Islamistische Kämpfer haben in einem dreitägigen Blitzkrieg Teile Nordsyriens erobert und stehen kurz vor der Einnahme von Aleppo. Nicht nur für Syriens Herrscher Bashar al-Asad wäre der Fall der Stadt eine schwere Niederlage.
In der Nacht von Freitag auf Samstag machte plötzlich ein Foto die Runde in den sozialen Netzwerken. Es zeigt lachende Männer in beigefarbenen Winterjacken und mit Sturmgewehren vor der Zitadelle von Aleppo, dem Wahrzeichen von Syriens zweitgrösster Stadt. In den Händen halten sie die grün-weiss-schwarze Trikolore der syrischen Rebellen. Jene Flagge, unter der sie 2011 gegen Syriens Langzeitherrscher Bashar al-Asad in den Kampf gezogen waren.
Tatsächlich ist den Anti-Asad-Kämpfern etwas gelungen, womit kaum jemand gerechnet hatte. In nur drei Tagen brachen sie aus ihrer letzten verbliebenen Hochburg um Idlib aus und überrannten in einem Blitzfeldzug nicht nur etliche Dörfer und Kleinstädte. Sie nahmen auch grosse Teile von Aleppo ein. Asads Armee hingegen, die in den Jahren zuvor weite Teile Syriens in einem brutalen Feldzug zurückerobert hatte, steht vor einer katastrophalen Niederlage.
Auch ein symbolischer Erfolg
Der Einmarsch der Rebellen in die nordsyrische Handelsmetropole katapultiert den zuletzt beinahe eingefrorenen Krieg in Syrien wieder zurück auf die Weltbühne. Zwar leisten Einheiten des Regimes nach wie vor Widerstand und werden dabei angeblich von der russischen Luftwaffe unterstützt. Doch die Stadt könnte bald komplett in Rebellenhände fallen. Am Samstag kündigte die syrische Armee bereits einen «taktischen Rückzug» an.
Für die Anti-Asad-Kämpfer wäre das nicht nur ein militärischer Erfolg, sondern auch ein symbolischer. Denn in Aleppo erlitten die Rebellen, die sich 2011 gegen Asad erhoben hatten, einst ihre grösste Niederlage. 2016 gelang es den Truppen des Regimes – unterstützt von Russen, Iranern und dem libanesischen Hizbullah –, die Metropole Nordsyriens nach schweren und brutalen Kämpfen zurückzuerobern. Aleppo galt zuvor als eines der Zentren des Aufstands und fiel in Teilen in die Hände der Opposition.
Die Männer, die nun in die Stadt zurückkehren, haben mit den Aufständischen von 2011 aber wenig gemein. Es sind keine rasch ausgehobenen Bürgermilizen oder von der Fahne gegangenen Regime-Soldaten mehr, sondern Kämpfer der «Organisation zu Befreiung der Levante», kurz HTS – einer stramm islamistischen Al-Kaida-Nachfolgeorganisation, die im Rebellen-Rumpfgebiet von Idlib die Macht innehat und von der Türkei unterstützt wird.
Bashar al-Asad steht vor einem Scherbenhaufen
Die Jihadisten-Truppe versuchte jüngst, sich einen staatstragenden Anstrich zu geben. So trat ihr Chef Mohammed al-Jolani in seinem mit Flüchtlingen überfluteten Mini-Reich um Idlib gerne in Anzug und Krawatte auf und eröffnete neu errichtete Strassen. Gleichzeitig steht er aber auf der amerikanischen Terrorliste und regiert in seinem Herrschaftsgebiet mit eiserner Faust. Nun könnte er seinen Einfluss über Teile Nordsyriens ausweiten.
Derweil steht Syriens Machthaber Bashar al-Asad vor einem Scherbenhaufen. Der Damaszener Herrscher hatte sich aus dem Krieg im benachbarten Libanon herausgehalten und versucht, zwischen seinen Verbündeten aus Russland und Iran hin und her zu lavieren. Gleichzeitig verbesserte er jüngst seine Beziehungen zu den Golfstaaten. Nun scheint seine ausgehöhlte und mit Zwangsrekruten bestückte Armee aber ähnlich schnell zu kollabieren, wie die iranischen besoldeten Hilfstruppen, die sie unterstützen sollten.
Asads wirtschaftlich kaputtes Restsyrien ist aber nicht der einzige Verlierer. Auch für seine Verbündeten aus Russland und Iran ist der Durchmarsch der Rebellen eine schallende Ohrfeige. Zumal die Offensive für beide Mächte zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt kommt. So ist Moskau vollends mit dem Krieg in der Ukraine beschäftigt und hat kaum Kapazitäten, um in Syrien aktiv zu werden – auch wenn Russland den Abwehrkampf der Asad-Truppen aus der Luft unterstützt.
Wird der Vormarsch weitergehen?
Noch schlimmer ist die Lage für Iran. Teheran erlebt derzeit ein regelrechtes Horrorjahr. Das unter Druck stehende Regime steht nicht nur mit einem Fuss in einem offenen Krieg mit Israel. Es muss sich in Zukunft auch der antiiranischen Trump-Administration erwehren. Zudem musste es kürzlich mit ansehen, wie Israels Armee seinem wichtigsten Verbündeten in der Region – der libanesischen Schiitenmiliz Hizbullah – in einem zweimonatigen Krieg schwere Verluste zufügte.
Es erstaunt daher nicht, dass die Rebellen ausgerechnet nach der Verkündigung des Waffenstillstands in Libanon zuschlugen. Die disziplinierten und gut ausgebildeten Hizbullah-Kämpfer aus dem Nachbarland hatten einst die Hauptlast der Kämpfe in Nordsyrien getragen. Ihr Fehlen macht sich für Asad und Iran nun offenbar schmerzlich bemerkbar. Allerdings ist fraglich, wie lange der Vormarsch der Rebellen anhalten wird.
Zwar können Jolanis Männer weiter nach Süden und Osten vorstossen. Doch im von Milizen beherrschten Nordsyrien sind sie nicht allein. Nördlich von Aleppo stehen türkische Vasallentruppen, von denen Teile bereits in die Kämpfe eingreifen. Die Türkei, die auch die HTS unterstützt, verfolgt eine expansive Politik in Syrien und hält mehrere Territorien in Grenznähe besetzt. Zwar schloss Ankara 2018 ein Abkommen mit Russland, welches das Land in Einflusszonen aufteilen sollte. Dies gilt aber inzwischen als gescheitert. Stattdessen weitet die Türkei ihren Einfluss nun aus.
Iran verlegt hastig Truppen nach Nordsyrien
Weiter östlich schliesslich stehen die kurdisch geführten Kämpfer der SDF, der Syrischen Demokratischen Front, die in ihrem Stammland eine Art De-facto-Staat errichtet haben, mit der Türkei verfeindet sind und von den Amerikanern unterstützt werden. Sie sind ebenfalls in Teilen von Aleppo präsent und rücken nun auch vor. Laut unbestätigten Angaben soll es bereits zu Gefechten zwischen den vorrückenden Jolani-Kämpfern und kurdischen Einheiten gekommen sein.
Nicht zuletzt verlegen auch die Iraner, die um ihre Landbrücke von Teheran nach Beirut fürchten, offenbar hastig Einheiten nach Norden, um die Rebellen aufzuhalten. Syrien droht deshalb erneut im Chaos zu versinken – mit unabsehbaren Folgen. Auch nach 2011 war der Krieg – der als Volksaufstand gegen Asad begonnen hatte – in ein unübersichtliches Blutbad ausgeartet, in dem von ausländischen Mächten gesponserte Gruppen und radikale Islamisten verschiedener Couleur sich gegenseitig bekämpften.

