Wenn Short-Seller ein Unternehmen ins Visier nehmen, kann das ein Warnsignal sein. The Market zeigt regelmässig, wo die Leerverkäufer an der deutschen Börse auf Kursverluste wetten. Diesmal im Fokus: Beiersdorf, Heidelberg Materials und Versorgeraktien.
Die Märkte sind verunsichert. Die erratische Zollpolitik von US-Präsident Donald Trump sorgt fast täglich für hohe Kursausschläge an den Börsen. Heute, Mittwochabend, nach US-Börsenschluss, wird Trump im Rosengarten des Weissen Hauses vor die Kameras treten und bei der Neugestaltung der Handelspolitik für Klarheit sorgen – oder einmal mehr Verwirrung stiften.
Die beträchtlichen Kursausschläge bei Aktien scheinen immer mehr Leerverkäufer auf den Plan zu rufen. In Deutschland ist das Volumen der Leerverkäufe am Aktienmarkt in den vergangenen vier Wochen laut Daten des US-Analysehauses S3 Partners um rund 22% gestiegen – auf knapp 30 Mrd. $. Das ist der stärkste Anstieg seit dem Frühjahr 2023 – damals begann The Market, regelmässig zu erfassen, auf welche deutschen Aktien die grössten Short-Positionen entfallen.
Leerverkäufer leihen sich Aktien, verkaufen diese am Markt und hoffen, sie zu einem späteren Zeitpunkt zu einem niedrigeren Preis zurückzukaufen, um sie dann dem Eigentümer zurückzugeben. Geht die Wette auf, streichen sie die Differenz zwischen Verkaufs- und Rückkaufpreis als Gewinn ein. Das erhöhte Short-Volumen lässt sich auch an den zehn grössten Short-Positionen im Dax ablesen, wo die Ausleihquoten mehrheitlich gestiegen sind (die grössten Shorts gegen Schweizer Aktien finden Sie hier).
Porsche und Commerzbank weiter im Fokus
Mittlerweile den sechsten Monat in Folge steht Porsche auch im April auf Platz eins im Dax. Nachdem der Anteil der Short-Positionen an den sich im Streubesitz befindlichen Aktien des Sportwagenbauers im März leicht gesunken war, stieg er Anfang April wieder auf 22% an. Die Titel stehen angesichts einer verfehlten Modellpolitik und sinkendem Absatz in China seit mehr als zwei Jahren unter Druck. «Dank» der US-Zollpolitik befinden sich die Titel mittlerweile im freien Fall.
Einen ordentlichen Sprung nach oben hat die Ausleihquote bei den Aktien der zweitplatzierten Commerzbank gemacht – von knapp 14 auf über 18%. Die Titel der von Unicredit umworbenen Grossbank tauchen seit Anfang Jahr regelmässig im Momentum Screen von The Market auf und haben es jüngst auch in die Auswahl der stärksten Aktien der Welt geschafft.
Zuletzt profitierten die Aktien zusätzlich vom angekündigten Fiskalpaket in Deutschland, das zu steigenden Zinsen führt und Hoffnungen auf eine konjunkturelle Erholung weckt – was wiederum die Kreditnachfrage ankurbeln könnte.
Für die Commerzbank-Aktien könnte die Luft etwas dünner werden. Angesichts des Kursanstiegs scheint die zweitgrösste deutsche Bank für UniCredit als Übernahmeobjekt zunehmend an Attraktivität zu verlieren. Die Aktien bleiben stark von der Übernahmefantasie geprägt. Die starke Zunahme von Short-Positionen deutet darauf hin, dass einige Marktteilnehmer nicht mehr an einen erfolgreichen Abschluss glauben.
Auch auf den Plätzen drei und vier haben sich nur die Short-Quoten verändert. Sowohl bei BMW als auch bei Daimler Truck sind sie jeweils leicht gestiegen. Ähnlich wie bei Porsche wetten Leeverkäufer auch hier auf sinkende Kurse angesichts der zahlreichen Herausforderungen der deutschen Autoindustrie.
Beiersdorf neu in der Dax-Rangliste
Auf Platz fünf findet sich mit Beiersdorf ein Neuling in der Rangliste der am meisten leerverkauften Dax-Aktien. Neu sind 3,7% der ausstehenden Titel des Nivea-Konzerns ausgeliehen (Vormonat: 1,7%). Anfang letzter Woche veröffentlichte das «Manager Magazin» einen Bericht, nach dem ein «erster Schatten» auf der «bislang so makellosen Erfolgsbilanz» des Konzernchefs Vincent Warnery drohe.
Der seit 2021 amtierende CEO trimmt das Traditionsunternehmen auf Wachstumskurs und korrigiert die allzu defensive Strategie seines Vorgängers Stefan De Loecker, was in den letzten Jahren an der Börse grundsätzlich auf Wohlwollen stiess. Doch jetzt schwächelt ausgerechnet Nivea – das Herzstück des Beiersdorf-Pflegesortiments, dem unter CEO Warnery zunehmend ein Premium-Image verpasst wurde.
Gemäss «Manager Magazin» sollen die Marktanteilsverluste für Nivea höher sein als bisher bekannt. Interne Unterlagen, die Mitarbeitern präsentiert wurden und dem Blatt vorliegen, tragen demnach die Überschrift: «Underperformance›». The Market veröffentlicht in der kommenden Woche eine Analyse, die einen genaueren Blick auf die Aktie von Beiersdorf wirft
Auch Heidelberg Materials und Symrise neu in Top Ten
Mit dem Zementhersteller Heidelberg Materials (Platz 9, Short-Quote: 2,8%) und dem Duftstoffspezialisten Symrise (10, 2,7%) rücken zwei weitere Neulinge in die Dax-Rangliste vor. Auf Sicht der vergangenen zwölf Monate zählen die Aktien von Heidelberg Materials mit einem Plus von 62% zu den stärksten im Dax – zuletzt ist jedoch etwas Luft aus dem Kurs entwichen.
Der Konzern dürfte direkt von der Modernisierung und dem Ausbau der deutschen Infrastruktur profitieren. Die Titel gelten jedoch nicht mehr als günstig, was einige Leerverkäufer auf den Plan gerufen haben dürfte. Auffällig sind die jüngsten Insiderverkäufe: Ludwig Merckle und seine Familie trennten sich über ihre Holding Spohn Cement mehrfach von Aktien – jeweils im zweistelligen Millionenvolumen. Das ist nicht zwangsläufig ein Alarmsignal, aber auch kein Vertrauensbeweis.
Bei Symrise dürfte der verhaltene Ausblick für das erste Quartal, den das Management im Rahmen der Jahresergebnisse 2024 vorgelegt hat, Short-Seller angelockt haben. Die Aktien tun sich bereits seit dem Herbst schwer. Am 29. April wird das Unternehmen über die ersten drei Monate des Jahres berichten.
Deutlich erhöht haben sich zudem die Wetten gegen Brenntag, wo sich die Short-Quote auf 3,2% fast verdoppelte. Der Chemiedistributor leidet unter dem unsicheren globalen makroökonomischen Umfeld und wartete im März mit einer vorsichtigen Jahresprognose auf. Bei Sartorius und Siemens Energy hingegen haben sich die Short-Quoten leicht verringert.
Short-Seller wetten gegen Versorger
Mit Blick auf den Gesamtmarkt ergibt sich Anfang April ein Novum in der Rangliste der grössten Short-Positionen. Erstmals erscheint dort mit dem «Invesco Stoxx Europe 600 Optimised Utilities» ein ETF. Der börsengehandelte Fonds bildet den europäischen Index der grössten Versorger in Europa ab. Zu den Top-Positionen gehören die italienische Enel, die spanische Iberdrola sowie Eon und RWE aus Deutschland.
23% der sich im freien Handel befindlichen ETF-Anteile sind derzeit ausliehen. Allerdings handelt es sich beim Invesco-ETF um ein eher kleines Indexprodukt mit einem verwalteten Vermögen von lediglich 2,6 Mio. €. Wenn Leerverkäufer auf fallende Kurse europäischer Versorger setzen und dafür den ETF nutzen, steigt die Ausleihquote entsprechend schnell an.
Dennoch überrascht es nicht, dass ausgerechnet ein ETF auf Versorgeraktien auf Platz zwei der Rangliste auftaucht – schliesslich zählt das Segment gemeinsam mit Energie seit Jahresbeginn zu den stärksten Sektoren an der Börse (wie auch im wöchentlichen Chart Pack von The Market ersichtlich). Einige Leerverkäufer setzen hier offenbar auf baldige Gewinnmitnahmen in diesem Sektor.
Hugo Boss kehrt zurück in die Top Ten
Nach dreimonatiger Abwesenheit kehren die Aktien von Hugo Boss in die Top Ten der grössten deutschen Short-Positionen zurück. Beim Modekonzern hat sich die Ausleihquote im Vergleich zum Vormonat nahezu verdreifacht – auf über 20%. Das Unternehmen enttäuschte Mitte März mit seinen Zahlen für das abgelaufene Jahr 2024. So ist der Gewinn – auch wegen gestiegener Vertriebs-, Marketing und Verwaltungskosten – um 12% zurückgegangen. Auch der Ausblick für das laufende Jahr konnte Anleger nicht überzeugen – Hugo Boss kann für 2025 kein Wachstum versprechen.
Einsamer Spitzenreiter bleibt Thyssenkrupp Nucera. Die Aktien der im Sommer 2023 per Spin-off an die Börse gebrachten Wasserstoffsparte von Thyssenkrupp haben weiterhin einen schweren Stand. Während die Ausleihquote bei PNE stabil blieb, verzeichneten Verbio, Aurubis und Fraport leichte Rückgänge. Knaus Tabbert, Nagarro und Evotec sind aus den Top Ten gefallen.