Mittwoch, Februar 26

Seit drei Jahren grassieren in den USA H5N1-Vogelgrippeviren – ungebremst. Nun rächen sich die zahlreichen Fehler und Versäumnisse bei der Eindämmung. Experten sind zunehmend besorgt.

Fünf Jahre nach Corona – und nichts gelernt? Es könnte sein, dass wir gerade der Entstehung einer Pandemie «made in the USA» in Echtzeit zuschauen. Seit drei Jahren wüten in den USA spezielle Varianten von H5N1-Vogelgrippeviren, die mehr als 153 Millionen Tiere an Nutzgeflügel dahingerafft haben. Im Februar 2024 tauchten die Viren völlig überraschend in Milchkühen auf. Seitdem sind landesweit 973 Betriebe befallen (Stand 25. 2. 25). Diesen Januar gab es die nächste Schreckensmeldung, erstmals ist eine Person an einer H5N1-Infektion in den USA gestorben.

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Virologinnen, Immunologen, Epidemiologinnen und Veterinäre sind zunehmend beunruhigt. In fünf Jahren rede man nicht mehr über das Coronavirus, sondern über die Vogelgrippe, meinte kürzlich die Frankfurter Virologin Sandra Ciesek.

Ein Blick auf frühere Influenzapandemien wie zum Beispiel die Spanische Grippe von 1918 bis 1920 mit bis zu 50 Millionen Toten erklärt, warum die Expertenwelt besorgt ist – und nicht etwa hypernervös auf der Suche nach einem neuen Betätigungsfeld ist.

Influenzaviren zirkulieren zu lassen, ist russisches Roulette

Derzeit sind in den USA erneut alle Voraussetzungen dafür gegeben, dass aus einem Virus, das Tiere befällt, ein Virus wird, das leicht Menschen infiziert. Das wird als Zoonose bezeichnet. Influenzaviren sind notorisch instabil, sprich, sie verändern ihr Erbgut. Betroffen davon sind nicht nur einzelne DNA-Bausteine, wie es das Coronavirus vor aller Augen zelebriert hat. Influenzaviren tauschen auch ganze Segmente ihres Erbguts aus.

Durch diese kleinen und grossen Veränderungen erhalten die Viren neue Eigenschaften. Wenn die Viren auch noch zwischen unterschiedlichen Tierarten, also Vögeln und Säugetieren, hin und her springen und sich jeweils millionenfach vermehren, dann ist es möglich, dass sie sich bei diesem Pingpongspiel irgendwann an menschliche Zellen anpassen. Es ist russisches Roulette.

1918 waren die Viren die Sieger. Vogelgrippeviren zirkulierten zuerst massenhaft in Wasservögeln. Dann sprangen sie auf Schweine und Pferde über. Durch zahlreiche Genveränderungen entwickelten sich Viren, die erstens Menschen effizient infizieren und zweitens leicht von Mensch zu Mensch weitergegeben werden konnten. Ironie der Geschichte: Das geschah gemäss heutigem Stand des Wissens in den USA. Soldaten brachten dann die tödliche Fracht am Ende des Ersten Weltkriegs nach Europa.

Oberstes Gebot muss somit sein, Viren mit Zoonosepotenzial so wenig Veränderungsmöglichkeiten zu geben wie möglich. Sprich, generell wenig Vermehrung und keine Zirkulation in Säugetieren zuzulassen. Doch in den USA passiert genau das Gegenteil. Farmer wie Behörden auf allen Ebenen haben in den vergangenen Monaten genau das getan, was China 202o vorgeworfen wurde: zu spät reagiert, zu wenig informiert, halbbatzige Eindämmungsversuche gestartet. Und damit eine Situation geschaffen, die die Entstehung eines Pandemievirus begünstigt.

Parallelen zu Wuhan 2019

«Die Dynamik, das Ausmass und auch die Infektionen zahlreicher Säugetiere machen den Ausbruch in den USA einzigartig», sagt Martin Beer, Fachtierarzt für Mikrobiologie und Virologie sowie Leiter des Instituts für Virusdiagnostik am Friedrich-Loeffler-Institut auf der Insel Riems, im Gespräch.

Der Beginn der Kuh-Epidemie erinnert sehr stark an die Situation in Wuhan im November 2019. Dort dauerte es Wochen, bis der Erreger einer neuartigen Lungenentzündung identifiziert war. Trotz diesen Erfahrungen liess man sich in den USA Zeit.

Als im Februar 2024 Kühe in Texas kaum noch Milch gaben und die Restmenge dickflüssig und gelblich aus dem Euter kam, die Tiere apathisch wurden und Fieber entwickelten, dauerte es mehr als fünf Wochen, bis H5N1-Viren als Verursacher identifiziert waren. Allerdings muss man Farmern wie Veterinären zugutehalten, dass Kühe als unempfindlich gegenüber Vogelgrippeviren galten. Daher kam offenbar niemand sofort auf die Idee, nach diesem Virus zu fahnden.

Noch ist unklar, wie und wann die H5N1-Viren in Milchkühe gelangten. Genetische Analysen bewiesen, dass bis Dezember nur einmal Viren von Wildvögeln auf Milchkühe übergesprungen sind. Vermutlich wurde Melkgeschirr zufällig mit virushaltigem Vogelkot kontaminiert. Euterzellen besitzen ähnliche Andockstationen für H5N1-Viren wie Vogelzellen; einmal eingedrungen, konnten sich die Erreger munter im Euter vermehren.

Anfang Februar rüttelte eine neue Meldung auf. Das US-Landwirtschaftsministerium gab bekannt, dass erneut H5N1-Viren von Wildvögeln auf Milchkuhbetriebe übergesprungen sind, aber diesmal eine leicht andere Variante als zuvor. Diese zirkuliert seit Monaten in Wildvögeln und Nutzgeflügel. Solche Ereignisse sind ein riesengrosses Pech.

Die H5N1-Epidemie in Milchkühen ist menschengemacht

Die Verbreitung derselben Virusvariante von einer Kuh auf andere hingegen waren und sind eine Folge des laschen und unkoordinierten Umgangs mit den kranken Milchkühen seitens der Farmer wie der Behörden. Es folgte Fehler Nummer zwei: Statt betroffene Betriebe sofort abzuriegeln, hat man Tiere auch in weit entfernte Höfe transportiert. Und in ihnen die Viren. Das geschieht notabene immer noch.

Auch die dritte Regel zur Unterdrückung einer Zoonose wurde und wird in den USA konsequent missachtet. Auf keiner der betroffenen Farmen wurde eine sorgfältige epidemiologische Untersuchung durchgeführt. Welche Tiere hat es erwischt und in welcher Reihenfolge? Gab es symptomlose Infektionen? Wie lange sind Kühe ansteckend? Sind auch nicht milchgebende Tiere infiziert?

All diese Fragen wären mit überschaubarem Aufwand zu klären gewesen. Denn im Frühjahr 2024 standen Tests für H5N1 zur Verfügung. «Bis heute gibt es keine solche Untersuchung – oder die Daten wurden nicht publiziert», sagt Beer. Somit kann nach wie vor niemand sagen, was genau auf einem Milchkuhbetrieb passiert, sobald die Viren dort ankommen. «Vor allem jetzt nach dem Bekanntwerden eines erneuten Eintrags von H5N1-Viren in Milchkühe sind genaue epidemiologische Untersuchungen extrem wichtig, die auch die Suche nach der Eintragsquelle beinhalten müssen», betont Beer.

Zu Beginn der Kuh-Epidemie wurde auch Milch nicht getestet, obwohl alle erkrankten Milchkühe an einer Euterentzündung litten. Erst im Frühsommer wurde das vereinzelt durchgeführt, im Dezember 2024 (!) startete das Landwirtschaftsministerium dann ein landesweites Milchtestprogramm. Die einzig gute Nachricht ist, dass pasteurisierte Milch gemäss Laboruntersuchungen nicht gefährlich ist. Hingegen verendeten Hofkatzen und Mäuse durch kontaminierte Rohmilch.

Durch all diese Fehler werden zielgenaue Massnahmen zur Eindämmung erschwert bis verunmöglicht. «Ich bin wahrlich kein Fan des Umgangs mit der Vogelgrippe-Epidemie in den USA», sagt denn auch der Epidemiologe Michael Osterholm von der University of Minnesota im Gespräch und seufzt tief. «Die Pandemieuhr tickt.»

Die Versäumnisse seien eine Folge der Angst der Verantwortlichen vor der Lobby von Milchbauern und Co. Zu diesem Schluss kommt ein Bericht des Think-Tanks Center for Strategic and International Studies (CSIS). Die Milchindustrie sei in den USA ein Milliardenbusiness. Niemand habe Bauern, Molkereien und viele andere Beteiligte verärgern wollen, indem man ihnen temporär das Einkommen schmälere oder Auflagen mache. Zudem habe es von Anfang an ein Gerangel um Kompetenzen gegeben.

Profiteure waren die Viren. Sie nutzten nicht nur ihre Chancen auf weitere Verbreitung. Sie begannen auch das gefürchtete Pingpongspiel. H5N1-Viren aus Milchkühen gelangten im Sommer 2024 auf mysteriöse Weise auf zwei Geflügelfarmen in Colorado. Zudem infizierten sie Wildvögel. Im Dezember 2024 starben in mehreren Gliedstaaten der USA Hauskatzen an mit H5N1-Viren kontaminiertem Futter. Möglicherweise war rohes Geflügelfleisch von infizierten Tieren verarbeitet worden.

Genetische Veränderungen in den H5N1-Viren

Auch Menschen sind bereits Teil des Pingpongspiels. 70 Personen (Stand 25. 2. 25) haben sich seit Anfang 2024 in den USA mit H5N1 angesteckt, 41 von ihnen mit Viren aus Milchkühen, 24 mit Viren aus Nutzgeflügel, bei den anderen weiss man es nicht. Kleine Reihenuntersuchungen auf wenigen Farmen aber auch bei Tierärzten deuten darauf hin, dass längst nicht alle H5N1-Infektionen von Menschen bekanntwurden.

Diese Ansteckungen wären verhinderbar gewesen, wenn Farmmitarbeiter beim Melken, Stallreinigen oder bei der Entsorgung toter Hühner Schutzbrillen und -anzüge tragen würden. Doch diese wurden ihnen gemäss Berichten aus den USA meist nicht zur Verfügung gestellt. Bis auf eine Person litten die Infizierten «nur» unter milden Atemwegserkrankungen und Augenentzündungen.

Wie erwartet, haben die Viren sich in den letzten Monaten genetisch verändert und sich dadurch besser an Säugetiere angepasst. Untersuchungen haben gezeigt, dass die Viren in den Kühen sich so verändert haben, dass sie sich in Säugetierzellen schneller vermehren. Im Dezember hat eine Forschergruppe vom National Institute of Allergy and Infectious Diseases (NIAID) in den USA herausgefunden, dass nur noch eine einzige weitere Veränderung der H5N1-Viren aus Kühen ausreicht, damit die Erreger gut an menschliche Zellen andocken können.

Zudem haben sich die Viren im Dezember in zwei Personen, die sich durch Viren aus Wildvögeln infiziert hatten, ebenfalls genetisch so verändert, dass sie nun besser an menschliche Zellen angepasst sind. Eine dieser Personen starb. Noch ist unklar, ob die Viren tatsächlich aggressiver geworden sind oder ob die bestehenden Vorerkrankungen den Patienten massiv geschwächt haben. Dessen ungeachtet steigt nun die Sorge. Denn die Virusvariante, die erst in den letzten Tagen in Milchkühen entdeckt wurde, ist genau diejenige, die auch den Todesfall verursacht hat.

Noch keine Übertragung zwischen Menschen

Doch es gibt in dem ganzen Schlamassel auch eine gute Nachricht: Bisher kam es in den USA noch nicht zur Übertragung der Viren zwischen Menschen. Erst wenn ein Virus das bewerkstelligt und sich effizient ausbreitet, erst dann kann es ein brandgefährliches Pandemievirus werden.

«Wir wissen schlicht nicht, ob die in den USA grassierenden H5N1-Viren diese fatalen Eigenschaften entwickeln können», sagt der Virologe Beer. Aber vielleicht haben wir auch Glück, bisher galten H5N1-Viren als relativ träge in puncto Anpassung an Menschen.

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