Warum eigentlich hasst China die US-Amerikaner so innig? Bis zum kommunistischen Umsturz unterstützte Washington das Land. Für die Macht- und Herrschaftslogik der KP sind die USA als Systemfeind unabdingbar; das Leben der Menschen spricht eine andere Sprache.

Am 7. März 2025 trat der chinesische Aussenamtssprecher Lin Jian in Peking vor die Presse und beschwor Chinas Entschluss, «jeden Krieg in jedweder Form gegen die USA zu gewinnen». Er fügte hinzu: «Wir werden bis zum bitteren Ende kämpfen.» Sogleich füllten sich Chinas Social-Media-Konten mit heroischen Kriegs-Slogans, inklusive jenes «bitteren Endes» sowie des Kommentars: Den Krieg, obzwar er von den USA angezettelt werde, würden diese niemals gewinnen.

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Offiziös beschworener Todesmut, kombiniert mit bestelltem Massen-Echo – das hat in China eine lange Tradition. Im Jahr 1950, kurz nach der Gründung der Volksrepublik, bekannte sich China unter Mao zum sozialistischen Lager um die Sowjetunion. Damit übernahm Peking auch Stalins Feind Nummer eins, die USA. Bald darauf trat der nordkoreanische Diktator Kim Il Sung mit dem Überfall auf den Süden den Koreakrieg los, in den China mit über einer halben Million Soldaten eingriff, als sich das Kriegsglück aufgrund der Uno-Intervention unter amerikanischer Führung dem Systemfeind zuneigte.

Trotz dem immensen Verlust an Soldaten vermochte China den Krieg nicht zu seinen und Kims Gunsten zu entscheiden. Selbst Maos Sohn kam in den Kämpfen ums Leben. Damals wurde die chinesische Gesellschaft radikal auf den Überlebenskampf hin indoktriniert. Ziel war der Endsieg, ungeachtet der Zahl der eigenen Opfer. Die Gehirnwäsche begann im Kindergartenalter. Ein Kinderreim dieser Zeit lautet: «Ein Autolein hupt ‹di, di, di›; drin sitzt unser Vorsitzender Mao (Mao zhuxi); Mao zhuxi hängt ein rotes Fähnlein heraus, den US-Imperialisten macht er den Garaus.»

Des Kaisers Offenheit

Das amerikanische Feindbild war absolut, da es angeblich – sozialdarwinistisch – ums nackte Überleben ging. Fressen oder gefressen werden, dazwischen gab es nichts. Aus allen Schul- und Geschichtsbüchern verschwand die Erwähnung der namhaften US-Hilfe für Chinas Befreiungskrieg gegen Japan (1937–1945). Zensiert wurde alles, was den amerikanischen Feind in milderem Licht erscheinen liess. Sogar ein Sinnspruch von Mao fiel der Zensur zum Opfer. Mao hatte sich einst mokiert: «China wollte schon immer Schüler des Westens sein, aber man merkt bald, wie dieser Lehrmeister uns nur demütigen will.» Lediglich «Demütigung» aber konnte es nicht sein, angesichts der brutalen und bitteren Realitäten des Koreakrieges.

Ums Überleben ging es schon, als in China noch der letzte Kaiser auf dem Thron sass. Dieser zeigte gegenüber dem fortschrittlichen Westen eine offenere Haltung. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts erkannte er: «China muss von Barbaren deren Technik lernen, um diese zu besiegen.» Gemeint war die Politik der Zwangsöffnung des Landes mit Kanonenbooten. Die USA traten im Gegensatz zu den Briten und Franzosen gegenüber dem Kaiserreich stets moderat auf und vermieden eine nationale Demütigung. 1908 ordnete Präsident Theodore Roosevelt an, einen Teil der Kriegsreparation, die China nach dem mit US-Beteiligung niedergeschlagenen antikolonialistischen Boxeraufstand an den Westen zahlen musste, an den Kaiserhof zurückzuüberweisen. Mit dem Geld sollten zwecks Chinas Modernisierung die ersten Universitäten gegründet werden.

Auch solches wurde unter Mao in den fünfziger und sechziger Jahren selbstverständlich totgeschwiegen. Lernen war damals auch für die Volksrepublik angesagt: von der Sowjetunion, dem sozialistischen grossen Bruder. Mit dem Sputnik gelang es dem Weltsozialismus, den «US-Teufel» für einen langen Augenblick technologisch zu besiegen. Zuerst Stalin, später Chruschtschow leistete China grosse Modernisierungshilfe. Dafür blieb Mao dem Prinzip treu, dass die USA der Todfeind seien. Daran änderte sich auch nichts, als es um 1969 herum fast zu einem atomaren Showdown zwischen Peking und Moskau kam. Doch dann folgte 1970 die grosse Lockerung: Mao empfing den amerikanischen Präsidenten Richard Nixon sogar in seinem Arbeitszimmer.

Vom Systemfeind lernen

Nach der Gründung fand sich die Volksrepublik auf der Position des Kaisers wieder. Es galt, auf den Spuren von Japan und Südkorea, vom Westen zu lernen. Zuerst von den Europäern, mit denen der kommunistische Staat nach und nach diplomatische Beziehungen aufnahm. Stahl walzen lernte man von den Japanern, Atomtechnik von den Franzosen, das Arbeiten an Drehbänken von den Deutschen. Anfang der siebziger Jahre bereiste die erste chinesische Tischtennis-Delegation die USA, den Erzfeind.

Die Resolutheit, mit der zumindest ideell am Systemgegner kein gutes Haar gelassen werden durfte, wurde aufgeweicht. Um die Demut des scheinbar nunmehr lernenden Schülers zu unterstreichen, hörten Chinas Staatsführer nicht auf, ihren Lehrmeistern aus dem Westen, zumal aus den USA, zuzulächeln. Freimütig wurde die eigene Unterlegenheit eingeräumt: China habe noch einen langen Weg der Modernisierung vor sich, um dahin zu gelangen, wo der Westen schon sei.

Unverändert blieb die Doktrin, wonach die Weltimperialisten unter der Führung der USA niemals ihren Plan aufgeben würden, China zu vernichten. Entsprechend kursierten unter dem Nachwuchs noch lange chauvinistisch-martialische Kinderreime. Geschichtsbücher unterlagen der Zensur, der Koreakrieg war für die Propaganda ein hehrer Sieg. Mit dem Unterschied, dass der erschreckend hohe Blutzoll der eigenen Truppen nicht länger verheimlicht wurde.

Nach Maos Tod 1976 nahm die KP-Führung einen Paradigmenwechsel vor. In Abkehr von der kollektivistischen Grossindustrie und Hinwendung zu mehr Eigeninitiative wurde unter Deng Xiaoping die Wirtschaft liberalisiert. Was konkret bedeutete, vom Feind noch viel mehr zu lernen. Das betraf die Technologie, aber auch das Management und den Umgang mit den Menschen. In den neunziger Jahren wurde die soziale Absicherung verbessert, es galt freie Berufswahl, und den eigenen Wohnort konnte man sich leichter aussuchen.

Zwei Effekte stellten sich unerwartet ein: Lernt man so gründlich vom Feind, ist er dann wirklich noch Feind? Und wenn nicht, wie lässt sich die Angst vor ihm sachlich begründen? Und: Je lernwütiger man der Überlegenheit des Feindes nacheifert und je tiefer man damit dessen Kultur in die chinesische Gesellschaft einsickern lässt, desto leichter kippt Hass in Bewunderung, ja in die Sehnsucht, ihm nahe und gleich zu sein. Für die KP Chinas, deren Ideologie ohne den Systemfeind nicht auskommen kann, wurde solche Dekadenz zum Problem. Wo liegen die Grenzen des Nacheiferns, wenn das eigene kommunistische System dem andern ja per definitionem überlegen ist?

Anfang Juni 1989 entluden sich in diesem Spannungsraum die Hoffnung und der Zorn der Studenten, die auf dem Tiananmenplatz in Peking und in anderen Städten von der KP-Führung mehr Freiheit und Demokratie einforderten. Dass gleichzeitig mit dem Ende der Sowjetunion der Weltkommunismus zu Grabe getragen wurde, war kein Zufall. Der Ruf nach Revision der Beziehung Chinas zum Westen, zumal zu den USA, wurde dringlicher und breiter, zur Disposition stand am Ende das ganze eigene System. Die KP-Führung verstand das sehr wohl und erteilte Schiessbefehl. Wieder einmal wurde der Sozialismus als ewig und unbesiegbar beschworen. Und dem Systemfeind wurde Ende und Tod prophezeit.

Obwohl es nach dem Massaker zu einer Entfremdung kam, blieb das Lernen eine Realität. Es war Deng Xiaoping, der 1992 weitergehende wirtschaftliche Reformen aufgleiste: China könne nur überleben, wenn es seine Beziehungen zum Westen, allen voran zu den USA, neu definiere. Die neue Doktrin definierte Deng Xiaoping auf den Spuren Maos als «taoguang yanghui» («Mein Licht unter den Scheffel stellen, bis ich den Feind überrennen kann»). Es war ein folgenreicher Paradigmenwechsel. Erstens wurde das ideologische Tabu aufgehoben. Es zählt nicht mehr «Sozialismus contra Kapitalismus». Sondern es gilt, den Feind bzw. Rivalen zu überlisten. Zweitens kommt es auf den Sieg an: Man lerne nur vom Mächtigsten – wenn auch unter Tarnung. Und drittens: Es geht nicht länger um das Überleben, sondern darum, die Weltspitze zu erobern. Am Ende steht das neue alte chinesische Imperium.

Im Rausch des Erfolges

Das solchermassen von der Ideologie «befreite» China stürzte in einen Rausch, um mit dem Mächtigsten, den USA, gleichzuziehen: Es folgten Exportboom, Börsenfieber und Immobilienspekulation; westliches Wagniskapital flutete ins Land. Das Tempo der technologischen Aufholjagd übertrifft alles Gesehene. Rating-Agenturen messen das Potenzial der Wirtschaft an der Grösse der chinesischen Banken, die punkto Bilanzsumme alle Geldhäuser weltweit in den Schatten stellen.

Monat für Monat belegt das Bruttoinlandprodukt, wie schnell China zu den USA aufschliesst. Der Besuch von Topuniversitäten wie Harvard, Yale und Stanford ist für die Sprösslinge der Mächtigen und Reichen ein Muss. Und natürlich nutzt man bis in die inneren Kreise der KP hinein auch die Möglichkeit, das zusammengeraffte Vermögen ausser Landes zu schaffen und bei amerikanischen Banken in Sicherheit zu bringen. Was derweil unbemerkt bleibt. Chinas Wirtschaft erkrankt an ähnlichen Symptomen wie die amerikanische Wirtschaft: Zu gross ist die Spekulationsblase, zu hoch sind die öffentlichen Schulden, zu ungleich ist die Vermögensverteilung, zu zahm der Widerstand gegen Leute, die kraft ihres vielen Geldes regieren.

Auch wenn der stramm autoritäre Leninist Xi Jinping die Zeit zurückdrehen will, die sino-amerikanische Symbiose ist mittlerweile ideell und materiell unentwirrbar geworden. Die Volkswirtschaften von China und den USA sind aufs Engste verzahnt, die Chinesen legen ihr Volksvermögen in amerikanischen Staatspapieren an. Weltgewandte und gut gebildete Chinesen können mit der KP und deren Antiamerikanismus immer weniger anfangen. Die Rufe nach Freiheit und nach den universellen Menschenrechten werden lauter und kommen mitunter auch von «oben». An der prodemokratischen Charta 08, die online Ende 2008 veröffentlicht wurde, arbeiteten zahlreiche Vertreter der Zentralparteikaderschule mit. Auch elf Jahre ideologischer Verschärfung unter Xi Jinping haben diese ideelle Annäherung nicht gänzlich zu unterdrücken vermocht.

Am 9. Mai 1999, inmitten des Kosovokriegs, trafen fünf amerikanische Marschflugkörper die chinesische Botschaft in Belgrad und töteten drei Chinesen. Sogleich versammelten sich in Peking Scharen junger Chinesen vor der amerikanischen Botschaft in Peking, um Steine zu schmeissen. Am nächsten Morgen aber reihten sie sich wieder in die lange Schlange derer ein, die auf ein Visum für das Studium an einer amerikanischen Hochschule hoffen.

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