Der prekäre Gesundheitszustand von Franziskus gibt zu Spekulationen Anlass. Der Pontifex selbst hat nie Mühe damit bekundet, über Krankheit, Sterben und Tod zu reden.
Seine 88 Jahre fordern ihren Tribut: Papst Franziskus, nach Leo XIII. (1810 bis 1903) der älteste amtierende Papst, liegt seit dem vergangenen Freitag in der Gemelli-Klinik in Rom. Am Montagabend hat ein neues medizinisches Bulletin die Öffentlichkeit aufgeschreckt. Der Pontifex leide an einer beidseitigen Lungenentzündung, hiess es darin, das Krankheitsbild sei komplex, ein längerer Aufenthalt in der Klinik unabdingbar. Das klang doch ziemlich ernst. Rom ist in Sorge um das Oberhaupt der katholischen Kirche.
In der Gemelli-Klinik ist Franziskus indessen in besten Händen. Das Spital geniesst einen guten Ruf. Der zehnte Stock ist ganz für den Papst reserviert. Es gibt dort neben dem Krankenzimmer eine einfache Kapelle, Räume für das medizinische und für das Sicherheitspersonal, einen Sitzungsraum für die behandelnden Ärzte, eine kleine Küche und ein Büro für die Sekretäre des Papstes. Nur ganz wenige Personen haben Zutritt. Der Pontifex wird abgeschirmt.
Beobachter fühlen sich an die lange Agonie von Papst Johannes Paul II. erinnert, der zwischen 1981 und 2005 nicht weniger als zehn Mal in der Gemelli-Klinik war. Sein Nachfolger Benedikt XVI. seinerseits hatte 2013 wegen «Mangel an geistiger und körperlicher Kraft» auf das Amt verzichtet, worauf Franziskus gewählt wurde.
«Ausserordentliche Lebensenergie»
Die Frage stellt sich, ob Rom nun – und dies ausgerechnet in einem Heiligen Jahr – wieder an der Schwelle zu einem Konklave und einem neuem Pontifikat steht. Noch wird diese Diskussion nicht öffentlich geführt. Aber hinter den Kulissen wird seit längerem darüber spekuliert. Denn der amtierende Papst zeigt seit einiger Zeit Anzeichen zunehmender Schwäche und gesundheitlicher Probleme. Zuletzt wirkte er ziemlich erschöpft. Wegen Kurzatmigkeit war er an einer Messe auf dem Petersplatz am 9. Februar nicht mehr in der Lage, die Predigt fertig zu lesen.
Die Medien überbieten sich inzwischen mit medizinischen Analysen des Krankheitsbildes und werweissen, wie schlimm es um den Papst wirklich stehe. Personen, die ihm nahe sind, weisen demgegenüber darauf hin, dass Franziskus über eine «ausserordentliche Lebensenergie» verfüge, wie es Antonio Spadaro in der Zeitung «Corriere della Sera» formulierte. Spadaro ist im Vatikan für Kulturbelange zuständig und gilt als enger Vertrauter des Papstes. Im Übrigen sei es typisch für einen Jesuiten wie Bergoglio, «im Schützengraben zu leben, zu arbeiten und auch zu sterben». Nicht wenige Beobachter gehen deshalb davon aus, dass Franziskus bis zum letzten Atemzug arbeiten und nicht vorzeitig aus dem Amt scheiden möchte.
Darauf lassen auch die medizinischen Bulletins schliessen, die nunmehr täglich vom Pressedienst des Heiligen Stuhles publiziert werden. Der Pontifex sei guten Mutes, lese Zeitungen, bete und telefoniere, heisst es darin. Es sind dies nicht unwichtige Nuancen. Sie sollen suggerieren, dass Franziskus trotz seiner Krankheit noch klar im Kopf ist. «Um Papst zu sein und die Kirche zu führen, brauchst du den Kopf, nicht die Beine», hat er einmal gesagt – und damit einen Rücktritt ausgeschlossen, solange er im Besitz seiner geistigen Kräfte ist.
Anders gesagt: Gelingt es den Ärzten, die Lungenentzündung einzudämmen und können sie ihn, der sich selbst als schwierigen Patienten bezeichnet und auf die Dienste eines Leibarztes verzichtet, überzeugen, das Bett zu hüten und sich zu erholen, dann wird er in den Vatikan zurückkehren und seine Arbeit wieder aufnehmen.
Falschmeldungen – und ein Regenbogen
Gerüchte, er habe bereits die letzte Ölung erhalten, erweisen sich derweil als Falschmeldungen oder sind das Ergebnis mangelnder Kenntnisse. In den Bulletins war bisher davon die Rede, dass er jeweils die Eucharistie empfange. Und selbst wenn es sich um eine Krankensalbung gehandelt hätte: Eine solche wird seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil als Sakrament für gläubige Kranke gespendet und kann mehrmals im Leben empfangen werden.
Auch ein anderer Passus in den Bulletins, wonach der Papst die Gläubigen aufgefordert hat, für ihn zu beten, wird unnötig dramatisiert. Dieser Appell gehört zum katholischen Standardrepertoire und ist nichts Aussergewöhnliches.
Franziskus selbst hat nie einen Bogen um das Thema Tod und Endlichkeit gemacht. «Was meinen Tod angeht, so habe ich dazu eine recht pragmatische Einstellung», hielt er in seiner kürzlich erschienen Autobiografie fest. Er habe den Herrn um Gnade gebeten: «Nimm Dich meiner an. Es geschehe, wann immer Du willst. Aber Du weisst ja, dass ich einigermassen zimperlich bin, was körperliche Schmerzen angeht … Also bitte, mach, dass es nicht allzu weh tut.»
Selbst für seine Bestattungsfeier hat der Papst die notwendigen Vorkehrungen bereits getroffen und das bisher geltende Zeremoniell zurechtgestutzt: Keine Aufbahrung auf dem Katafalk, keine Zeremonie zum Verschliessen des Sarges, Verzicht auf die drei Särge aus Zypressenholz, Blei und Eiche, Beisetzung in der Basilika Santa Maria Maggiore und nicht im Petersdom. «Man hat mir bestätigt, dass alles bereit ist», so Franziskus in dem Buch.
Die Gläubigen, die dieser Tage vor der Gemelli-Klinik ausharren, möchten davon noch nichts wissen und beten für den Papst. Sie halten sich an kleinen Zeichen der Hoffnung fest. Am Montagabend, vor der Publikation des besorgniserregenden Bulletins, kamen sie auf ihre Rechnung: Ein grosser schöner Regenbogen spannte sich über die Klinik.

