regierung von Präsident Recep Tayyip Erdogan reagiert gereizt auf die Aufrufe. Innenminister Ali Yerlikaya sprach von «einem Versuch eines Putschs gegen unsere Wirtschaft», der Sprecher von Erdogans AK-Partei von einer «Bedrohung für die ganze Türkei».

Auch der ehemalige deutsche Fussball-Nationalspieler Mesut Özil, der seit Februar im erweiterten Vorstand der AKP sitzt, stimmte unter dem Hashtag #boykotdegilmillizarar («kein Boykott, sondern Schädigung der Nation») in den Chor der Empörten ein. Die Istanbuler Staatsanwaltschaft leitete Ermittlungen wegen «Anstiftung zu Hass und Feindseligkeit» ein.

Dass die Regierung in der Vergangenheit selber türkische Unternehmen und Arbeitsplätze ins Visier genommen hat, scheint man dabei vergessen zu haben. Präsident Erdogan etwa bezeichnete zu Beginn des Jahres den Boykott von Produkten mit besonders stark gestiegenen Preisen als wirksames Mittel im Kampf gegen die – durch seine abenteuerliche Wirtschaftspolitik verursachte – Inflation. Auch die langen Boykottlisten während des Gaza-Kriegs gegen Unternehmen, denen eine Nähe zu Israel nachgesagt wird, trafen nicht nur ausländische Produzenten.

Dass ein Boykott immer auch Unbeteiligte trifft, ist jedoch trotz dieser Doppelmoral ein berechtigter Einwand. Auch hartgesottene Regierungsgegner riefen bisher ausländische Touristen dazu auf, bei aller Empörung über Erdogan weiterhin in der Türkei Ferien zu machen. Man dürfe nicht das ganze Land bestrafen, wenn nur die Hälfte die Regierung unterstütze, lautete das Argument.

Erdogans Achillesferse

Die Empörung aus Ankara zeigt allerdings auch, dass die labile wirtschaftliche Verfassung des Landes vermutlich den stärksten Hebel bietet, um auf die Regierung Druck auszuüben. «Autokratien wie Russland oder Aserbaidschan können mit ihrem Rohstoffreichtum viel abfangen», sagte der Politikwissenschafter Berk Esen kürzlich im Gespräch mit der NZZ. «In der Türkei bekommt es die Bevölkerung sofort zu spüren, wenn es schlecht läuft. Das ist Erdogans Achillesferse.»

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