Der Künstler Roman Signer ist ein poetischer Feuerwerker, dem die Polizei immer wieder auf den Fersen war. Im Interview schildert er, warum sich seine Mutter für ihn geschämt hatte und wie stolz sie heute wäre, wenn sie sehen könnte, wie weit er es gebracht hat.
Wo die Kunst aufhört und das Leben anfängt, sieht man hier kaum. Zum Gespräch empfängt Roman Signer bei sich zu Hause in St. Gallen, sein grosses Wohnhaus ist zugleich Atelier. Wir sitzen am langen Esstisch im Wohnraum, der auch Küche ist, von der wiederum eine kleine Treppe in ein Bibliothekszimmer führt, das von unten bis oben mit Büchern ausgekleidet ist. Der Esstisch ist die Fortsetzung des Ateliers im Erdgeschoss, wo Roman Signer mit Kajaks, Drohnen und Sand experimentiert. Überall liegen Papierstapel und Bücher herum. Roman Signers Frau Aleksandra beteiligt sich ganz selbstverständlich am Gespräch. Sie erweist sich auch als Zeremonienmeisterin des kreativen Chaos. Allein sie weiss, wo sich was verborgen hält. Und man merkt rasch: Im Leben des Ehepaars gibt es keine Grenze zwischen Kunst und Leben, die Kunst ist das Leben.
Herr Signer, 1978 zogen Sie bei Diepoldsau eine Sprengschnur durch den Rhein und brachten sie zur Explosion. Für wenige Augenblicke entstand eine Wasserwand. Sie nannten diese Skulptur «Quer zum Fluss». Sie ist in unserer Kunst-Ausgabe abgebildet. Kann man die Skulptur auch als ein Selbstporträt dessen betrachten, der sich gegen den Strom stellt?
Das weiss ich nicht. Fest steht nur, dass mich ein paar Jahre später jemand von der Polizei angerufen hat. Ich solle bitte auf den Polizeiposten kommen. Sie hätten da ein Buch von mir gesehen. Auf dem Posten zeigte mir der Polizist das Bild von der Sprengung und sagte: «Herr Signer, würden Sie heute so etwas machen, müsste ich Sie sofort verhaften.» Ich entgegnete dann etwas frech, dass ich die Aktion also gerade noch rechtzeitig gemacht hätte. Die Vorladung hat mir bewusstgemacht, dass die Polizei alle Bücher von mir kannte. Man wusste Bescheid.
Hatten Sie oft Scherereien mit der Polizei?
Ich hatte nie ein Problem mit der Polizei.
Aber die Polizei mit Ihnen?
Sie haben mich manchmal falsch verstanden. Es gibt aber auch andere Polizisten, das war für mich fast noch ein grösserer Schock. Am Flughafen in Zürich stand ich einmal bei der Sicherheitskontrolle einem Kantonspolizisten gegenüber. Er fragte mich streng, ob ich Roman Signer sei. «Ja», gestand ich. Dann gab er mir die Hand und sagte zu mir: «Grossartig. Ich bewundere Ihre Arbeiten. Ich habe grosse Freude an allem, was Sie tun.»
Gelegentlich erhielten Sie aber auch ganz andere Reaktionen, weniger freundliche, teilweise fast bösartige.
Die Polizisten waren nicht die Schlimmsten. Die Polizei stand eigentlich immer zu mir. Einmal fuhr vor meinem Atelier ein Lastwagen vorbei, der Fahrer bremste, kurbelte das Fenster herunter und rief: «Verdammter Kommunist.»
Als Sie 1989 aus Appenzell weggingen, legten Sie eine Zündschnur bis nach St. Gallen und folgten ihr zu Fuss. Das verlief nicht ohne Zwischenfälle.
Zwei Jugendliche verübten einen kleinen Anschlag gegen die Aktion. Sie haben die Zündschnur an einer Stelle in den Bach geworfen. Sie dachten sich, dass sie verlöschen würde. Aber sie wussten nicht, dass sie auch im Wasser brennt. Ich konnte sie also einfach wieder aus dem Bach holen und weiterbrennen lassen.
Aber auch die Polizei war zur Stelle.
Ich musste zwei Kantonsgrenzen überschreiten: von Appenzell Innerrhoden nach Ausserrhoden und St. Gallen. In Innerrhoden hatte ich keine Probleme. Aber an der Kantonsgrenze zu Ausserrhoden stand breitbeinig ein Polizist. Als ich mich näherte, rief er: «Halt! Grenze. Stopp!» Das gehe hier nicht, sagte er. Ich sagte ihm, dass der Bund sowie alle betroffenen Kantone die Aktion bewilligt hätten. Sie müssten das trotzdem näher untersuchen, meinte er. Die Zündschnur aber lief weiter und weiter.
Szenen aus Roman Signers Atelier, Selbstporträt mit der Spitze eines Kajaks, 2025.
Erzählen Sie uns von Ihren Anfängen. Wie kamen Sie zur Kunst?
Ich hatte eine Lehre als Bauzeichner gemacht, aber ich wollte künstlerisch tätig sein. Also meldete ich mich für den Vorkurs an der Zürcher Kunstgewerbeschule an. Ich musste lediglich eine Aufnahmeprüfung bestehen. Nach einem Jahr bewarb ich mich mit einer Auswahl von Arbeiten an der Kunstgewerbeschule in Luzern.
Was haben Sie da eingereicht?
Ich wollte damals in die Bildhauerklasse. Ich reichte Zeichnungen von Gegenständen ein und Entwürfe für Skulpturen. Der Direktor fand das interessant, Anton Egloff, der die Bildhauerklasse leitete, meinte, es sei etwas dünn.
Harald Szeemanns Ausstellung «When Attitudes Become Form» von 1969 in Bern war für Sie ein Erweckungserlebnis. Was hatte Sie daran fasziniert?
Es waren die Objekte, die als Kunst ausgestellt wurden. Das war damals ein regelrechter Putsch gegen das Kunstverständnis. Es ermutigte mich auf meinem Weg.
Heisst das, Sie wussten schon damals, wie unkonventionell Ihre Kunst war?
Im Grunde war ich vollkommen ahnungslos, was die Kunst betraf. Aber ich wusste, dass ich in der Kunst ein Querschläger war, ich stand quer zum Fluss. Auch heute noch.
Also ist das Bild «Quer zum Fluss» doch ein Selbstporträt?
Sicher. Ich habe meinen Weg gesucht, indem ich gegen den Strom unterwegs war. Schon als Kind hatte ich mich immer gegen die Lehrer gestellt. Erst in der Kunstschule fand ich eine Umgebung, die mich inspirierte. Es gab allerdings ein finanzielles Problem. Ich konnte bloss eineinhalb Jahre in die Kunstschule gehen. Ich wäre gerne länger in Luzern geblieben oder an eine Akademie gegangen.
Sie waren nicht nur unkonventionell, Sie machten auch sehr seltsame Dinge. Ihre Mutter habe sich bisweilen geschämt, erzählten Sie einmal.
Sie war in Appenzell oft gefragt worden, was denn ihr Sohn eigentlich mache. Ob sie es erklären könne. Sie verstehe es auch nicht, antwortete sie jeweils. Zu mir sagte sie: «Was soll denn das? Kannst du nicht einmal etwas machen, das du verkaufen kannst?» Aber wenn über mich in den Zeitungen geschrieben wurde, schnitten meine Eltern die Berichte aus.
Sie waren also auch stolz auf ihren Sohn?
Natürlich. Einmal hat Ludmila Vachtova in der NZZ einen sehr schönen Artikel über mich veröffentlicht. Mein Vater ging sofort an den Kiosk, um die NZZ zu kaufen. Er hat gerade noch die letzte erwischt. Sie waren sehr stolz darauf, dass in der NZZ etwas über ihren Sohn erschienen ist.
Ihre Mutter schämte sich für ihren Sohn. Wie ist das bei Ihnen? Schämen Sie sich auch, wenn Sie Ihre Aktionen durchführen?
Zu Beginn ja, und besonders bei Aktionen mit zufällig anwesendem Publikum. Das war mir immer etwas peinlich. Es kostete mich Überwindung, darum haute ich danach rasch ab.
Warum war es Ihnen unangenehm?
Ich weiss es nicht. Ich habe gemerkt, dass die Leute seltsam reagierten. Befremdet, argwöhnisch. Später gewöhnte ich mich daran. In Island habe ich mich von einem Jeep in einem Kajak über eine Strasse ziehen lassen, bis der Boden vom vulkanischen Gestein ganz abgeschliffen war. Bei der Aktion begegneten mir vier britische Vogelkundler. Sie hielten mich für verrückt. Es machte auch einen höllischen Lärm, sie schüttelten nur den Kopf.
Suchen Sie diese Konfrontation?
Nein, aber es wird dann ein Teil der Skulptur.
Im Film «Signers Koffer» sieht man, wie Sie Ihren Koffer über ein Brückengeländer in die Tiefe sausen lassen. Als er im hohen Bogen über das Geländer fliegt und verschwindet, schauen Sie halb verschmitzt, halb verschämt in die Kamera. Was ging da in Ihnen vor?
Der Koffer war mit einem Seil an einem mit Wasser gefüllten Kanister befestigt, den ich über die Brücke warf. Als das Seil gestreckt war, machte der Koffer einen wuchtigen Sprung und verschwand ebenfalls in der Tiefe. Da war ich selbst etwas überrascht.
Wenn Sie eine solche Aktion durchführen, werden Sie dann auch Teil dieser Skulptur?
Ich bin jedenfalls körperlich sehr involviert. Auch geistig. Es ist nichts Mechanisches. Ich bin ganz dabei. Ich habe auch gefährliche Sachen gemacht.
Aleksandra Signer: Ja, und wie!
Roman Signer: Bei einer Aktion auf einem gefrorenen See bin ich im Eis eingebrochen. Ich konnte mich nur mit Not ans Ufer retten. Das war sehr gefährlich.
Welchen Gefahren haben Sie sich auch noch ausgesetzt?
Mit Sprengstoff und Feuer kam es immer wieder zu brenzligen Szenen. Ich habe mehrmals Verbrennungen davongetragen, sei es mit Feuerwerkskörpern oder einmal bei einem Geysir in Island. Ich war aber eher besorgt, den Zuschauern könnte etwas zustossen. Es ist zum Glück nie etwas Schlimmes passiert, bloss einmal habe ich einem Zuschauer mit einer Rakete den halben Schnauz weggebrannt.
Sie seien weder Handwerker noch Intellektueller, aber Spieler, sagten Sie einmal. Was meinen Sie damit?
Es hat mit dem Versuch und mit dem Experiment zu tun. Das sieht spielerisch aus und ist doch sehr ernst, so ernst, dass manchmal sogar das Leben auf dem Spiel steht. Das Spielerische hat vor allem etwas Befreiendes. Gerade bei explosiven Sachen. Da gibt es zunächst die Angst vor der Aktion, und wenn es dann geschehen ist, dann könnte ich fliegen, so leicht fühle ich mich.
Heisst befreiend auch, dass Ihre Skulpturen zweckbefreit sind? Ein Hocker ist dann nicht mehr nur ein Hocker, sondern ein Flugobjekt. Und zugleich sind Ihre Aktionen ganz frei von einer ökonomischen Verwertbarkeit, sie zünden und vergehen.
Damit hängt zusammen, was meine Mutter immer aufgeregt hat, dass alles, was ich mache, gar keinen kommerziellen Wert hat. Dann sagte sie jeweils: «Wovon willst du denn einmal leben?» Das war ihre Sorge. Meine Antwort war: «Ich mache das jetzt einfach.»
Es hat tatsächlich sehr lange gedauert, bis Sie davon leben konnten.
Sehr lang sogar. Meine Mutter würde Augen machen, wenn sie sehen könnte, wie es mir geht. Das hätte sie auch nie gedacht, würde sie sagen.
Doch die Sorge um den Sohn war berechtigt.
Sie hatte recht, aber ich habe nicht zu sehr daran denken können, sonst wäre ich nicht mehr weitergekommen.
Hat es ebenfalls mit dem Spielerischen zu tun, dass Leute manchmal erbost reagieren und Ihre Kunst als Provokation empfinden?
In Appenzell sagten sie regelmässig: «Du Spinner, du gingest besser arbeiten.»
Und trotzdem sind Sie noch immer sehr stark mit dem Appenzell verbunden. Das alte Kurhaus Weissbad war ein Refugium, wo Sie Ihre Versuche durchführen konnten. Dort haben Sie einmal Hocker aus den Fenstern hinausgeschossen. Diese Installation gehört zu Ihren emblematischen Skulpturen, weil hier Witz und Poesie aufs Schönste zusammenkommen. Wie sind Sie auf die Idee gekommen?
Ich hatte ein paar Jahre zuvor einen Test gemacht mit einem Hocker, den ich aus einer alten Fabrik in St. Gallen aus dem Fenster katapultierte. Lange suchte ich ein Haus, um mehrere Hocker gleichzeitig aus den Fenstern schiessen zu können. Dann stiess ich auf das stillgelegte Kurhaus. Es hatte sieben Fenster auf jeder Etage. Da wusste ich: Das ist es. Der Besitzer des Hotels empfahl allerdings, dass ich bis nach der Landsgemeinde warte, weil der Kanton Geld dafür gegeben hatte. Wenn die Appenzeller erführen, dass sie einen solchen Schmarren finanziert haben, würde es Probleme geben. Das ist Innerrhoden.
Der Versuch ist für Sie sehr wichtig. Welches Verhältnis haben Sie zum Scheitern?
Das Wort habe ich nie benutzt. Es hat nicht funktioniert, sage ich. Dann muss ich es anders probieren. Misserfolge haben mich auf andere Ideen gebracht. Sie waren ganz wichtig. Indem ich über das Misslingen nachdenke, entsteht etwas ganz anderes. Man muss beim Versuch die Augen offen haben. Ich war nie zerknirscht, wenn etwas nicht gelang. Ich verfolge nie ganz stur ein Drehbuch.
Aleksandra Signer: Du bist immer sehr intuitiv und arbeitest mit dem ganzen Körper. Mit deinen Träumen, du träumst manchmal von deinen Skulpturen.
Roman Signer: Und auch wenn einmal etwas nicht gelingt, so ist es doch immer interessant. Weil es dann auch etwas mit mir selber anstellt.
Auf der Frontseite der Zeitung zeigen wir das explosive Werk «Beim Chef». Was hat es damit auf sich?
Ich habe mir eine bestimmte Person vorgestellt, die auf dem Stuhl sitzt und in die Luft fliegt. Ich sage natürlich nicht, an wen ich dabei gedacht habe.
Bitte nicht! Ist das ein schamanistischer Abwehrzauber?
Nur eine kleine Verzauberung.
Sie haben aber selber nie einen Chef gehabt, bis auf die kurze Zeit vor Ihrer Kunstausbildung.
Als ich die Zündschnur von Appenzell nach St. Gallen legte, kam mein ehemaliger Chef, bei dem ich meine Lehre als Hochbauzeichner gemacht hatte. Er sagte zu mir: «Roman, du bist der berühmteste Lehrling, den ich je hatte.» Er ist ganz stolz gewesen. Das hätte er nie erwartet, fügte er hinzu. Man weiss eben nie, wie einer herauskommt.
Zu den besonders verspielten und poetischen Aktionen gehört die Skulptur, die Sie 1987 an der Documenta in Kassel realisiert haben.
Man hatte mich gebeten, zum Abschluss der Documenta bei der Orangerie eine Aktion durchzuführen. Das war sehr aufwendig, und ich brauchte einen Sprengmeister, der mir half. Ich wollte 350 Stapel Papier gleichzeitig in die Luft sprengen.
Wie viel Papier haben Sie in die Luft geschossen?
Insgesamt waren es 350 000 Blätter. Ich bin dafür auch angegriffen worden. Jemand schrieb, es sei eine fürchterliche Verschwendung von Papier und Geld. Aber viele Leute waren sehr begeistert davon. Es war natürlich ein kolossaler Luxus. Das Papier kam dann in die Fabrik und wurde wieder rezykliert.
Für einen kurzen Augenblick lang wirbelten Tausende Blätter in die Luft und fielen wieder zu Boden. Man sah hier, was Ihnen besonders wichtig ist: die Vergänglichkeit Ihrer Kunst.
Meine Skulpturen sind vergänglich, aber sie setzen zugleich sehr viel Arbeit voraus. Viele Menschen arbeiten daran. In Kassel dauerte allein der Aufbau zwölf Stunden. Kurz vor dem Beginn zog ein Gewitter auf, und es kam die Polizei.
Schon wieder die Polizei!
Man sagte mir, Sprengungen seien bei drohendem Blitzschlag verboten. Ein Blitz könnte zu einer unkontrollierten Selbstauslösung führen. Wir mussten darum warten, sicher eine Stunde, bis wir die Freigabe erhielten. Fast wäre es dunkel geworden.
Empfinden Sie es als Verlust, dass von Ihren Skulpturen meist nichts bleibt als Videos und Bilder?
Nein, überhaupt nicht. Manchmal bin ich sogar froh, wenn sie weg sind. Dann kann ich etwas Neues machen. Ein Philosoph sagte einmal über mich: «Signer macht nur Zerstörung.» Aber das ist ein Missverständnis. Ich arbeite an der Transformation. Aus der Zerstörung entsteht etwas anderes. Diese Form der Zerstörung ist eine Verwandlung.
Für die NZZ haben Sie in einen Appenzellerkäse gebissen. Davon wurden Messing-Abgüsse hergestellt. Das könnte man als Widerspruch zu dem Prinzip der Vergänglichkeit auffassen. Hier treffen das Ephemere des Augenblicks und die Beständigkeit der Materie aufeinander. Stört es Sie, wenn Ihre vergänglichen Skulpturen plötzlich beständig werden?
Eine Skulptur kann sich materialisieren, oder die Materie löst sich auf. Bei der Sprengung kommt es zur Explosion, und dann ist meist nichts Materielles mehr da. Die Materie verwandelt sich in Energie. Diese Metamorphose in Energie ist etwas Staunenswertes. Auch der Biss ist eine Form von Energie, die nun am Objekt sichtbar wird. Energie ist ganz zentral in meinen Arbeiten.
Wenn man Ihr Werk im Überblick anschaut, dann konzentriert es sich auf die vier Elemente, Feuer, Wasser, Luft und Erde. Wie wichtig ist die Natur in Ihrem Werk?
Ich gehe gerne aus dem Atelier hinaus. Ich bin kein klassischer Atelier-Künstler. Die Natur und damit auch der Zufall ist Teil meiner Aktionskunst.
Ein Vulkan ist eine Urszene des Feuers. Zieht es Sie deshalb immer wieder zu den Vulkanen Islands oder Italiens?
Der Stromboli interessiert mich ganz besonders. Ich bin fünf Mal am Krater gewesen und habe dort verschiedene Aktionen durchgeführt. Einmal schoss ich mit einer Nebelrakete ein rotes Seidenband über den Krater. Ich wollte sehen, wie das Band von der heissen Luft in die Höhe getragen wird. Heute wäre das nicht mehr möglich, weil nun die Carabinieri die Gegend kontrollieren.
Die Polizei ist Ihnen immer auf den Fersen!
Es sind viel zu viele Leute, die zum Krater hinauf wollen. Es ist mittlerweile verboten, nachts am Krater zu bleiben. Das war früher alles ohne weiteres möglich.
Wie fühlt es sich an, wenn man am Kraterrand eines aktiven Vulkans steht und eine Rakete abschiesst? Es ist doch eine grotesk komische Handlung.
Es ist vielleicht eine ironische Verdopplung. Aber auch so etwas wie ein Gruss unter Pyromanen.
War das Feuer schon immer ein wichtiger Teil Ihrer Arbeit?
Es gehörte immer dazu.
Ist es das Kind im Mann, das hier tätig wird?
Sicher, vielleicht bin ich nie ganz erwachsen geworden. Aber es hat auch mit meiner Verwandtschaft zu tun. Mein Onkel hiess nicht umsonst Brander, er war Feuerwehrkommandant. Auch der Grossvater und der Urgrossvater waren Feuerwehrkommandanten. Als einmal im Dorf ein Feuer ausbrach und die Feuerwehr mit Sirenen durchs Dorf fuhr, sagte meine Mutter zu mir: «Roman, ich muss dir etwas sagen, obwohl ich mich dafür schäme: Ich schaue gerne zu, wenn es brennt.» – «Ich auch», antwortete ich. «Aber das bleibt unter uns», fügte sie hinzu. Sie war auch eine Brander. Die Liebe zum Feuer war vererbt.
Die Leidenschaft für das Feuer kam von der Mutter, Ihr Vater war Musiker. Erbten Sie von ihm die Neigung zur Kunst?
Mein Vater hatte in Paris und Mailand studiert. In Paris begleitete er im Kino Stummfilme auf dem Klavier. Das war beneidenswert, damals, in den 1920er Jahren. In Italien kam er dann mit dem Faschismus in Kontakt. Er erzählte häufig die Geschichte, wie er und einige Schweizer Freunde von einer Kneipentour nach Hause zurückkehrten und an einer Hauswand ein Plakat mit einem faschistischen Slogan entdeckten: Jeder Italiener sei tausend Mal mehr wert als ein Ausländer, stand da. Sie haben das Plakat heruntergerissen, wurden erwischt und verhaftet. Er sass eine Woche im Gefängnis.
Der Ärger mit der Polizei scheint Ihnen in die Wiege gelegt worden zu sein. Aber wie war das mit der Kunst?
Meine Mutter sagte immer, keiner ihrer Söhne werde Musiker, das sei ein Hungerberuf.
Bei Ihnen ist es allerdings noch schlimmer geworden mit dem Hungerberuf.
Schlimmer jedenfalls, als wenn ich Musiker geworden wäre.
Szenen in Roman Signers Atelier, St. Gallen 2025.
1971 konnten Sie überraschend für ein Austauschjahr an die Kunstakademie nach Warschau gehen. Dort haben Sie Ihre Frau kennengelernt.
Aleksandra hat dort studiert. Sie ist diplomierte Bildhauerin, ich nicht.
Aleksandra Signer: Eigentlich sind wir uns draussen in der Natur begegnet, nicht in der Akademie.
Roman Signer: Wir waren an der Oder, wo wir an einem Bildhauer-Seminar teilgenommen haben.
Aleksandra Signer: Heute arbeite ich nicht mehr als Bildhauerin. Ich mache Videokunst, auch für Roman. Aber für ihn bin ich eigentlich nur die Technik. Nachdem wir uns kennengelernt hatten, sahen wir uns fünf Jahre lang nur bei Besuchen. 1977 haben wir geheiratet.
Roman Signer: Ich bin dreimal im Jahr nach Polen gefahren. In Appenzell haben sie gesagt, ich sei ein Landesverräter. Denn einer, der dreimal im Jahr in ein kommunistisches Land geht, fünf Jahre lang, der muss ein Landesverräter sein.
Sind Sie denn damals und später von der Polizei observiert worden?
Es gab eine sehr umfangreiche Staatsschutzakte zu meiner Person. Ich bin über Jahre bespitzelt worden.
Sind Sie erschrocken, als Sie Ihre Biografie darin nachlesen konnten?
Ich fand es blöd. Was ich erlebt hatte, war in der Wirklichkeit sehr viel interessanter. Sie haben sehr wenig von mir gewusst. Ich hätte auch das ganze Dossier verlangen können. Aber das hat mich nicht interessiert. Wir hatten keine Zeit dafür.
Was haben Sie damit gemacht?
Ich wollte die Akte nicht behalten. Es war auch sehr viel geschwärzt.
Aleksandra Signer: Irgendwo haben wir das. Ich weiss auch nicht, wo.
Wie sind Sie eigentlich als Künstler entdeckt worden?
Roman Signer: Wie war das, Aleksandra?
Aleksandra Signer: Du warst von Kasper König eingeladen worden, an der Ausstellung «Skulptur Projekte» in Münster teilzunehmen.
Roman Signer: Das war 1987.
Aleksandra Signer: Nein, es war die Ausstellung von 1997. 1987 war die Documenta, wo kaum einer etwas über deine Arbeit gesagt hatte.
Roman Signer: In Münster gelang der Durchbruch, nach mehr als zwanzig Jahren Arbeit. Dann nahm mich die Galerie Hauser & Wirth unter Vertrag. Während dieser Zeit habe ich auch mit Peter Zimmermann und Walther König vom Verlag der Buchhandlung Walther König ein mehrbändiges Werkverzeichnis veröffentlicht.
Staunen Sie, wenn Sie auf Ihre Karriere zurückblicken?
Ja und nein. Es hat so kommen müssen. Das hat auch eine Logik. Ich hatte natürlich auch Glück, dass ich gesund geblieben bin und nie einen schweren Unfall hatte.
Aleksandra Signer: Aber an Erfolg hat Roman nie gedacht. Er hat einfach seine Kunst gemacht, es kümmerte ihn nicht, ob er damit etwas verdient hat oder nicht. Die Kunst ist sein Leben. Er musste es einfach tun.
Roman Signer: Man könnte sagen, ich sei ein sturer Kopf gewesen. Aber es war mehr als stur, es war Liebe.