Der 44-jährige Karl Egloff hält mehrere Geschwindigkeitsrekorde an den höchsten Bergen der Welt. Er träumt davon, an allen «Seven Summits» Weltrekorde aufzustellen – noch fehlen drei Gipfel.

An Weihnachten 2022 gerät die Welt von Karl Egloff aus den Fugen. Egloff verbringt mit seiner Frau und den zwei Kindern einige Ferientage an Ecuadors Pazifikküste. Dort ist Egloff geboren, als Sohn einer Ecuadorianerin und eines Bergführers aus dem Toggenburg. In Ecuador ist er ein Sportstar; er war Mountainbike-Profi, Bergläufer, hält Weltrekorde für die schnellste Besteigung mehrerer Berge. Spaziert er durch die Strassen, bitten ihn die Menschen um ein Foto. Doch jetzt hat Karl Egloff einen Gewehrlauf am Kopf und fürchtet um sein Leben.

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Banditen überfallen die Feriensiedlung am Meer, fordern Geld, Autoschlüssel und Wertsachen. Schüsse fallen. Egloff sagt: «Sie haben die Scheiben unseres Ferienhauses zerschossen, die Glassplitter trafen meine Kinder.» In den Bergen hat er schon viele Tote gesehen, er half als Retter bei der Bergung von Leichen verunglückter Alpinisten. Er hat Knochenbrüche erlitten auf seinen Touren, befand sich manchmal in brenzligen Situationen. Doch Egloff, 44 Jahre alt, sagt: «Ich habe den Tod noch nie so nahe gesehen wie während des Überfalls.»

Körperlich übersteht die Familie den Überfall unversehrt. Zurück aber bleibt ein Trauma. Sie fühlt sich in Ecuador nicht mehr sicher. Und Egloff quält der Gedanke, er habe versagt: «Mein fünfjähriger Sohn hat mich immer wieder gefragt, warum ich nichts unternommen hätte. Das hat mir das Herz gebrochen.» Egloff findet Hilfe bei einem Psychologen, meidet aber fortan die Berge. Er will ständig bei der Familie sein. Seine Sponsoren wenden sich von ihm ab, vor allem wegen der Wirtschaftskrise in Ecuador. Egloff trainiert daheim wie ein Besessener, versucht die Erlebnisse so zu verdrängen.

Er träumte schon als Bub vom Mount Everest

Die Sommerferien 2023 verbringt die Familie in der Schweiz. Langsam verarbeitet sie die Erinnerungen an den Überfall. Am Flughafen wollen die Kinder nicht zurück nach Ecuador – für Egloff und seine ecuadorianische Frau wird klar: Sie werden so rasch wie möglich in die Schweiz ziehen. Vergangenes Jahr verlassen sie Ecuador. Egloff findet Arbeit als Bergführer und in einem Sportgeschäft im Glarnerland. Er glaubt, seine Karriere als Profisportler sei zu Ende.

Doch sein grosser Traum lässt Egloff auch in der Schweiz nicht los. Er will die höchsten Berge aller Kontinente in Rekordzeit besteigen, die sogenannten «Seven Summits». Er hält bereits Speedrekorde am Kilimandscharo in Afrika, am Denali in Nordamerika, am Aconcagua in Südamerika und am Elbrus in Europa. Also sucht er auch in der Schweiz Sponsoren, klammert sich an seinen Traum. In wenigen Tagen wird Egloff nach Nepal fliegen. Dort peilt er einen Weltrekord am Mount Everest an. Reüssiert er dort, fehlen noch der Mount Vinson in der Antarktis und die Carstensz-Pyramide in Indonesien.

Einmal auf dem höchsten Berg der Welt zu stehen, dieser Gedanke begleitet ihn schon lange. «Mein Vater hatte ein Foto des Everest in der Stube. Als Bub habe ich ihn ständig gefragt, warum er nie gegangen sei», sagt Egloff. Der Vater antwortete, der Everest sei ein Gipfel für die stärksten Bergsteiger der Welt.

Die Furcht vor der Todeszone bleibt trotz Training

Egloff wird versuchen, es am 8848 Meter hohen Berg so schnell wie möglich vom Basislager auf den Gipfel und zurück zu schaffen. Er denkt, dass er dafür weniger als 24 Stunden brauchen wird. Egloff sagt: «Ich will meinen Kindern beweisen, dass Papa wieder der Alte ist, wie vor dem Überfall. Sie sollen mich glücklich kennenlernen.»

Ein Kamerateam wird ihn auf dieser Expedition begleiten. Der Streamingdienst Netflix dreht eine Dokumentation über ihn. Egloff darf sich dazu aus vertraglichen Gründen nicht äussern. Zur gleichen Zeit wird sich auch der Amerikaner Tyler Andrews am Everest versuchen, ebenfalls begleitet vom Streamingdienst. Der 35-jährige Andrews ist ein ehemaliger Marathonläufer und hat Egloff einige Geschwindigkeitsrekorde abgeluchst.

Von der Südseite des Everest, wo Egloff und Andrews den Rekordversuch unternehmen werden, ist noch keine Bestmarke nachgewiesen. Egloff trainiert für den Weltrekord 20 Stunden pro Woche, zum Beispiel im Keller auf dem Velo. Dort trägt er eine Maske, mit der er die Sauerstoffzufuhr einstellen kann; manchmal strampelt er drei Stunden lang auf einer gefühlten Höhe von 7000 Metern über Meer.

Zwei Tage die Woche quält er sich im Sportzentrum Kerenzerberg. Dort stellt er das Laufband auf die steilste Stufe ein, absolviert jeden Tag 2500 Höhenmeter und mehr, joggt dann noch 25 bis 30 Kilometer. Bis vor wenigen Wochen hat er in einem Höhenzelt in seinem Keller geschlafen.

Egloff sagt: «Die körperliche Leistungsfähigkeit bis 7500 Meter über Meer kann ich trainieren.» Doch vor dem, was höher ist, der Todeszone, fürchtet er sich. Am Everest wird er auf Flaschensauerstoff verzichten, so sind die Regeln, die er sich auferlegt hat. «Ich bin gestresst, weil ich nicht weiss, wie mein Körper reagieren wird.»

Im Abstieg vom Makalu hört er Stimmen und halluziniert

Die Todeszone hat er vor drei Jahren am Makalu erlebt. Zu diesem Zeitpunkt hatte er den 6962 Meter hohen Aconcagua, den höchsten Berg ausserhalb Asiens, schon vierzehn Mal bestiegen. Probleme mit der Höhe hatte er nie. Egloff sagt: «Ich dachte, es werde nur ein bisschen höher und ein bisschen schwieriger. Doch es waren Welten.» Er habe auf dem Gipfel des Makalu, 8485 Meter hoch, kaum mehr Kontrolle über seinen Körper gehabt, hatte Mühe, die Karabiner zu schliessen. «Das war ein beängstigendes Gefühl», sagt Egloff.

Steht er auf einem Gipfel, fühlt er sich normalerweise überglücklich. «Ich springe herum wie ein Steinbock und freue mich auf den Abstieg. Dort kann ich Gas geben», sagt er. Doch am Makalu weint er, ihm ist schlecht, sein Körper behält die Nahrung nicht, Egloff erbricht. Er hört Stimmen, halluziniert. «Ich habe mich gefragt: ‹Wie kommst du jetzt wieder runter?›»

Die Sache am Makalu geht glimpflich aus; doch Egloff will verhindern, dass er am Everest solche Probleme bekommt. Er bereitet sich minuziös vor, hat jedes Detail im Blick. Egloff hat ein Team zusammengestellt, hat jetzt unter anderen einen Sportpsychologen und einen Atmungscoach.

Mit einer Maske auf dem Indoor-Velo: Karl Egloff simuliert so während des Trainings im Flachland grosse Höhen.

60 Tage Training am Stück

Am Everest wird ihn sein langjähriger Seilpartner Nico Miranda begleiten. Die beiden kennen sich schon lange, haben viele Touren und Speedbesteigungen miteinander unternommen. Miranda ist Egloffs bester Freund, ein Mentor, er war der Experte bei Egloffs Prüfung zum Bergführer. Miranda wird am Everest Sauerstoff dabei haben, sollte Egloff in Not geraten. Er hat auch das Recht, die Reissleine zu ziehen, den Versuch abzubrechen.

Einen Abbruch will Egloff verhindern. Er sagt: «Ich muss auch dann noch leistungsfähig sein, wenn ich hundemüde bin, wenn der Kopf sich fortbewegen will, der Körper aber nicht mehr kann.» Diesen Zustand will er mit Mentaltraining erreichen. Egloff sagt: «Es geht darum, über die Müdigkeit hinaus zu trainieren. Wenn ich kaputt bin, hänge ich manchmal noch einen Marathon an, übe, den inneren Schweinehund zu überwinden.» Bisweilen trainierte er 60 Tage, ohne einen Ruhetag einzulegen.

Am Everest wird Egloff eine neue Situation antreffen. Anders als bei früheren Besteigungen wird er am Berg nicht allein sein. 700 bis 800 andere Bergsteiger werden in diesem Frühjahr versuchen, den Gipfel zu erreichen. Egloff wird den Rekordversuch deshalb spät in der Saison in Angriff nehmen, wahrscheinlich gegen Ende Mai, wenn die touristischen Expeditionen bereits abgereist sind.

Er sagt: «Ich brauche einen Tag mit stabilem Wetter und wenig Verkehr am Berg.» Um am Everest im Stau zu stehen, dafür fehlt ihm die Zeit.

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