Donnerstag, April 3

PFAS, auch Ewigkeitschemikalien genannt, sind in unseren Böden, im Wasser und auch in unserem Körper zu finden. Ein Umweltchemiker erklärt, welche Folgen das hat und wie man damit umgehen kann.

Leserfrage: Immer wieder hört man, dass PFAS in unserem Trinkwasser vorhanden sind. Kann man die Chemikalien zu Hause aus dem Trinkwasser filtern?

Optimieren Sie Ihre Browsereinstellungen

NZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.

Bitte passen Sie die Einstellungen an.

Sie sind ein Traumpaar: Kohlenstoff und Fluor. Die beiden chemischen Elemente gehen extrem stabile Verbindungen ein, etwa als per- und polyfluorierte Alkylverbindungen (PFAS). Diese werden nur sehr langsam abgebaut. Man nennt sie deshalb auch «Ewigkeitschemikalien». Seit den 1940er Jahren hat die Industrie Tausende unterschiedlicher PFAS hergestellt. Sie wurden vor allem wegen ihrer fett- und wasserabweisenden Eigenschaften genutzt – etwa in Kleidern, Verpackungen, Teflonpfannen und Skiwachs. Einige dieser Verbindungen sind inzwischen verboten, andere versucht die Industrie freiwillig zu ersetzen. Denn sie reichern sich im Boden und Grundwasser an. Damit besteht immer auch die Gefahr, dass sie ins Trinkwasser gelangen.

Wohl & Sein antwortet

In der Rubrik «Wohl & Sein antwortet» greifen wir Fragen aus der Leserschaft rund um Gesundheit und Ernährung auf. Schreiben Sie uns an wohlundsein@nzz.ch.

Im Jahr 2023 liess der Verband der Kantonschemiker der Schweiz 564 Proben von Trinkwasser auf zahlreiche – aber längstens nicht alle – PFAS untersuchen. Das Resultat: In 46 Prozent der Proben fanden sich die Chemikalien. Die derzeit für die Schweiz gültigen Höchstwerte wurden dabei nicht überschritten. Die aktuellen, etwas anders definierten Höchstwerte der EU wurden in fünf der Schweizer Proben überschritten. Zudem wurde überall die Substanz Trifluoressigsäure (TFA) nachgewiesen. Diese gehört ebenfalls zu den PFAS und gelangt über Pflanzenschutzmittel ins Wasser. In der Schweiz existiert bisher kein Höchstwert dafür.

Von Leberschäden bis Krebs

Über die Nahrung und das Trinkwasser gelangen PFAS auch in unseren Körper. Ein anderer Weg führt über die Atemluft, wenn wir etwa PFAS-haltige Imprägniersprays verwenden. Das Bundesamt für Gesundheit wies in einer Studie mit rund 800 Teilnehmenden PFAS in sämtlichen Blutproben nach.

«Von vielen PFAS ist noch nicht genau bekannt, wie sie sich gesundheitlich auswirken. Von einigen weiss man aber durchaus, dass sie gesundheitsschädlich sind», sagt Martin Scheringer, Umweltchemiker an der ETH Zürich. Denn auch in unserem Körper lagern sich PFAS an, etwa in der Leber und den Nieren. Aus Tierversuchen ist bekannt, dass gewisse PFAS in höherer Dosierung die Leber schädigen, unter anderem den Fettstoffwechsel und das Immunsystem beeinträchtigen. Gemäss der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit stellt die verminderte Immunantwort auf Impfungen die gewichtigste Auswirkung von PFAS beim Menschen dar. Die Internationale Agentur für Krebsforschung der Weltgesundheitsorganisation stuft zudem gewisse PFAS als krebserregend beziehungsweise möglicherweise krebserregend ein.

Wasserversorger sind gefragt

Ist es deshalb nötig, das Trinkwasser zu Hause zu filtern? Der Umweltchemiker Scheringer winkt ab. Zwar gibt es solche Filter, die man zu Hause direkt am Wasserhahn befestigen kann. Gewisse Hersteller behaupten, PFAS damit vollständig aus dem Wasser zu filtern. Unabhängige, vergleichende Produkttests gibt es aber nicht. Scheringer sagt ohnehin: «Dass jeder Haushalt dies einzeln tut, kann nicht die Lösung sein. Gefragt sind die Wasserversorger in den Kantonen und Gemeinden.»

Sind die Werte erhöht, gilt es die Quellen der Belastung zu finden und beispielsweise Böden oder Deponien zu sanieren – oder Filteranlagen bei der Trinkwasseraufbereitung einzubauen. «Uns sind derzeit drei PFAS-Filteranlagen in der Schweiz bekannt», sagt Christos Bräunle vom Verband der Wasserversorger SVGW. So hat etwa Chiasso vorsorglich einen solchen eingebaut. Auch wenn die PFAS-Werte zuvor keine Höchstwerte überschritten, sind sie heute dank der Massnahme deutlich tiefer.

Grenzwerte werden neu verhandelt

In der Untersuchung der Kantonschemiker 2023 waren die Schweizer Höchstwerte zwar nicht überschritten. «Das Trinkwasser in der Schweiz ist grundsätzlich nicht gesundheitsschädlich. Aber es ist möglich, dass punktuell PFAS-Werte auftreten, die ungesund sind», sagt Scheringer. Wer sich um sein Trinkwasser Sorgen macht, findet Testresultate auf einer Website der Schweizer Wasserversorger sowie über eine europaweite Plattform. Allerdings sind die Daten unvollständig, denn nicht alle der mehr als 2000 Wasserversorgungen in der Schweiz erheben Daten zur PFAS-Belastung. Im Zweifelsfall empfiehlt sich, bei der lokalen Wasserversorgung nachzufragen.

Newsletter «Wohl & Sein»

Vertiefen Sie Ihr Wissen über Ernährung, Gesundheit und Psychologie mit unserem Newsletter «Wohl & Sein», der jeden Donnerstag in Ihrem Posteingang landet.

Jetzt kostenlos anmelden

Weil PFAS extrem stabil sind, wird es gemäss dem Verband der Kantonschemiker noch Jahrzehnte dauern, bis sie ganz aus dem Trinkwasser verschwinden. Für den Umweltchemiker Scheringer ist es deshalb wichtig, an zwei Seiten anzusetzen. Einerseits gelte es, die Herstellung von PFAS weiter einzuschränken. Dies wird in der EU aktuell neu verhandelt. Entsprechende Beschlüsse dürften anschliessend auch von der Schweiz übernommen werden. Andererseits ist es gemäss Scheringer wichtig, Grenzwerte für PFAS in Böden und Wasser festzulegen und bei deren Überschreitung Massnahmen zu treffen. In Anlehnung an die Gesetzgebung der EU werden in der Schweiz voraussichtlich ab 2026 neue Höchstwerte für PFAS im Trinkwasser gelten.

Auch abgesehen vom Wasser: PFAS-Quellen wo immer möglich zu reduzieren, ist gemäss Scheringer sinnvoll. So empfiehlt er etwa, Imprägniermittel und Skiwachs ohne PFAS zu verwenden. Entsprechende Alternativen lassen sich über eine Internetsuche finden, denn viele Produkte gibt es heute auch PFAS-frei.

Sie haben auch eine Frage rund um Ernährung und Gesundheit? Schreiben Sie uns gern an wohlundsein@nzz.ch.

Exit mobile version