Samstag, August 30

Eidgenössische Filme kommen selten weit in der Welt. «Die göttliche Ordnung» und «Heldin» aber sind internationale Erfolge. Ein Gespräch über das universell Packende in urschweizerischen Geschichten.

Einst sagte Petra Volpe von sich, sie sei «ein kleines, dickes Italienerkind mit Brille» gewesen. Hineingeboren in eine Welt der «kleinen Erwartungen», in der Kultur keine Rolle spielte. Kürzlich stand in einem Beitrag: «Petra Volpe ist die erfolgreichste Frau, wahrscheinlich sogar der erfolgreichste Mensch, der Schweizer Filmbranche.» Ihren aktuellen Film «Heldin» haben im deutschsprachigen Raum 650 000 Menschen im Kino gesehen, nun hat ihn die Schweiz ins Rennen um einen Oscar geschickt.

Optimieren Sie Ihre Browsereinstellungen

NZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.

Bitte passen Sie die Einstellungen an.

Frau Volpe, wie landete das Arbeiterkind in der Filmbranche?

Darüber wundern sich meine Eltern wohl auch bis heute! Mit Kunst aufzuwachsen, bedeutet eben nicht, dass man dann Kunst macht – und umgekehrt. Ich habe abends mit meinem Bruder und den Eltern viel Fernsehen geschaut. Und alle in der Familie erzählen gerne Geschichten. Alltagsgeschichten: Meine Mutter wusste gut Bescheid über das Dorfleben, mein Onkel ist zur See gefahren und hat von seinen Abenteuern berichtet, und meine Nonna war sowieso eine sehr gute Geschichtenerzählerin. Das war mein Fundament, um Filmemacherin zu werden.

Ihre Mutter ist eine Sekretärin aus dem Aargau, ihr Vater ein Arbeiter aus Italien. Wie hat Sie das geprägt?

Je nach sozialer Klasse und Geschlecht gibt es gewisse Erwartungen, die eine Familie oder eine Gesellschaft an einen stellt – oder eben nicht. Als Mädchen und Italienerkind gab es für mich keine Förderung oder Ermutigung. Es reichte, wenn ich genügend war in der Schule. Studieren war etwas für die Kinder von Ärzten und Anwälten, nicht für die von Arbeitern. Von mir wurde sehr wenig erwartet.

Das kann aber auch befreien.

Stimmt. Ich musste früh eigene Ansprüche an mich entwickeln.

Was waren die Werte, mit denen Sie aufgewachsen sind?

Eine «anständige» Arbeit zu haben, war wichtig in meiner Familie. Das galt etwas. Dinge wie Musik machen oder malen waren Hobbys. Die Vorstellung, dass man als Künstlerin seinen Lebensunterhalt sicher verdienen kann, war uns fremd. Die Idee, dass ich Filme machen könnte, existierte schlichtweg nicht, nicht einmal als Traum.

Welchen Beruf hätte sich denn Ihre Familie für Sie gewünscht?

Meine Eltern sagten: «Mach etwas mit Essen. Hunger haben die Leute immer.» Meine Grosseltern waren Bäcker, meine Nonni Bauern. Ich bin dann aber an die Handelsschule, statt eine Lehre zu machen, weil das eine Möglichkeit gewesen wäre, doch noch die Matura zu machen. In meiner Familie hiess es aber: «Petra geht weiter zur Schule, weil sie nicht arbeiten will.» Als ich dann an die Kunstschule ging, haben sich meine Eltern vor allem Sorgen gemacht, dass ich nichts verdienen werde.

Hat sich diese Sichtweise Ihrer Familie verändert?

Heute sind meine Eltern wahnsinnig stolz und machen sich immer Sorgen, dass ich zu viel arbeite. Gleichzeitig fragt mein Vater mich noch immer manchmal: «Wie geht es dir finanziell, kommst du durch?» Hie und da will er mir ein Hunderternötli zustecken. Das rührt mich sehr. Denn mein Vater wuchs in prekären Verhältnissen auf. Teilweise reichte es nicht fürs Essen. Er weiss, was Armut ist – und das will er nicht für mich.

Sind auch Sie in Armut aufgewachsen?

Nicht Armut, aber meine Eltern mussten immer aufs Geld schauen. Der Traum meines Vaters war eine eigene Pizzeria, dafür reichte es nie. Er hat trotzdem zu jeder Gelegenheit für andere gekocht. Mit dem Italienerklub zum Beispiel Pasta für das ganze Dorf. Leute zu versammeln und zu bewirten, das macht ihn glücklich. Meine Mutter, die Bäckerstochter, ebenso. Und ich glaube, auch das habe ich von ihnen: Ich will die Leute zusammenbringen und nähren. Nicht mit Pasta, aber mit Geschichten und Stoff zum Nachdenken. Und ich bin überzeugt, dass die Leute auch danach immer Hunger haben werden.

Gerade geht es den Kinos und anderen Kulturinstitutionen, in denen Menschen zusammenkommen, allerdings nicht so gut.

Aber es gibt auch immer wieder Filme, die die Kinos füllen. Das Bedürfnis der Menschen nach diesen Orten ist also nach wie vor da. Die Leinwand ist das Lagerfeuer, um das wir uns versammeln – ich glaube, genauso wie Essen sind Kunst und das Geschichtenerzählen ein fundamentales menschliches Bedürfnis. Dort entstehen Verbindung und Empathie.

Was empfinden Sie denn, wenn Sie selbst im Kino sitzen?

Es kommt vor, dass ich mich im Kino über eine Sitznachbarin ärgere, die laut Popcorn mampft. Dann heulen wir beide im selben Moment im Film Rotz und Wasser, und schon entsteht eine Nähe. Dieses gemeinsame körperliche Erleben von Schmerz und Freude mit Fremden gibt es nicht, wenn man alleine in sein Telefon starrt.

Mit «Heldin» schickt die Schweiz bereits den zweiten Film von Ihnen ins Oscar-Rennen. «Die göttliche Ordnung» und «Heldin» waren auch grosse Kinoerfolge im gesamten DACH-Raum. Beide Filme liefen, beziehungsweise laufen, auch in den USA im Kino. Was macht eine Schweizer Geschichte hollywoodtauglich?

Ich suche immer den universellen Faden in der Geschichte. Das ist eine sehr bewusste Anstrengung. Ich will mir keine Gedanken über die Verortung machen. Stattdessen frage ich mich: Was an der Geschichte einer Schweizer Hausfrau aus einem Schweizer Kaff ist als Thema gross genug, dass es viele berührt? Ich will Filme machen, die über die Grenze hinaus funktionieren. Das gelingt nicht immer, aber gemeinsam mit meinen Produzenten versuchen wir es wenigstens.

Den meisten Schweizer Filmemachern gelingt es nicht, über die Grenzen hinaus Aufmerksamkeit zu bekommen. Sie leben zwischen Berlin und New York: Braucht man Distanz, um in Schweizer Geschichten universelle Elemente zu erkennen?

Distanz tut in der künstlerischen Arbeit immer gut. Aber ich muss nicht in der Schweiz sein, um in der Schweiz zu sein. Im Gegenteil: Erst im Ausland habe ich verstanden, wie schweizerisch ich bin. Wie sehr die Schweizer Kultur in mir drinsteckt. Denn plötzlich bin ich von Menschen umgeben, die das nicht haben. Wenn ich dann nach Hause komme, erscheint mir alles schärfer und klarer. Diese Fokusveränderung brauche ich für meine Arbeit. Aber je älter meine Eltern werden, umso mehr denke ich ans Zurückkommen. Zumindest nach Europa. Ich will nicht in New York sein, wenn mit ihnen etwas ist.

Sie blicken also aus der Ferne auf die Schweiz und bearbeiten dann jene Themen, die gross genug sind, dass man sie auch von weitem sieht?

Meine Themen werden von der Politik in der Schweiz meist als Randthemen behandelt. Die Distanz hilft vielleicht, sich von den fadenscheinigen Argumenten für diese Randplatzierung zu lösen. Zu erkennen, dass es sich lohnt, gewisse Narrative zu hinterfragen.

Zum Beispiel?

Pflege kostet zu viel und wirft keinen finanziellen Gewinn ab, darum hat sie keine Priorität. Dabei sind wir wohl alle irgendwann auf diese Menschen neben dem Spitalbett angewiesen. Oder: Wir sind die älteste Demokratie der Welt – wo wir doch eigentlich erst zu einer richtigen Demokratie wurden, als die Frauen 1971 das Stimmrecht bekamen. Und: Prostitution gab es schon immer, darum braucht man sie nicht zu verhandeln. Solche Aussagen genau anzuschauen, das interessiert mich.

Was daran fasziniert Sie?

Hinter alldem steckt eine klare Absicht: Diese festgefahrenen Aussagen dienen dazu, den Status quo zu bewahren. Sie stabilisieren ein zutiefst patriarchal-kapitalistisches Wertesystem und sorgen dafür, dass die bestehenden Machtverhältnisse unangetastet bleiben.

Sie haben eine sehr feministische Sicht auf das System und die Welt. Auch Ihre Geschichten fokussieren primär auf Ungleichbehandlung. Sei das nun in der Politik, der Gesellschaft oder aktuell in der Medizin.

Ich habe Jahrgang 1970. Schon als Mädchen und junge Frau fand ich die Ungleichbehandlung von Frauen und Männern ungerecht. Meine Eltern waren sehr politisch interessiert, mein Vater beschäftigte sich mit Arbeiterrechten, meine Mutter mit Frauenrechten. Das schwirrte bei uns als Thema herum, und ich habe es aufgenommen.

«Die göttliche Ordnung» kam in die Kinos, als #MeToo um die Welt ging – was hat sich seither verändert?

Ich dachte damals, alles entwickelt sich so gut. Nun erleben wir einen harten Backlash, weil das bestehende System sich von diesen Veränderungen angegriffen fühlt. Gerade in den USA probiert die Politik sehr aktiv, alles zurückzudrehen, man versucht mit aller Gewalt, wieder die Macht über die Frauen zu gewinnen. Heute sagen Politiker dort allen Ernstes, dass die Frauen wieder zurück an den Herd sollen. Aber auch dieser Backlash wird nicht ewig dauern. Die Geschichte zeigt: Wir machen stets Schritte vor und zurück. Aber mit jedem Jahr, mit dem ich älter werde, kommt der Horizont näher. Und ich frage mich: Wie viel Vor-und-Zurück werde ich noch erleben? Wo werden wir stehen, wenn mein Ende da ist?

Beschäftigt Sie das Altern?

Ja, ich setze mich damit auseinander. Denn rein numerisch ist mir klar: Ich bin 55 Jahre alt, es liegt ein grösserer Teil meines Lebens bereits hinter mir und nicht vor mir. Gewisse Themen gewinnen dadurch an Dringlichkeit. Und gerade was Freiheitsrechte angeht, ist es meiner Meinung nach die grösste Provokation überhaupt, die Dinge für selbstverständlich zu nehmen.

Wie meinen Sie das?

Mein Mann ist Amerikaner. Wir leben in New York. Bereits nach den ersten drei Monaten Trump sagten viele um mich herum: «Ich kann nichts mehr über ihn lesen, das ist nicht gut für meine ‹mental health›.» Ich sagte dann: «Wenn du irgendwann im Faschismus lebst, ist das auch nicht gut für deine ‹mental health›.»

Sieht die nähere Zukunft für Sie düster aus?

Wir leben in einer sehr antiintellektuellen Zeit. Das kritische Denken verarmt. Ich bin nicht gegen künstliche Intelligenz, aber sie macht uns faul. Denken ist anstrengend, und man muss sich bewusst dafür entscheiden. Wir haben das Wissen der Welt in unseren Händen, und gleichzeitig verarmen wir geistig und emotional, weil wir dauernd abgelenkt werden. Uns fehlt der Fokus für Empathie und Kritik, und das lähmt uns. Gaza, Ukraine, was in den USA passiert, die Umweltverschmutzung – es ist aufreibend und erschöpfend, sich damit auseinanderzusetzen. Aber das Mindeste, was wir tun sollten, ist, uns dem nicht zu verschliessen. Wenn wir innerlich auschecken und keine Empathie mehr zulassen, sieht die Zukunft wirklich düster aus. Nur noch vereinzelt und stumpf in unsere Geräte starren – was ist das für eine Existenz?

Nach vielen erfolgreichen Filmen aus der Schweiz haben Sie nun erstmals im Ausland gedreht. Ist die Heimat doch zu klein geworden?

Der neue Film spielt in einem amerikanischen Männergefängnis, und es geht um Demenz. Meine Hauptfiguren sind zwei afroamerikanische Männer, deren Welt nicht weiter weg von mir sein könnte. Aber es gibt ein Element, das uns zutiefst verbindet: die Frage nach der Würde des Menschen. Was gibt unserem Leben Sinn? Was macht uns menschlich? Diese Fragen beschäftigen uns alle. Ganz egal, ob man Frau oder Mann, Schweizer oder Amerikaner ist.

Exit mobile version