Ein ungefährdetes 5:1 gegen Davos bedeutet für die ZSC Lions den 13. Play-off-Heimsieg in Serie. Wieder einmal ebnet das Aushängeschild Andrighetto den Weg – trotz Handicaps.

Als Sven Andrighetto im Dezember 2022 mit der Schweizer Eishockey-Nationalmannschaft ein bedeutungsloses Testspiel gegen Tschechien bestreitet, fährt ein Gegenspieler in seine Hand. Die Diagnose: Bruch des Kahnbeins, ein winziger Handwurzelknochen.

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Andrighetto, 32, ist einer der besten Schweizer Stürmer seiner Generation. Er schaffte es bis in die NHL und liess sich später in Omsk vergolden, ehe er nach Zürich zurückkehrte. Die Verbundenheit zur Stadt geht schon seit jungen Jahren unter die Haut: Er liess sich den Züri-Leu und das Grossmünster auf den Oberschenkel tätowieren. Es ist schwierig, Andrighettos Grad an Identifikation für den ZSC zu übertreffen.

In seiner ersten Saison als ZSC-Profi wurde er 2020/21 auf Anhieb Torschützenkönig. Seine Geschosse waren gefürchtet, er ist einer dieser Spieler, die mit der raren Gabe gesegnet sind, aus allen Lagen treffen zu können; ein Kunstschütze mit ausgeprägtem Selbstbewusstsein. Die NZZ schrieb vor ein paar Jahren einmal: «An Sven Andrighetto zweifelt zuletzt: Sven Andrighetto.»

Lange war das so, doch dann kam diese Verletzung. Andrighetto sagt: «Nach meiner Rückkehr spielte ich mit einer Schiene und musste den Stock anders halten. Ich brachte kaum noch Druck auf den Stock, die Präzision war, sagen wir, gewöhnungsbedürftig. Aber es gibt keine Ausreden. Ich wusste, dass ich einen Weg finden muss. Also habe ich das getan.»

Topskorer der Champions Hockey League – und jetzt auch des Play-off

Andrighetto musste im Alter von 30 Jahren de facto neu lernen, wie man schiesst. Bis heute spielt er mit einer Schiene, mit dem ZSC-Teamarzt Gerry Büsser hat er im Sommer eine Version entwickelt, die ihn nicht mehr stört. Er sagt: «Inzwischen geht sie durch die Hand hindurch und ist eigentlich eher wie ein zusätzlicher Ausrüstungsgegenstand.»

Und doch: Es ist eindrücklich, wie Andrighetto den Widrigkeiten getrotzt hat. Handicapiert war er 2023/24 noch immer gut genug, um Teil jener Nationalmannschaft zu sein, die in Tschechien WM-Silber holte. Und heute wirkt er so unwiderstehlich wie in den allerbesten Tagen: In der Champions Hockey League war er Topskorer und wurde zum wertvollsten Spieler des Wettbewerbs gewählt. Und die 13 Skorerpunkte aus acht Partien im laufenden Play-off bedeuten abermals Bestwert. Am Donnerstagabend wies er dem ZSC ein weiteres Mal den Weg: Den Siegtreffer von Denis Malgin bereitete er vor, später traf er im Powerplay zum 5:1.

Andrighettos Darbietungen haben etwas so Mitreissendes, dass er viele Bewunderer hat. Der ZSC-Sportchef Sven Leuenberger sagt, ihm habe die Schmerztoleranz Andrighettos imponiert: «Andrighetto ist aus altem Schrot und Korn. Er ist ein echter Kämpfer und wirklich hart im Nehmen. Es muss viel passieren, dass er sagt: Ich kann nicht spielen.»

Andrighetto ist Aushängeschild und Vorkämpfer zugleich. Nicht selten ist seine Verfassung ein untrüglicher Indikator dafür, wie es um den ZSC steht. Das ist kein Zufall, sagt Christian Marti, der kräftige Nationalmannschaftsverteidiger des ZSC, der Andrighetto seit knapp 20 Jahren kennt: «Er will das unbedingt: Jener Spieler sein, der den Unterschied ausmacht. Manchmal frustriert es ihn, wenn er die Chance dazu nicht erhält. Er ist sehr ehrgeizig. Und opfert viel. Am Morgen ist er meistens der erste, der in der Kabine ist. Und er hat diesen Swagger, den man halt einfach hat oder eben nicht. Er macht uns so viel besser. Und ist jeden Franken wert.»

Andrighetto gehört zu den teuersten Spielern der Liga-Geschichte

Der letzte Satz ist nicht unwesentlich. Andrighetto gehört zu den kostspieligsten Spielern in der Geschichte der Liga. Im Sommer hat er seinen auslaufenden Vertrag bis 2029 verlängert. Es war keine komplizierte Verhandlung: Der mit üppigem Budget operierende ZSC wollte Andrighetto halten. Und dieser sich nicht verändern. Der Plan ist, dass er seine Karriere dereinst in Zürich beendet. Schon jetzt bereitet er sich auf die Zeit nach der Karriere vor: Im Sommer jobbte er im Treuhandbüro seines Vaters in Bassersdorf. «Ich weiss nicht, ob ich wirklich eine Hilfe war», sagt er lachend.

Im ZSC ist das anders, auch dank ihm hat der Titelhalter beste Aussichten, zum elften Mal Schweizer Meister zu werden. Das unter Absenzen ächzende Davos wirkte am Donnerstag nur bedingt wie ein Gradmesser, zum neuerlichen Finaleinzug fehlen nur noch zwei Siege. Und in der zweiten Halbfinalserie enttäuscht der Qualifikationssieger Lausanne gegen ein arg dezimiertes Gottéron bisher auf der ganzen Linie. In der aktuellen Verfassung ist der ZSC der klare Favorit. Und Andrighetto sagt, er habe auch deshalb unbedingt verlängern wollen: Weil man hier Jahr für Jahr Meister werden könne.

Im Kabinengang der Swiss Life Arena fällt seinem Copain Christian Marti noch etwas ein: «Ich habe schon ohne Schiene Mühe, halbwegs vernünftig zu schiessen. Es ist krass, was er leistet.» Es ist keine Untertreibung: Marti hat in 632 National-League-Partien 22 Tore erzielt und in dieser Saison noch überhaupt keines. Marti hat andere Aufgaben, und der ZSC kann es verschmerzen. Jedenfalls so lange Sven Andrighetto den Unterschied ausmacht.

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