«Die weissen Nächte» umfasst dreizehn einzelne Erzählungen aus dem ländlichen Polen. Die Helden sind gequälte Kreaturen, Einsame, Abgehängte und Hoffnungslose. Ein Blick auf die Schattenseite eines Landes.

Als die polnische Dichterin Urszula Honek von der Lyrik zur Prosa wechselte, wurde sie bald ins Englische übersetzt und 2024 auf Anhieb für den International Booker Prize nominiert (gewonnen hat ihn dann Jenny Erpenbeck). Dieses beeindruckend düster-dichte Erzähldebüt «Die weissen Nächte. Ein Roman in 13 Geschichten» gibt es nun auch in der wendigen deutschen Übersetzung von Renate Schmidgall. Es erinnert an die Traumgespinste von Bruno Schulz, und die Autorin tritt mutig bewusst auch in die grossen Fussstapfen von Andrzej Stasiuk und dessen «Galizischen Geschichten».

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Urszula Honek, geboren 1987 im Südosten von Polen, verwebt in diesem Band dreizehn einzelne Erzählungen aus ihrer ländlichen Heimat, von denen jede auch für sich bestehen kann, deren Hauptfiguren aber alle im Unglücksreigen der Dorfgemeinschaft zusammenhängen. So entsteht ein Kaleidoskop der menschlichen Schicksale, von durch Arbeit geschundenen Frauen, von einsam verschreckten Kindern, von dumpf in der «Bar Finesse» trinkenden Männern (und immer wieder laufen Hunde durchs Bild, auch sie haben Namen und Schmerzen), gequälte Kreaturen allesamt, die kaum eine Stimme haben, denen die Autorin zumindest so ein wenig Gehör verschafft.

Einsame und Abgehängte

Es ist ein Chor der Einsamen und Abgehängten, die oft Rettung im Suizid suchen. Gestorben wird im Feuer und im Wasser, den immer wiederkehrenden Hauptelementen dieser karg lyrischen Prosa; «selten wählt jemand den Balken und den Strick». Die einzelnen Episoden des Romans sind kunstvolle Miniaturen, in denen die Dorfbewohner in ihren Kämpfen, Hoffnungen und Ängsten porträtiert werden. So auch die junge Hanna, die mit Steinen in den Taschen ins Wasser geht. Aber letztlich bleibt ihr nichts als «der Groll gegen den Mann, der mich herausgezogen hat».

Einer dieser Unglücksraben, der in mehreren Geschichten vorkommt, heisst Mariusz, aber alle nennen ihn höhnisch «Pilot», wegen seines dümmlich schielenden Blicks zum Himmel. In mühsamer Arbeit legt er einen Fischteich an, trägt eimerweise Karpfen dorthin, doch als er erfährt, dass seine Angebetete einen anderen heiratet, geht seine ganze Welt baden, und «zwei Wochen später fischten sie ihn aus dem Teich. (. . .) – vielleicht wollte er nicht mehr Pilot sein, sondern Taucher?»

Diese zynisch-schnoddrige Frage stellt sein Freund Piotrek, der Schlachter, der ebenfalls in mehreren Erzählungen auftaucht, für den das Innere der geschlachteten Tiere von wohligerer Wärme ist als das der Frauen. Bevor er für immer nach Deutschland verschwindet, bietet dieser Rüpel seine Verlobte einem anderen Kompagnon an: «Du kannst sie mal ficken, bei dir ist das was anderes, wir sind zusammen aufgewachsen, du bist fast wie ein Bruder.» Dieser Dritte im Freundesbund heisst Andrzej, er schlägt sich als Holzfäller durch und lebt in einer Hütte mit einem Rudel anderer Männer. Für seine Schwester Henia ist dort kein Platz, auch wenn sie noch so darum bettelt.

Auch diese melancholische Henia grübelt in mehreren Geschichten viel über die Möglichkeiten des Sterbens, über eine verflossene Liebschaft; und ihr Töchterchen wächst derweil bei der Grossmutter auf. Gerade diese kleine Dorotka geistert durch manche der Romanerzählungen, in einer davon ist sie die Protagonistin neben ihrer Oma, die vor dem Fernseher dahindämmert und stirbt. Die Kleine will das nicht wahrhaben und versucht, die Alte zu füttern mit «Wurst vom Schweinchen und Käse von der Kuh. (. . .) Oma schläft noch. Komm, ich gebe dir Wurst, sagt sie zu dem Hund.»

Die Welt hinter den Wäldern

Kinder und Hunde haben eine Sonderstellung in diesem poetischen Wimmelbild des seelischen Elends, so auch in der Erzählung «Anielka», in der ein kleines Mädchen die antisemitischen Reden ihrer Verwandten aufschnappt, aber davon wohl kaum etwas versteht, in einer Gegend, wo die Deutschen «bekanntlich Lampenschirme aus Menschenhaut gemacht haben», wie es in einer anderen Geschichte heisst. So blitzt in dieser Welt hinter den Wäldern zudem die böse Vergangenheit auf, in einer Sprache von sparsamer und leiser Intensität.

Urszula Honek vermeidet jedes romantisierte Idyll des Landlebens und der Landschaft der Beskiden, mit der Menschen wie Tiere verwurzelt sind, aber diese Wurzeln sind in dem Erzählzyklus von «Die weissen Nächte» eher erstickende Schlingen. Besonders die Frauen fühlen sich erdrosselt in dieser Welt der Konventionen, so auch die 34-jährige Malgorzata, die als Verkäuferin in einer Bäckerei arbeitet und hartnäckig einen unattraktiven 50-jährigen Bewerber abwimmelt. «Das wirst du noch bereuen», sagt eine Kollegin, «man muss nehmen, was kommt.» – Nein, das muss man nicht, scheint die Autorin zu sagen, ohne jedoch einen belehrend feministischen Ton anzuschlagen.

Urszula Honek: Die weissen Nächte. Roman in 13 Geschichten. Aus dem Polnischen von Renate Schmidgall. Suhrkamp-Verlag, Berlin 2025. 160 S., Fr. 34.90.

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