Ob der Trainer Peter Zeidler oder Enrico Maassen heisst, ändert wenig: Die Ostschweizer treten an Ort. Das hat auch mit den Personalien Lukas Görtler und Jean-Pierre Nsame zu tun.

Am Ende bleibt dem FC St. Gallen der Kreis in der Mitte des Spielfeldes. Alle stehen zusammen, beschwören das Schicksal. Nach dem 1:1-Remis in Luzern vom Donnerstag bleibt nur noch theoretisch die Hoffnung, unter die besten sechs Teams des Landes vorzustossen. Man kann den inflationären Punktverlusten gegen nicht übermächtige Gegner wie Yverdon und Winterthur nachtrauern – St. Gallen ist 2025 kaum weiter als zuvor.

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Eine Problemzone wird in Luzern im Verlauf der zweiten Halbzeit ersichtlich. Der 31-jährige Stürmer Jean-Pierre Nsame, bis Anfang 2024 serieller Torschütze in den Reihen des mehrfachen Meisters YB, greift sich an den Oberschenkel. Er ist nach seiner Einwechslung keine fünf Minuten auf dem Rasen gewesen, hat eine Torchance vergeben und sich dabei verletzt. Auswechslung.

Nsame war während Jahren der Topstürmer der Liga

In der Winterpause tut der FC St. Gallen das, was er tun muss und auch tun kann, weil die Performance in der Conference League ein paar Millionen Franken in die Kasse gespült hat. Der Klub leistet sich etwas mehr als auch schon und greift zu, als sich für Nsame eine Rückkehr in die Super League abzeichnet. In jene Liga, die er als Stürmer lange dominiert hat.

Das ist mit noch grösseren St. Galler Erwartungen verbunden, auch wenn nach seinem komplizierten Bruch mit YB der jährige Abstecher zu Como in die italienische Serie B und zu Legia Warschau in die polnische Ekstraklasa schlichtweg zum Vergessen war.

Aber in der Super League hat Nsame funktioniert, weit überdurchschnittlich. Lässt sich das wiederholen? Zumindest ansatzlos nicht. Für Nsame, der nur leihweise in St. Gallen spielt (Kaufoption), könnte sich im Sommer abermals eine diffizile Situation ergeben. Zumal er jetzt verletzt ist.

Auch der Klub braucht offenbar mehr Zeit, als sich dies die Verantwortlichen nach dem Abgang des Langzeittrainers Peter Zeidler 2024 erhofft haben. Der Befund bleibt, ob nun der Trainer Zeidler oder Enrico Maassen heisst: Die ökonomischen Parameter zeigen nach oben, auch der Zuschauerdurchschnitt nähert sich noch mehr der 18 000er-Grenze, aber das auf dem Rasen Gezeigte vermag in der Summe damit nicht Schritt halten. Das akzentuiert sich auch deshalb, weil Maassen weniger der Verkäufer ist als sein Vorgänger Zeidler, der wortgewandt allerhand Ungereimtes weggewischt hat.

Irgendwie bleibt St. Gallen stecken. In einer Liga notabene, in der bisweilen alle steckenzubleiben drohen.

12 Europacup-Spiele sind für St. Gallen Neuland

Der Präsident Matthias Hüppi steht nach dem Remis in Luzern, das die Wirkung einer Desillusion entfaltet, am Spielfeldrand. Er weiss, was es wahrscheinlich geschlagen hat: «Wenn wir die Meistergruppe verpassen sollten, dann ist das eben so. Dann stehen wir hin und nehmen Kritik entgegen.» Die Meisterschaft läuft weniger gut als letztes Jahr, im Schweizer Cup kam’s abermals zum frühen Ende.

Was die Saison versüsst und Enrico Maassen von seinem Vorgänger Zeidler abhebt, ist die Conference League, nicht weniger als 12 Europacup-Einsätze – und dabei vor allem die zuweilen epische Qualifikation.

Manch ein St. Galler hinterliess in den letzten Wochen einen überspielten Eindruck. In Luzern wischt der Trainer Maassen mit Schönfärberei Fragen weg, weshalb seine Mannschaft im Finish nicht mehr Dominanz zu entfalten vermochte, in einem Match, den sie zwingend hätte gewinnen müssen. Sie wirkt führungslos, als könnte sie sich nicht aufbäumen.

Sie ist in Luzern zu weit vom dringend benötigten Erfolg weg. Einmal mehr. Und einmal mehr fehlt ihr der Captain Lukas Görtler, der wegen einer Gelbsperre auf der Tribüne Platz nimmt. Die Abhängigkeit von Görtler sticht rein statistisch ins Auge. Das macht mit dem Deutschen etwas, lädt (zu?) viel auf dessen Schultern. Der Goalie Lawrence Ati Zigi oder Jordi Quintillà, auch sie mit langfristigen Verträgen ausgestattet, könnten ein zweiter Görtler sein – auf und neben dem Rasen. Aber sie sind es nicht.

Nsame hat sich in Bern nicht nur mit Toren abgehoben, sondern auch mit seiner reflektierten Art. Von ihm wird in der Ostschweiz Leadership und die Übernahme von Verantwortung verlangt, doch wenn’s so läuft wie bisher, bleibt der Kameruner dem schuldig. Mit der Körpersprache auf dem Spielfeld hat er noch selten überzeugt. Nach dem Spiel in Luzern muss Maassen Nsame verteidigen. Was ist Sein? Was Schein?

Im Nachwuchs sticht der FC Luzern St. Gallen aus

Derweil der FC St. Gallen Leader und (endlich) eine Art Durchbruch sucht, macht ihm der FC Luzern zurzeit etwas vor – nicht ökonomisch und nicht punkto Publikumszuspruch, der in der Zentralschweiz rückläufig ist. Aber in Bezug auf die Nachwuchsförderung. Der FC Luzern hängt sich das Label eines Jugendhauses um, und so spielt er auch. Ungestüm, etwas unbedarft auch, frisch drauflos und stets nahe an der Überforderung. Er bleibt einsamer Schweizer Meister in der Nachwuchs-Trophy, die jenen Klub belohnt, der auf U-21-Spieler setzt.

Der Goalie Pascal Loretz, die Freimann-Brüder. Lars Villiger und Ruben Dantas Fernandes im Spiel, Severin Ottiger und Levin Winkler auf der Ersatzbank. Dazu gehört auch der inzwischen nach Stuttgart transferierte Luca Jaquez – oder letztes Jahr Ardon Jashari, der mittlerweile Brügge und die belgische Liga in Aufregung versetzt.

St. Gallen ist wie die Antithese dazu und rangiert in besagter Nachwuchstabelle an letzter Stelle. Der in Stuttgart unter Vertrag stehende Leonidas Stergiou und Christian Witzig dienen als Referenzen für die Ostschweizer Nachwuchsabteilung. In dieser Saison hielt Corsin Konietzke die Fahne der Jugend hoch – bis zu seiner Verletzung. Sonst? Fehlanzeige. Zumal im Vergleich zu Luzern, wo für jeden Jungen der Weg nach oben so breit wie eine dreispurige Autobahn ist.

Dass die kompromisslose Haltung, die der Trainer Mario Frick vorlebt («Wenn ein Junger besser ist als ein Arrivierter, spielt der Junge»), einen gewissen Erfolg nach sich zieht, ist ein Farbtupfer für die Liga. Und mündet in tiefe Luzerner Genugtuung.

Luzern schaut aus allen Richtungen zu St. Gallen hoch. Aber im Förderprogramm Nachwuchs sitzt Luzern auf dem Thron. Derweil St. Gallen mit Jean-Pierre Nsame Wunden leckt.

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