Annabelle Selldorf baut grosse Museen von London bis Ontario mit wenigen Eingriffen um – zuletzt die Frick Collection in New York.

In Annabelle Selldorfs Büro am New Yorker Broadway hängt ein Bild des dänischen Malers Per Kirkeby. Beim Arbeiten am Zeichentisch hat sie das Bild immer im Blick. Diese Sichtachse muss ein Grund dafür sein, warum sie so gute Architektur für die Kunst macht. Doch man würde es sich zu leicht machen, damit das Phänomen ihres Bauens zu erklären. Denn gerade jetzt, mit 64 Jahren, ist die gebürtige Kölnerin, die seit 1980 in New York lebt, erfolgreicher denn je.

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Im April eröffnet die von ihr sanierte Frick Collection an der Park Avenue in New York. Nur ein paar Wochen später steht die feierliche Wiedereröffnung des Sainsbury Wing der National Gallery in London an. Wenn Annabelle Selldorf über ihre Arbeit spricht, dann tut sie das bedächtig. Sie überlegt, bevor sie etwas sagt, ändert manchmal die Richtung der Gedanken, nur um dann umso genauer auf den Punkt zu kommen.

Sie spricht von Argumenten, von Logik und davon, dass das Argument manchmal auch über der Ästhetik steht. Das Bauen wirkt bei ihr einerseits wie ein eigener Strang der Philosophie. Anderseits ist es ganz konkret und praktisch, nämlich gebunden an Vorgaben, Kostenpläne und Bauherren.

Zurückhaltende Eindringlichkeit

Manch einer behauptet, dass Annabelle Selldorf keine eigene Handschrift habe. Sie meint dazu: «Ich habe eine sehr eindeutige Handschrift, die aber nicht auf Formensprache beruht, sondern auf einer Argumentationsweise.» Noch so ein Satz, der einen verblüfft, der aber, wenn man sich ihre Bauten anschaut, genau richtig erscheint.

Fragt man sie, wie das ist, Räume für die Kunst zu schaffen, sagt sie, dass das eigentlich nie das Ziel sei, sondern es um Räume für die Menschen gehe, die diese Kunst dann anschauten. Und vielleicht ist es das, was ihren Bauten diese zurückhaltende Eindringlichkeit verleiht. Verrückte Experimente, ob mit Räumen oder Materialien, wird man bei ihr nicht finden. Viel eher klare Formen, eine stille, zeitlose Bedachtheit.

Das Besondere der Gebäude von Annabelle Selldorf wird erst spürbar, wenn man etwas Zeit in ihnen verbringt. So wie man den Zustand eines gesunden Körpers selten bemerkt, nimmt man ihre Architektur kaum wahr. Die Zurückgenommenheit von Selldorfs Arbeit ist jedoch nicht mit Bescheidenheit zu verwechseln. Die Anforderungen an sich und ihre Arbeit sind hoch: «Der kurzlebige Anspruch, immer alles nach vorn zu drücken, kommt mir oberflächlich vor und ist etwas, wogegen ich arbeite und was ich versuche zu vermeiden, in meinem Kopf und in der Arbeit.»

Selldorf beginnt nie bei den Materialien, wenn sie ein neues Projekt an die Hand nimmt, sondern versetzt sich erst in die Rolle des Besuchers. Sei es selbst der Bau einer Recyclinganlage – ein grosses Projekt, das sie 2016 in Brooklyn umgesetzt hat: Gerade heute sei es wichtig, diese Anlagen nicht hinter grauen Blockfassaden verschwinden zu lassen, sondern ihre Wichtigkeit auch baulich darzustellen.

Gesteigerte Aufenthaltsqualität

Bekannt ist Selldorf aber vor allem für die Umbauten, Renovierungen und Erweiterungen von Museen. In den letzten Jahren hat sich die Idee von dem, was ein Museum sein soll, stark verändert. Das, was die Häuser leisten müssen, ist mehr, als lediglich eine gute und sichere Behausung für die Kunst zu bieten. Deswegen ist Selldorf so gefragt, wenn es darum geht, diese Gebäude zukunftsfähig zu machen. Und ihnen die heute oft beschworene Zugänglichkeit mit anderen Mitteln als bloss kostenfreiem Kaffee oder Yoga-Kursen zu verschaffen. Letzteres ist ein Phänomen, das sie etwas zu befremden scheint.

Nicht, weil sie etwas gegen kostenfreien Kaffee oder Yoga hätte, sondern weil sie an die Kunst glaubt. «Alles, was wir wollen, ist Leute zur Kunst bringen. Warum? Weil sie unser Weltbild ändert, unterstützt, erweitert, uns Perspektiven erlaubt. Und das ist das Einzige, was zählt.» Das erklärt, warum sie so erfolgreich mit den grossen Galerien Hauser & Wirth, David Zwirner und Gagosian zusammenarbeitet, den Umbau des Museum of Contemporary Art San Diego verantwortet und die Erweiterung der Art Gallery of Ontario.

Fragt man sie danach, wie sie diese Umbauten angeht, antwortet sie: «Individualität zu erkennen, zu erhalten und zu bestärken, ist für mich etwas, was die Arbeit interessant macht.» Damit dürfte sie einige ihrer Kritiker beruhigen, die um den geradezu legendären Sainsbury Wing der National Gallery in London fürchten. Er wurde 1991 von Robert Venturi und Denise Scott-Brown gebaut und eröffnet frisch renoviert und mit einer Neuhängung wieder in diesem Frühjahr.

Heute brauche man einen offeneren und grösseren Eingang, der die sechs Millionen Besucher der National Gallery angemessen empfangen könne. Zudem benötige man mehr Verkaufs- und Aufenthaltsflächen. Selldorf hat die ursprünglich niedrige Decke erhöht, eine grössere Treppe geschaffen und dadurch genug Weite und Bewegungsfreiheit gewonnen. Sie sei in London nicht angeheuert worden, um Kunsträume zu schaffen, erzählt sie, sondern um die Aufenthaltsqualität darum herum zu steigern.

Bauen ohne Dekor

Schon 2001 hat Selldorf die «Neue Galerie», ein Museum für deutsche und österreichische Kunst des frühen 20. Jahrhunderts in New York, so umgebaut, dass aus dem ehemaligen Wohnhaus an der 5th Avenue ein Museum wurde. Es war einer ihrer ersten Aufträge und sollte das prägen, was danach kam. Doch trotz ihrem andauernden Erfolg kann Selldorf keiner Riege von Stararchitekten, wie sie das letzte Jahrzehnt zuhauf hervorgebracht hat, zugeordnet werden.

Ein gutes Beispiel dafür ist Arles. Dort hat Selldorf die Industriehallen der Luma Foundation in Ausstellungsräume umgebaut. Daneben glitzert der im direkten Vergleich fast hysterisch wirkende, sich aufbäumende Turm von Frank Gehry. Er zeigt ganz deutlich, dass Selldorf den Vergleich mit solcher Art von Architektur nicht scheuen muss. Aber auch, dass das, was sie macht, etwas ganz anderes ist. Es geht ihr um Stringenz, um Logik, darum, ein ästhetisches Argument durchzudeklinieren. Selldorf beweist, dass es dafür keine spektakulären Kapriolen braucht.

Die Expertise im Umbau und in der Erweiterung von bestehenden Gebäuden macht Selldorfs Arbeit gerade im Kontext des Klimawandels bedeutend. Auch wenn sie nicht bewusst klimaschonend baut, ist ihr Ansatz genau dies. «In meiner Welt ist es normal, dass man nichts neu baut, wenn schon etwas da ist»: eine Prämisse, die besonders in Europa von Architekten gefordert wird, wenn es darum geht, im Bestand zu bauen und nicht sinnlos abzureissen und wieder neu zu bauen.

Der Anteil des Bauens und Unterhalts von Gebäuden am globalen co2-Ausstoss beträgt 40 Prozent. Ein Grund, warum auch diesbezüglich über Architektur nachzudenken ist. Was gute und erfolgreiche Architektur ist, wird in Zukunft sehr viel stärker davon bestimmt sein, wie gut ein Architekt mit dem umgehen kann, was bereits da ist. Nach diesen Kriterien bemessen, ist Annabelle Selldorf ein Star unter den Architekten.

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