Syrien diente dem Kreml zunächst als Experimentierfeld und später als Sprungbrett für Militäraktionen. Nun zerrinnt Putin sein vermeintlicher Erfolg zwischen den Händen.
Der Sturz des blutrünstigen Diktators Bashar al-Asad ist für alle echten Freunde Syriens ein Grund zum Jubeln, auch wenn die Zukunft dieses Landes umwölkt bleibt. Für den Kreml jedoch bedeutet der Machtwechsel eine strategische Niederlage, deren Ausmass kaum überschätzt werden kann.
Fast 14 Jahre lang, seit dem Ausbruch des Arabischen Frühlings, hatte Moskau das Asad-Regime mit grossem Aufwand gestützt, zunächst diplomatisch, finanziell und mit Waffen, ab 2015 auch mit eigenen Truppen. Diese Militärpräsenz half das Blatt im syrischen Bürgerkrieg zu wenden und erschien lange als Erfolgsgeschichte für Russland. Doch nun erweist sich all dies als gigantische Fehlinvestition. Wie einst schon in der Ukraine und in anderen früheren Sowjetrepubliken hat der Kremlherr Putin in Syrien auf das falsche Pferd gesetzt.
Demütigender Abzug der Russen
Putins Debakel setzt sich aus vier Teilen zusammen. Zum einen bedeuten die Vorgänge der letzten Tage eine Schmach für Moskau: Vor den Augen der ganzen Welt wurde sichtbar, dass russische Waffen den Schlächter von Damaskus nicht länger schützen konnten. Putin schickte seine Kampfflugzeuge zwar nochmals ins Gefecht, aber die Bombardements vermochten den Siegeszug der Rebellen nicht zu stoppen. Russische Bodentruppen mussten sich fluchtartig in Sicherheit bringen, wobei den Aufständischen wertvolles Kriegsgerät in die Hände fiel. Hals über Kopf zog Russland am Wochenende auch seine Kriegsschiffe aus dem Stützpunkt Tartus ab, was Aussenminister Lawrow in unfreiwilliger Komik als Marineübung schönzureden versuchte.
Zum anderen hat Russland mit dem Umsturz seinen ersten und wichtigsten Vorposten ausserhalb der postsowjetischen Welt verloren. Für seine globalen Ambitionen ist dies ein herber Rückschlag. Seit der Militärintervention von 2015 diente Syrien als Testgebiet dafür, inwieweit Russland über grössere Distanzen hinweg operieren und damit Macht auf andere Kontinente ausstrahlen konnte. Der dortige Erfolg stärkte das russische Selbstbewusstsein enorm.
Er war zugleich die Voraussetzung für weitere aussenpolitische Abenteuer: Ab 2018 setzte der Kreml paramilitärische Einheiten in Zentralafrika ein, es folgten Einsätze in immer mehr Staaten der Sahelzone. Für die dortigen Operationen waren die Stützpunkte in Syrien wichtige Logistikdrehscheiben. Ihr Verlust dürfte die Versorgung des russischen Afrikakorps erheblich erschweren, zumal nirgendwo am Mittelmeer ein Ersatz zur Verfügung steht und Russland seinen Traum von einer Marinebasis am Roten Meer bisher nicht verwirklichen konnte.
Ein dritter Punkt betrifft Russlands Glaubwürdigkeit als Sicherheitspartner. Putins Vorstösse auf der Bühne der Geopolitik beruhen meist auf einem simplen Geschäftsmodell: Russland verschafft bedrängten Diktatoren oder Putschisten politischen sowie militärischen Rückhalt und sichert sich im Gegenzug Einfluss und lukrative Aufträge. Die Überlebenshilfe für Asad war jahrelang beste Werbung für Russland und diente als Vorbild für Vereinbarungen mit weiteren Machthabern – von Burkina Faso bis Venezuela. Doch mit der syrischen Schmach hat dieses Modell erheblich an Glanz verloren. Das wird Russlands Ambitionen auf exotischen Schauplätzen sicher nicht helfen.
Asads Schicksal droht jedem Diktator
Hinzu kommen unangenehme Fragen für das Putin-Regime selber: Asads Schicksal illustriert ein weiteres Mal, wie rasch und unerwartet Diktaturen kollabieren können. Gewaltherrscher wirken immer allmächtig – aber nur bis zu jenem Tag, an dem ihnen alles entgleitet. Diese Urangst ist auch bei Putin spürbar. Vor anderthalb Jahren, während der Prigoschin-Meuterei, zeigte das Kreml-Regime einige Stunden lang Auflösungserscheinungen wie jetzt die Asad-Clique. Zwar scheint Putin derzeit fest im Sattel zu sitzen. Aber der Westen sollte seine Verwundbarkeit nicht übersehen.
An der Spitze der Moskauer Machtpyramide steht ein Mann, der mit seinem skrupellosen Feldzug gegen die Ukraine die Kräfte Russlands überstrapaziert hat und der dafür nun im Nahen Osten die Zeche bezahlt. Im westlichen Interesse liegt es, dass dies nicht seine letzte Schlappe bleibt. Ein langer Atem bei der Unterstützung der Ukraine ist die beste Voraussetzung dafür.

