Ein Mädchen lag tot im Wald. Seine Mutter wurde wegen Mordes verurteilt, obwohl sie jede Schuld von sich weist. Jetzt muss das Bundesgericht über ein Delikt verhandeln, das niemand verstehen kann.
Die Nacht ist früh angebrochen am ersten Februartag des Jahres 2022. Die Temperatur liegt nahe am Gefrierpunkt, es nieselt, und es weht ein unangenehmer Wind. Um 19 Uhr 09 geht bei der Kantonspolizei Bern ein Notruf ein. «Wir haben mein Grosskind gesucht, und jetzt haben wir sie im Wald gefunden, ich weiss nicht, ob sie noch lebt.» Monika A. spricht klar und wirkt relativ gefasst. Im Hintergrund hört man jemanden weinen. Dann geht Mirjam A. selbst ans Telefon: «Ich bin die Mutter, es ist alles voller Blut, ich kann fast nicht hinschauen, ihr müsst unbedingt kommen!»
Die Polizisten sind schnell vor Ort. Die Grossmutter geht ihnen entgegen, damit sie das Hüttchen finden, das etwa fünfzehn Meter von einem Pfad entfernt verborgen im Könizbergwald liegt: ein Geflecht aus Ästen und Schnüren, das Mirjam A. gemeinsam mit ihrer Tochter Elena gebaut und mit Weihnachtskugeln geschmückt hat. Das «Versteckli», ein Geheimnis zwischen Mirjam und Elena. Am Boden bilden kleine Steine ein grosses Herz.
Hier haben sie, die Mutter und die Grossmutter, Elena gefunden. Das Mädchen liegt auf dem Bauch, der eingeschlagene Kopf versteckt unter der Kapuze. Sein Körper ist noch warm. Ein Polizist versucht sofort, das Leben zurückzuholen, später übernehmen Sanitäter. Um 20 Uhr 04 brechen sie die Reanimation ab. Elena wird für tot erklärt. Sie wurde nur acht Jahre alt.
18 Jahre Freiheitsstrafe – ein Indizienprozess
Der Tod der kleinen Elena hat die Schweiz gleich zwei Mal erschüttert. Ein erstes Mal am Tag danach, als die Medien berichteten, dass ein Kind in einem Wald in Niederwangen bei Bern getötet worden sei. Sofort wurden Erinnerungen an die neunziger Jahre wach, als ein Kindermörder umging und die Eltern in Angst versetzte. Der zweite Schock folgte, als sich abzeichnete, dass Elena nicht das Opfer eines gefährlichen Straftäters geworden ist. Bereits am nächsten Tag verhaftete die Polizei eine andere Verdächtige: Elenas Mutter.
Mirjam A., die Elena angeblich verzweifelt im Quartier gesucht und im Wald gefunden hat, soll sie selbst getötet, soll ihrer achtjährigen Tochter mit einem schweren Stein den Schädel eingeschlagen haben. So klagte die Staatsanwältin, so sah es das Regionalgericht Bern-Mittelland, so urteilte letzte Woche in zweiter Instanz auch das Obergericht des Kantons Bern: Es sprach die 33-jährige Mirjam A. des Mordes an Elena schuldig und verurteilte sie zu einer Freiheitsstrafe von 18 Jahren. Es war ein Indizienprozess: Ein eindeutiger Beweis fehlt, Mirjam A. bestreitet die Tat bis heute.
Manchmal genügen Indizien, um daraus ein Puzzle zusammenzusetzen, auf dem sich ein Bild abzeichnet. Manchmal ist das Bild deutlich genug, um auch die letzten Zweifel eines Gerichts auszuräumen. Selbst wenn man sich wünschte, dass es anders wäre. Vor Gericht sprach vieles gegen und wenig für Mirjam A.
Bei der Rekonstruktion des Abends, der der letzte in Elenas Leben war, stützte sich die Polizei auf Auswertungen von Handys und Computern, auf Spuren am Tatort, auf Aussagen von Betroffenen und Personen aus deren Umfeld, auf das Aussageverhalten der Befragten, auf Spürhunde – und ganz besonders auf den einzigen Zeugen: Der Junge war zur Zeit der Tat zwölf Jahre alt. Wir nennen ihn hier Jonas.
Jonas muss am 1. Februar 2022 noch rasch mit dem Hund hinaus. Er verlässt die Wohnung in Niederwangen um 16 Uhr 40, kurz darauf begegnet er Elena, die mit ihrer Mutter unterwegs ist. Mirjam A., so erzählt es Jonas später, streichelt den Hund, das Mädchen aber weicht aus, es hat Angst vor dem Tier. Um 16 Uhr 51 kreuzen sich die Wege der drei erneut; jetzt sieht Jonas Mirjam A. mit Elena zum Wald hinaufgehen. Er kann sich so genau an die Zeit erinnern, weil er auf die Uhr geblickt hat; würde seine Runde mit dem Hund zu kurz ausfallen, würde ihn seine Mutter gleich noch einmal hinausschicken. Er aber will zu seinem Kumpel gamen gehen.
Die Auswertung seines Handys zeigt, dass seine Angaben exakt sind: Das Handy verlor um 16 Uhr 40 den Kontakt zum WLAN der Wohnung, um 16 Uhr 51 war sein Display für drei Sekunden aktiviert, wohl weil Jonas die Zeit ablas. Das Gericht stuft seine Aussagen insgesamt als konstant und glaubhaft ein. Auch wegen der geschilderten Details: Dass die Mutter den Hund streichelte, die Tochter aber einen Bogen um ihn herum machte – das klinge authentisch und nicht erfunden. Dass Jonas der Grünton in den dunklen Haaren der Mutter nicht aufgefallen ist und er sich nicht an ihre Kleidung erinnern kann, findet nur Mirjam A.s Verteidiger bemerkenswert.
Liess die Mutter das Handy absichtlich zu Hause?
Mirjam A. erzählt eine ganz andere Geschichte als Jonas. «Um 16 Uhr 30 oder so» will Elena zu ihrer Freundin spielen gehen. «Wir haben uns umarmt, ‹gnäselet› und uns ein Müntschi gegeben, das machten wir immer so beim Hallo- und beim Tschüss-Sagen.» Mirjam A. erinnert sich, dass sie Elena vom Balkon aus gewinkt und ihr nachgeblickt hat. Danach will sie zu Hause Musik gehört und gechillt haben. Gegen halb sieben ruft Mirjam A. die Mutter von Elenas Freundin an. Doch Elena ist nie dort angekommen. Also fragt sie bei anderen Eltern nach, bevor sie schliesslich ihre Mutter informiert, dass sie Elena nicht finden könne. Monika A. wohnt nicht weit weg; sie macht sich sofort auf den Weg, um nach ihrer Enkelin zu suchen.
Als die Polizei später die Daten von Mirjams Handy auswertet, scheinen sie deren Aussage auf den ersten Blick zu bestätigen: Das Gerät befand sich während des gesamten Nachmittags in ihrer Wohnung, das Musikstreaming war die ganze Zeit aktiv. Trotzdem entlastet die Auswertung Mirjam A. nicht vom schweren Verdacht, im Gegenteil: Zwischen 16 Uhr 34 und 17 Uhr 40 wird das Mobiltelefon, das sonst regelmässig mehrmals pro Stunde benutzt wird, kein einziges Mal aktiviert. Das Gericht geht davon aus, dass Mirjam A. das Telefon bewusst zu Hause liess, während sie mit ihrer Tochter in den Wald ging und sie dort tötete.
Auch Mirjams Aussagen werden vom Gericht als belastend gewertet. So widerspricht sie sich bei der Schilderung, wie oft sie mit Elena in der Woche vor ihrem Tod ins Waldhüttchen gegangen sei. Zunächst behauptet sie, es nicht mehr zu wissen, dann gibt sie an, jeden Tag dort gewesen zu sein, später sind es dann noch zwei oder drei Mal. Ihre Handydaten weisen indes nur zwei Besuche nach: acht Tage vor der Tat, als sie das Versteck im Wald gebaut haben, und an dem Abend, als Mirjam ihre tote Tochter dort fand.
Dass Elenas Leiche keine Abwehrverletzungen aufwies, spricht dafür, dass sie die Person kannte, die ihr das Leben nahm. Verdächtig findet die Polizei ebenfalls, dass Mirjam A. das Kind am Tatort kaum anfasste und unaufgefordert die Herkunft des Blutes an ihren Händen erklärte. Seltsam mutet auch an, dass Melanie A. bei einer weiteren Befragung von sich aus einen Stein ins Spiel brachte, den sie, weil Elena ihn als Wassernapf für imaginäre Tiere nutzen wollte, einen weiten Weg zur Hütte geschleppt haben will. «Da Elena hinten am Kopf so stark blutete, dachte ich, es könnte dieser Stein gewesen sein», erklärt Mirjam A.
Der Stein wiegt 8,1 Kilogramm, ist etwa 25 mal 20 mal 16 Zentimeter gross und wird zum Corpus Delicti: Die Polizisten finden ihn bei einer erneuten Suche in einem Dornengestrüpp sechs Meter vom Fundort der Leiche entfernt. Sie stellen daran Blut und Haare von Elena sowie DNA-Kontaktspuren sicher: Drei Spuren stammen von Elena, bei einer Spur handelt es sich um ein Mischprofil, das DNA-Anteile von Elena und Nebenkomponenten der DNA von Mirjam A. enthält. Spuren einer Drittperson werden nicht gefunden.
Mirjam A. vermutet, dass der Täter Handschuhe getragen haben muss. Als ein Richter sie fragt, ob sie ihm erklären könne, warum der Täter den Stein dann versteckte, wenn er sowieso Handschuhe getragen habe, antwortet sie: «Nein, ich kann mich nicht in diese Person hineinversetzen. Ich weiss nicht, wie ein Täter denkt und wie man einem Kind so etwas antun kann. Ich weiss nicht, was er mit dem Stein tun würde. Für mich ist so ein Mensch krank.»
Mirjam A. ist nicht krank. Eine schwere psychische Störung oder Persönlichkeitsstörung schliesst der forensische Psychiater aus, der das Gutachten über sie erstellt hat: «Mirjam A. war zur Tatzeit psychiatrisch normal.» Trotzdem liegen die Gründe, dass ihre Tochter nicht mehr lebt, wohl in Mirjam A.s Persönlichkeitsstruktur verborgen. Sie, die mit 22 Jahren nach einem One-Night-Stand Mutter wurde, sehnte sich sehr nach einer intakten, eigenen Familie – vielleicht weil sie selbst aus einer konfliktbelasteten Familie stammt. Auf ihrem Pinterest-Profil finden sich zahlreiche Vorschläge für Hochzeitskleider und -accessoires. Doch es klappt nicht mit ihren Beziehungen.
«Unreife, egozentrische und histrionische Züge»
«Mirjam A. hat sich in ihren Intimbeziehungen um eine langfristige Stabilität bemüht, was für sie aber sehr herausfordernd ist», sagt der forensische Psychiater. Sie habe ein grosses Freiheitsempfinden, und es sei für sie schwierig, ihren Erwartungen an sich als Mutter und an sich als Partnerin gerecht zu werden. Und dann sagt der Psychiater noch etwas: Mirjam A. weise unreife, egozentrische und histrionische Züge auf, die ihre Lebensbewältigung erschwerten. Eine histrionische Komponente bedeutet, dass Mirjam A. stets im Mittelpunkt stehen will.
Mirjams Bruder benutzt dafür andere Worte: «Sie wollte immer nur eines: Aufmerksamkeit.» In einem Brief an die Richter schreibt er über seine Schwester: «Irgendwann hat sie festgestellt, dass sie durch Mitleid die Aufmerksamkeit erhält, die sie benötigt.» Mirjam A. habe begonnen, Geschichten zu erfinden, zum Beispiel, dass sie zu Hause enorme Gewalt erlebt habe. «Diese Geschichten sind nicht wahr.» Aber sie habe gemerkt, dass sie dadurch von allen bemitleidet und beachtet wurde. «Auch die tragische Geschichte unserer Schwester hat sie bis ins Kleinste ausgeschlachtet, um Mitleid zu erhaschen.» Die Schwester hat sich 2017 in einem Wald das Leben genommen. «Sie erzählte die Geschichte jedem, der sich zu ihr an den Tisch setzte», sagt ihr Bruder. «Sie wollte allen das Bild einer starken, bemitleidenswerten, alleinerziehenden Mutter vermitteln, die so viel durchgemacht hat.» Mirjam A.s Bruder glaubt, dass sie ein krankhaftes Bedürfnis nach Mitleid hat.
Ihr Streben nach Aufmerksamkeit wird mit ein Grund sein, warum Mirjam A. noch vor den Gerichtsverhandlungen einwilligte, prominent in einem mehrteiligen Podcast von «Zeit – Verbrechen» aufzutreten und sich dort als Justizopfer zu inszenieren. Möglich ist aber auch, dass sie sich wirklich als Justizopfer sieht; dass sie ihre Tat so sehr verdrängt, dass sie aus ihrer Sicht, in ihrer eigenen Wirklichkeit, nicht wahr sein kann. «Ihr Leben ist aufgebaut auf Lügen, sie lügt so gut, dass sie einige Sachen selber glaubt», sagt Mirjam A.s älterer Bruder im Podcast. «Sie lügt, sobald es ihr einen Vorteil bringt, und sie erzählt die Lügen so oft, dass sie für sie das wirkliche Leben sind.»
Mirjam A.s Abstreiten der Tat erinnert frappant an einen anderen Fall: an den Zwillingsmord in Horgen. 2007, an Heiligabend, erstickte Bianca B. ihre siebenjährigen Zwillinge in ihren Betten. Nach der Tat stellte sie einen Einbruch nach und bestritt vehement, ihre Kinder umgebracht zu haben. Die Spurenlage zeigte jedoch klar, dass niemand in die Wohnung eingedrungen war. So sass nicht nur sie, sondern auch ihr Ehemann monatelang in Untersuchungshaft, weil er unter falschem Verdacht stand. Bianca B. leugnete die Tat auch vor Gericht.
Erst als das Verfahren später aus prozessualen Gründen wiederholt werden musste und nachdem Bianca B. im Gefängnis eine gute Therapeutin gefunden hatte, legte sie ein umfassendes Geständnis ab. Gleichzeitig gab sie zu, nicht nur die Zwillinge, sondern 1999 bereits ihr erstes Kind erstickt zu haben. Damals war man von einem plötzlichen Erstickungstod ausgegangen. Bianca B. wies einen instabilen Realitätsbezug auf; sie konnte selbst nicht mehr unterscheiden, was Wahrheit und was Lüge war. Sie hatte sich so sehr in die Idee hineingesteigert, ohne die Kinder ein besseres Leben führen zu können, dass sie deren Leben auslöschte.
Das Unfassbare
Dass eine Mutter ihre Kinder tötet, geht nicht in unsere Köpfe. Es ist unfassbar. Wir scheinen uns daran gewöhnt zu haben, dass Männer ihre Frauen und mitunter ihre Kinder umbringen; in der Schweiz begeht im Schnitt alle vierzehn Tage ein Mann an seiner Partnerin oder Ex-Partnerin ein Tötungsdelikt. Doch dass die Mutter die Täterin ist, das ist in unserer Gesellschaft noch immer der grösstmögliche Tabubruch. Man will es sich nicht vorstellen können, dass eine Mutter so etwas tut, dass sie fähig ist, das Leben, das in ihr wuchs, zu zerstören. Doch es passiert; selten, aber immer wieder.
Kriminologen unterscheiden bei Kindstötungen zwischen Neonatizid, der kurz nach der Geburt verübt wird, Infantizid, begangen an Kindern bis zu zwei Jahren, und dem Filizid, der ältere Kinder betrifft. Während es zu Neonatiziden mehrere Studien gibt, sind die Gründe, warum Mütter auch bei älteren Kindern zu Mörderinnen werden, wissenschaftlich wenig erforscht. Das Motiv ist individuell und kaum nachvollziehbar, manchmal bleibt es ganz im Dunkeln. Eines ist den Fällen aber oft gemein: Die Täterinnen befinden sich in einer schwierigen Lebenssituation und sind verzweifelt. Wenn Mütter ihre Kinder töten, ist es ähnlich wie bei einem Suizid: Sie haben einen Tunnelblick und denken, ihnen könne niemand helfen.
Auch Mirjam A. geht es nicht gut vor der Tat. Fünf Wochen bevor ihre Tochter stirbt, wird Mirjam A. von ihrem neuen Freund aus ihrer Sicht völlig überraschend verlassen. Sie hat ihn geliebt, hat gedacht, dass er nun endlich der Richtige sei. Ihrer Mutter erzählt Mirjam A., Elena sei ihm zu viel geworden. Gegenüber einer Freundin deutet sie an, dass sie den Geliebten zurückgewinnen möchte, was aber wegen Elena schwierig sei. Bei einem anderen Ex-Partner und nahen Freund weint sie sich aus. Er beschreibt sie zu dieser Zeit als zutiefst traurig und depressiv.
Auch die Aussagen anderer Bekannten skizzieren das Bild einer jungen Mutter, die ihr Kind zwar liebte, die aber gerne ein anderes, ein freieres Leben geführt hätte. Eine Mitbewohnerin des Ex-Freundes berichtet, dass Mirjam A. sich praktisch jedes Wochenende in der WG aufgehalten habe, um Party zu feiern, Elena habe sie jeweils mitgebracht. «Wir fanden es alle doof, wenn Elena in der Bar war, wo man rauchte», erzählte sie der Polizei. «Wir sprachen Mirjam darauf an, dass es komisch sei, wenn sie sie dorthin mitnehme.»
Es sei ihnen so vorgekommen, als habe Mirjam A. ihre Tochter bei ihnen abgeladen. «Sie dachte wohl, jemand schaut dann schon. Dieser ‹Jemand› war dann oft ich – aber das geht nicht.» So habe sie sich jeweils am Morgen, wenn Mirjam noch schlief, um Elena kümmern und ihr Frühstück machen müssen. Mirjam A. und ihr Kind wurden in der Wohngemeinschaft, wo sie sich so gerne aufhielt, zur Belastung. Auch unmittelbar nach der Tat rief Mirjam A. ihren Ex-Freund an und bat ihn, in der WG unterkommen zu dürfen. Der Ex-Freund und seine Mitbewohner lehnten ab.
Eine Aussage des anderen Ex-Partners, der ein enger Freund von Mirjam A. blieb, lässt besonders aufhorchen. Am 7. Januar 2022, dreieinhalb Wochen vor Elenas Tod, sind sie gemeinsam an einer Feier bei Freunden. Plötzlich nimmt Elena ihn an der Hand und führt ihn in ein leeres Zimmer, sie will ihm etwas sagen, das sonst niemand hören soll. «Sie erzählte mir, dass sie Mama in letzter Zeit anders erlebe und dass sie das Gefühl habe, sie sei für Mama eine Belastung», schildert er. «Ich erinnere mich genau, mir kamen die Tränen, so sehr hat es mich berührt, es war mir bewusst, wie schlecht es Mirjam da ging. Es tat mir für beide unsäglich leid.»
Mirjam A. hat sich für den Podcast «Zeit – Verbrechen» im Gefängnis fotografieren lassen. Die Bilder zeigen sie in ihrer Zelle, die Wände tapeziert mit Bildern von Elena. Auf einem Regal steht ein herzförmiger Rahmen aus Muscheln, von der Fotografie lächeln einem ein Mädchen und seine Mutter entgegen. Darunter steht: Elena & Mirjam. Das Kind und seine Mörderin?
«Ich kann mir auch nicht vorstellen, dass jemand so etwas tut, aber ja, für mich ist der Fall relativ klar: Aus meiner Sicht war es meine Schwester Mirjam», sagt der Bruder im Podcast. Die Art, wie er sie kenne, wie sie gewesen sei, wie sie sich im Ausgang mit Kollegen verhalten habe – für ihn passe das zusammen. Das alles spreche nebst den Indizien dafür, dass sie Elena getötet habe.
Letzte Instanz: Bundesgericht
«Für mich ist es sehr wahrscheinlich, dass es tatsächlich Mirjam war», sagt auch ihr Ex-Partner und Freund. Verteidigend fügt er an, dass in dieser Situation ein Mensch ganz unten und extrem verzweifelt gewesen sei. «Da hat kein boshafter Mensch gehandelt, sondern jemand aus einer völliger Verzweiflung heraus.»
Mirjam A.s Verteidiger Moritz Müller ist anderer Meinung. Er zeigt sich von der Unschuld seiner Mandantin überzeugt. «Natürlich müssen wir die schriftliche Urteilsbegründung abwarten, aber meine Klientin ist bereits jetzt fest entschlossen, das Bundesgericht urteilen zu lassen.» Das Verdikt des Berner Obergerichts ist somit nicht rechtskräftig, es gilt die Unschuldsvermutung. Jetzt muss sich die höchste Instanz mit dem Delikt befassen, das nicht verstanden werden kann.
Christine Brand ist Krimiautorin und freie Journalistin mit dem Fokus True Crime.