Trump meint es ernst mit hohen Zöllen. Das wird die Amerikaner teuer zu stehen kommen und die schweizerischen und deutschen Exporteure schmerzen. Damit es nicht in eine Weltwirtschaftskrise mündet, sollten sich jetzt die übrigen Länder in Zurückhaltung üben und den Freihandel stärken.

Nun ist er also vorbei, der «Liberation Day». Wie so häufig bei Donald Trump bestanden seine Ausführungen zu dem, was er den Tag der Befreiung Amerikas nennt, aus einer wilden Abfolge von schwer verständlichen Zahlen, die sich mit unbändigem Eigenlob mischten. Vieles blieb unklar und einiges dürfte in den nächsten Tagen noch verhandelbar sein. Doch etwas kam offensichtlich von Herzen: «Ihr könnt es nachlesen, ich habe darüber seit 40 Jahren gesprochen», verkündete der Präsident im Rosengarten des Weissen Hauses. «Es ist mir eine solche Ehre, dies nun endlich tun zu können.»

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Was er meinte, daran kann es nun keine Zweifel mehr geben. Es geht ihm um die Verhängung von erschreckend hohen Importzöllen.

Nichts gelernt

Der New Yorker Immobilien-Tycoon ist tatsächlich ein Merkantilist, der glaubt, Importe seien etwas, was Ausländer ihm wegschnappten. Handelsbilanzdefizite sieht er als Beweis dafür, ausgenommen und über den Tisch gezogen zu werden. Dass das ökonomisch überhaupt nicht stimmt, lässt er nicht gelten. Wieso die beneidenswert starke US-Wirtschaft seiner Ansicht nach vor seiner Wahl kurz vor dem Kollaps stand, wie er auch am Mittwoch wieder beteuerte, bleibt sein Geheimnis.

Trump erblickt in hohen Zöllen das Allheilmittel, um die USA zu reindustrialisieren. Er träumt von einem Amerika, das wirtschaftlich völlig unabhängig wird – allen Stahl selber giesst, alle Möbel, Autos und Schiffe selber baut. Paradoxerweise verspricht er sich von seiner Zollpolitik gleichzeitig so hohe Einnahmen, dass er glaubt, damit nicht nur das Staatsdefizit, sondern auch die Einkommens- und Unternehmenssteuern deutlich senken zu können.

Trump hat offensichtlich aus der Zeit vor der Grossen Depression der 1930er Jahre die falschen Schlüsse gezogen und will dorthin zurückkehren. Damals unterzeichnete Präsident Hoover gegen den Widerstand von Ökonomen und der Exportwirtschaft das Smoot-Hawley-Gesetz, das mit hohen Zollsätzen die einheimische Industrie schützen wollte. Hoovers Protektionismus und die Gegenreaktionen der Handelspartner trugen wesentlich zu den weltwirtschaftlichen Verwerfungen bei, welche zur Grossen Depression führten und schliesslich in den Zweiten Weltkrieg mündeten.

Anders als jetzt Trump zogen die USA damals daraus die richtigen Schlüsse. Sie wurden in der Nachkriegszeit zu einer treibenden Kraft hinter dem Freihandelssystem, das in der Gründung der Welthandelsorganisation (WTO) gipfelte. Es führte zu einer globalen Arbeitsteilung, die einen grossen Teil des wirtschaftlichen Aufschwungs in den USA und dem Rest der Welt erklärt. Laut der WTO erhoben die Vereinigten Staaten 2023 noch einen Zollsatz von im Durchschnitt 3,4 Prozent, die EU einen solchen von 5,1 und die Schweiz wegen ihres hohen Agrarschutzes einen von 7,4 Prozent.

Unverständliche «Reziprozität»

Nun also vollziehen die USA unter Trump eine radikale Kehrtwende zurück zum Merkantilismus und hin zu einer reinen Binnenorientierung. Autos werden mit 25 Prozent besteuert; gleich viel wie nicht zollbefreite Importe aus Mexiko und Kanada. Für Einfuhren aus 60 Ländern sollen ab dem 9. April zweistellige länderspezifische Zollsätze gelten, die Trump irreführenderweise «freundlich reziprok» nennt. Bereits ab dem 5. April gilt auf allen Importen einen Zollsatz von mindestens 10 Prozent.

Für Einfuhren aus der Schweiz soll der «reziproke» Zollsatz hohe 31, für solche aus der EU 20 Prozent betragen. Die Schweiz wird damit ähnlich behandelt wie China (34) und Taiwan (32). «Freundlich» sollen die Zollsätze sein, weil sie angeblich nur die Hälfte des von den betroffenen Ländern selber angewandten Schutzes ausmachen. Tatsächlich werden die hohen Zollsätze aber nur vom Handelsbilanzdefizit abgeleitet. Mit Zöllen der Gegenpartei oder nicht-tarifären Handelshemmnissen haben sie effektiv überhaupt nicht zu tun.

Ein solcher Protektionismus wird die USA nicht in ein neues goldenes Zeitalter führen, sondern ihre Konsumenten und Produzenten teuer zu stehen kommen. Zwar spielt der Aussenhandel in den USA wegen des grossen Binnenmarkts eine viel kleinere Rolle als in Deutschland und der Schweiz. Aber die Zölle werden den Inflationsdruck in den USA erhöhen und das Wachstum bremsen. Völlig unklar ist, woher all die Arbeitskräfte für die Reindustrialisierung, welche Trump offenbar vorschwebt, kommen sollen. Zudem wird die neue Industrie ohne Zollschutz international kaum wettbewerbsfähig sein und weniger produktiv bleiben als die heutige US-Wirtschaft.

Begrenzter Verhandlungsspielraum

Die neuen Zölle werden die ausländischen Exporteure schmerzen und die Weltwirtschaft bremsen. Ein stärkerer Dollar könnte den Effekt allenfalls etwas dämpfen. Für die Schweizer Wirtschaft ist zwar die EU der mit Abstand wichtigste Absatzmarkt. Doch danach kommen gleich die USA. Diese sind bisher auch der bedeutendste Abnehmer deutscher Exporte.

So hohe Zölle werden vor allem die Hersteller von Autos, Maschinen und Anlagen, aber auch von Nahrungsmitteln wie Käse empfindlich treffen, die ihre Produkte in die USA ausführen wollen. Pharmaprodukte scheinen zwar von den «reziproken» Tarifen vorerst ausgenommen zu sein, doch Trump hat in Aussicht gestellt, die Pharmaindustrie mit einheitlich höheren Zöllen zur Produktion in den USA zwingen zu wollen.

Dem Egomanen Trump wird gefallen, wenn ihn Staatschefs in den nächsten Tagen bis zur Einführung der «reziproken» Zöllen anrufen und zu Verhandlungen über bessere Bedingungen und Ausnahmen bewegen wollen. Das sollten die betroffenen Länder inklusive der Schweiz natürlich versuchen. Doch die Hoffnung, dass Trumps Zölle nur ein Instrument zum Verhandeln eines besseren Marktzugangs sind und bald wieder ganz abgeschafft werden, gilt es wohl fallenzulassen. Trump hat nicht nur einmal gesagt, das schönste Wort im Lexikon sei für ihn «Zoll», er glaubt wider alle ökonomische Logik daran.

«Zahn-um-Zahn» führt in den Abgrund

Wichtig wird nun sein, wie die betroffenen Staaten auf Trumps Kehrtwende reagieren. Lassen sie sich provozieren und üben Vergeltung nach dem Prinzip «Auge-um-Auge, Zahn-um-Zahn», droht ein globaler Rückfall in den Merkantilismus. Ein solcher könnte leicht eine ernsthafte Weltwirtschaftskrise auslösen.

Um dies zu verhindern, sollte Europa jetzt möglichst auf Gegenzölle verzichten, das von den USA mit Füssen getretene Welthandelssystem achten und den Freihandel mit Gleichgesinnten ausbauen. Die EU und die Schweiz könnten hier eine Vorreiterrolle einnehmen und ihre Wirtschaftsbeziehungen zu anderen vom amerikanischen Protektionismus getroffenen Ländern in Asien (inklusive China) und Lateinamerika stärken. Vielleicht hat ja auch Kanada gleichgerichtete Interessen. Und die Schweiz tut jedenfalls gut daran, ganz auf gegen die USA gerichtete Strafzölle zu verzichten.

Der Versuchung zu widerstehen, sich von Trump mit einer Verhandlungslogik in eine Abwärtsspirale von Zöllen und Gegenzöllen hineinziehen zu lassen, wird politisch nicht einfach. Aber es ist von grossem wirtschaftlichem und politischem Interesse, dass dies gelingt. Vielleicht hilft dabei die Erinnerung an das Schicksal von Reed Smoot und Willis Hawley: die beiden amerikanischen Abgeordneten wurden deutlich abgewählt.

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