Donnerstag, April 3

Ohne genug Soldaten nützen die besten Armeen nichts. Deshalb diskutieren verschiedene Länder über die Wiedereinführung der Wehrpflicht. Eine grafische Übersicht darüber, wo sie gilt, wo nicht – und was die Jugend Europas über eine Wiedereinführung denkt.

Europa will sich mit Milliarden für neue Panzer, Flugzeuge und Raketenabwehrsysteme auf eine unsicherere Welt vorbereiten. Doch während darüber gestritten wird, woher all das Geld kommen soll, taucht schon das nächste, womöglich noch grössere Problem auf: Wer soll das ganze Material überhaupt bedienen? Es fehlten Soldaten, und zwar viele, sagen Fachleute, unter ihnen auch Cameron Abadi im Interview mit der NZZ.

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Würde heute ein Krieg ausbrechen, könnten die über dreissig Länder Europas gemeinsam knapp zwei Millionen aktive Soldaten mobilisieren. Das sind nur wenig mehr, als die USA allein stellen können. Gemeint sind damit Berufssoldaten, die sofort einsatzbereit wären. Weitere Kräfte, also Reservisten, müssten erst mobilisiert und ausgestattet werden.

Es fällt auf, dass unter den zehn Ländern mit den meisten aktiven Soldaten nur die Türkei und Griechenland auf Wehrpflicht setzen. Beide Länder tragen ihren Streit um Inseln und Rohstoffe im östlichen Mittelmeer auch mit militärischen Mitteln aus.

Sonst wird die Wehrpflicht vor allem in Ländern aufrechterhalten, die an Russland grenzen – etwa in Skandinavien und im Baltikum –, oder in den neutralen Staaten Schweiz und Österreich. Auf dem Balkan führen Kroatien und Serbien in diesem Jahr wieder die Wehrpflicht ein. Ausserdem dehnt Dänemark, als zweites europäisches Land nach Norwegen, die Pflicht zum Wehrdienst auch auf Frauen aus.

Wie lange der Dienst dauert, ab welchem Alter die Soldaten eingezogen werden und ob es Alternativen wie den Zivildienst gibt, ist allerdings überall anders geregelt.

Dazu drei Beispiele: In der Türkei müssen Männer zwischen 20 und 41 Jahren einen 6 bis 12 Monate dauernden Militärdienst leisten. Allerdings ist es möglich, sich gegen eine Gebühr vom Dienst freizukaufen. Wer studiert oder in bestimmten Berufen in der Forschung, im Kunstbereich oder im Spitzensport tätig ist, darf den Dienst zudem aufschieben.

In Finnland gilt ein anderes Modell. Männer absolvieren ab 18 Jahren einen 5,5 bis 12 Monate langen Militär-, Grenzschutz- oder Zivildienst. Danach gehören sie der Reserve an und können im Ernstfall bis zum 50. Lebensjahr, als Unteroffiziere oder Offiziere bis zum 60. Lebensjahr einberufen werden.

Auch die Schweiz verfolgt mit ihrem Milizsystem einen eigenen Ansatz. Jeder Schweizer ist verpflichtet, Militärdienst oder einen zivilen Ersatzdienst zu leisten. Die Mehrheit leistet ihren Dienst nach einer kurzen Grundausbildung über mehrere Jahre verteilt in Wiederholungskursen. Der Militärdienst dauert mindestens 245 Tage, der Zivildienst 368 Tage. Der Einsatz wird in der Regel zwischen dem 18. und dem 30. Lebensjahr absolviert. Danach gehört man der Reserve an, wie lange, hängt vom Dienstgrad ab.


Trotz unterschiedlichen Modellen haben die europäischen Länder mit Wehrpflicht eines gemeinsam: Sie haben Tausende von Soldaten in Reserve, die im Ernstfall einsatzfähig sein müssen.

In den vergangenen zehn Jahren haben viele Länder ihre Streitkräfte spürbar verkleinert – und das nicht nur dort, wo es eine Wehrpflicht gibt. Auch grosse Freiwilligenarmeen wie in Grossbritannien, Frankreich oder Italien haben zwischen 2015 und 2025 deutlich Personal abgebaut. In Deutschland und Spanien legte die Truppenstärke nur minimal zu. Und bei den Reserven sieht es nicht besser aus: Selbst in grossen Nato-Staaten bleiben sie mit oft nur einigen zehntausend Soldaten überschaubar.

Den Beginn des Rückgangs der Armeebestände markierte die Abschaffung der Wehrpflicht. Grossbritannien machte bereits 1960 den Anfang, Frankreich folgte 1997, Spanien im Jahr 2001. Italien zog 2005 nach. Am spätesten entschied sich Deutschland für diesen Schritt: Erst 2011 wurde dort die Wehrpflicht ausgesetzt.

Der Umbau der Streitkräfte war das Ergebnis von sicherheits- und gesellschaftspolitischen Verschiebungen. Mit dem Ende des Kalten Krieges verloren die klassische Landesverteidigung und das Szenario der konventionellen Kriegsführung an Bedeutung. An ihre Stelle traten Auslandeinsätze in Krisengebieten und der Katastrophenschutz. Dafür galten hauptberufliche Soldaten als besser geeignet denn Wehrpflichtige.

Regierungen und Experten gingen davon aus, dass Profiarmeen nicht nur effizienter im Umgang mit immer komplexeren Waffensystemen sind, sondern auch günstiger als riesige Massenheere. Denn diese sind nicht nur bei der Rekrutierung, sondern auch bei Unterbringung, Ausrüstung und Ausbildung teuer. Gleichzeitig sank in vielen Gesellschaften die Bereitschaft zum Wehrdienst. Der Dienst an der Waffe galt als überholt, sei es aus pazifistischen Gründen oder weil finanzielle und soziale Anreize fehlten.

Der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine hat seit 2022 die Sicherheitslage verändert. Doch nur eine grosse Freiwilligenarmee hat darauf reagiert: Polen. Allein seit Ausbruch des Ukraine-Krieges ist die Truppe um rund 50 000 Soldaten gewachsen und soll noch grösser werden. Zwar will die polnische Regierung die Wehrpflicht nicht wieder einführen, doch sie plant ein freiwilliges Militärtraining für alle erwachsenen Männer, um im Ernstfall auf ein breiteres Truppenpotenzial zurückgreifen zu können.


Dass Polen trotz der direkten Nachbarschaft zum Krieg in der Ukraine weiter auf Freiwilligkeit setzt, sorgt im Land selbst für Kritik. Konservative Politiker und ranghohe Militärangehörige fordern die Rückkehr zur Wehrpflicht. Sie vermuten die Bevölkerung auf ihrer Seite. Laut jüngsten Umfragen sind 55 Prozent der Menschen für die Wiedereinführung des Militärdienstes.

Allerdings besteht zwischen den Generationen ein deutlicher Unterschied: Während sich die 18- bis 29-Jährigen – also potenzielle Rekruten – mehrheitlich gegen die Wehrpflicht stellen, sprechen sich die über 30-Jährigen klar dafür aus.

Auch bei der Idee des freiwilligen Militärtrainings sind sich die Generationen in Polen uneinig. Während eine Mehrheit der Gesamtbevölkerung zustimmt, winken viele unter 30 ab. Trotzdem dürfte der polnische Kompromiss zwischen Freiwilligkeit und Wehrpflicht in westlichen Hauptstädten Europas genau beobachtet werden. Denn von Paris über Berlin bis nach Madrid taucht die Frage nach einer Dienstpflicht nun wieder in der öffentlichen Debatte auf.

Doch nur in Frankreich und Deutschland ist derzeit eine klare Mehrheit der Bevölkerung dafür, die Militärdienstpflicht wieder einzuführen. Anders sieht das in Italien, Grossbritannien und Spanien aus, wo eine Mehrheit die Wiedereinführung ablehnt. Das zeigt eine Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Yougov vom März für diese Länder.

Die Ergebnisse spiegeln auch andere nationale Umfragen wider. Allerdings zeigt sich wie in Polen: Selbst in Frankreich und Deutschland hat die Jugend wenig übrig für eine Pflicht zum Militärdienst. Es sind die 35- bis 40-Jährigen, die diese mehrheitlich befürworten.

In Italien und Spanien fehlt selbst unter Älteren die klare Unterstützung für eine Wehrpflicht. Am geringsten ist sie allerdings auch dort bei den potenziellen Rekruten. Nur etwa ein Drittel wäre für eine Dienstpflicht.

Ganz anders sieht es in der Schweiz aus, wo die Wehrpflicht noch gilt. Laut der jüngsten Studie der Armee wollen nur 31 Prozent der Befragten das System abschaffen. Bei den 18- bis 34-Jährigen liegt der Anteil mit 39 Prozent zwar höher – doch das ist ein deutlicher Rückgang: 2023 war noch fast die Hälfte der Jungen für ein Ende der Wehrpflicht.


Während die Debatte um den Dienst an der Waffe oft theoretisch geführt wird, rückt im Ernstfall eine ganz andere Frage in den Vordergrund: Wer wäre im Krisenfall überhaupt bereit, für sein Land zu kämpfen?

Vor einem Jahr sorgte in diesem Zusammenhang eine Umfrage in Grossbritannien für Aufsehen. Sie zeigte, dass nicht nur viele Briten die Wehrpflicht ablehnen; rund ein Drittel der unter 40-Jährigen erklärte sogar, dass sie den Dienst an der Waffe verweigern würden, wenn ihr Land von einer Invasion bedroht wäre.

Dabei ist der Wille, im Ernstfall für sein Land zu kämpfen, bei den Briten in jüngerer Zeit etwa ähnlich moderat ausgeprägt wie in anderen grossen Ländern Europas. Laut einer Gallup-Erhebung, die alle zehn Jahre durchgeführt wird, würden 2024 in den meisten europäischen Ländern weniger als die Hälfte der Befragten im Ernstfall zu den Waffen greifen, um das eigene Land zu verteidigen.

In Grossbritannien und Spanien würde noch rund ein Drittel der Bevölkerung kämpfen. In Deutschland und Österreich sinkt der Wert auf 20 Prozent. Italien bildet das Schlusslicht: Lediglich 14 Prozent der Bevölkerung wären im Ernstfall bereit, das Land zu verteidigen. Im Vergleich zur Befragung von 2014 ist die Bereitschaft sogar noch weiter gesunken.

Anders ist das in Finnland. Schon vor zehn Jahren erklärten zwei Drittel der Finnen, im Ernstfall für ihr Land kämpfen zu wollen – und das, obwohl Russland die Ukraine noch nicht angegriffen hatte und Finnland noch kein Nato-Mitglied war. Beides hat sich seither geändert.

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