Seit sechzig Jahren rollt der Van im zentralrussischen Uljanowsk vom Band. Unterwegs mit dem schrulligen Allrader in der Wüste Gobi, wo robuste Autotechnik von damals noch heute ein Plus ist.

Die Tür benötigt eine harte Hand. Nur wenn sie fest ins Schloss knallt, bleibt sie auch geschlossen. Nicht das einzige Ungewöhnliche an diesem Auto. Uljanowski Awtomobilny Sawod (UAZ) baut rund 700 Kilometer östlich von Moskau seit 1957 den Kleintransporter UAZ 452 Buchanka – bis heute nahezu unverändert und damit wie aus der Zeit gefallen.

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Buchanka? Der Name bedeutet Brotlaib oder Kastenbrot und spielt auf die Optik des Kleintransporters an. Während sich andere Modelle in den vergangenen Jahrzehnten technisch und optisch weiterentwickelten, versperrt sich der Buchanka konsequent. Die russische Antwort auf den VW Bulli fällt mit ihrer eckigen Form, den Kulleraugen-Scheinwerfern und den Pausbacken im Strassenbild zwischen aerodynamischen Autos sofort auf.

Dazu kommt unterm Blech eine archaische, wenngleich robuste Technik: 2,7-Liter-Vierzylinder mit 112 PS, manuelles Fünfganggetriebe, Allradantrieb und Untersetzungsgetriebe. Im Innenraum bieten unbequeme Sitze ohne Seitenhalt den Passagieren Platz. Die Gurte hängen lasch an der Seite hinunter, die vorderen Passagiere sind mit ihren Schultern den Seitenscheiben näher als früher im VW Käfer. Der Fahrer sollte ausreichend Fahrpraxis auch bei Strassenglätte mitbringen, denn bis auf ein Antiblockiersystem der Bremsen bietet der UAZ keine modernen Fahrassistenten.

Digital scheint nur die Heizung: heiss oder kalt

Während VW den Bulli zum rollenden Computer und zur Luxusherberge entwickelt, steckt der Buchanka in der analogen Welt. Nach dem Motto: Was nicht verbaut ist, kann nicht kaputtgehen. Um die Fenster zu öffnen, müssen die vorderen Passagiere kurbeln. Die Heizung hat zwei Stufen: sibirisch kalt oder saharaheiss. Dazwischen gibt es nichts. Die Luft strömt aus einem dicken Rohr am Fussboden direkt auf die Füsse, bis sie annähernd abfrieren oder verglühen.

Damit bietet der UAZ das, worauf es in der kargen Welt Ostrusslands besonders ankommt: Der Buchanka arbeitet mit seiner überschaubaren Technik sehr robust und zuverlässig. Und sollte etwas kaputtgehen, reichen 17er- und 19er-Schlüssel, Zange und ein dicker Hammer – Werkzeug aus dem 19. Jahrhundert.

Ursprünglich entwickelte UAZ den 452 fürs Militär. Als der Transporter 1957 auf den Markt kam, sahen Feuerwehr, Handwerker und Gewerbetreibende den noch heute bestehenden Vorteil des Fahrzeugs: Auf 4,30 Meter Länge bietet das Auto viel Platz für wenig Geld.

Neben dem 452 baute UAZ über die Jahrzehnte auch Pritschenwagen, Kofferaufbau, Transporter mit bis zu zehn Sitzplätzen sowie Spezialaufbauten für Rettungskräfte und Militär. Dazu rollt der UAZ dank seiner hochgelegten Karosserie und Allradantrieb tapfer durch Wiesen, Felder und Wälder. Mehr Werkzeug als Fahrzeug.

1979 erhielt der 452 weisse Blinker statt vormals gelbe und eckige statt runde Rückleuchten – fertig war die Modellüberarbeitung. Ab 1985 arbeitete ein 99 PS-Motor zwischen den vorderen Passagieren, seit Mitte der 1990er Jahre kommt ein 112-PS-Motor nach Abgasnorm Euro 4 zum Einsatz. In Westeuropa gilt Euro 7. Seit ein paar Jahren können Kunden einen neuen 452 mit einer Zweifarbenlackierung bestellen. Mehr gibt es in der kargen Modellpflege der vergangenen 68 Jahre nicht.

Der Buchanka ist ein bulliger Transporter für Wald und Wiese, für Landwirtschaft und Förster. Die Bodenfreiheit liegt bei 20,5 Zentimetern, die Wattiefe bei einem halben Meter. Dazu kommen 30 Grad Böschungswinkel und 27 Grad Rampenwinkel – alles ordentliche Geländewagen-Werte, wie man sie etwa bei einem Dacia Duster findet. Der Allradantrieb lässt sich mechanisch über einen der langen Hebel rechts vom Fahrer zuschalten und das Getriebe im harten Gelände in eine Untersetzung mit kürzeren Gängen umstellen.

Motor und Innenraum trennt nur eine dünne Abdeckung

Der Benziner benötigt einen Moment, bis er anspringt, fast wie bei einem Diesel. Erst wenn das Piepen auf der ersten Zündschlüsselstellung aufhört, darf der Fahrer weiterdrehen und den Vierzylinder starten. Leise schnattern die Ventile im Leerlauf. Der Motor ist nur von der Abdeckung zwischen Fahrer und Beifahrer verhüllt. Was für ein Triebwerk: Der 2,7-Liter-Vierzylinder entwickelt 112 PS und 198 Newtonmeter Drehmoment bei 2500 Umdrehungen pro Minute. Finsteres Mittelalter der Ingenieurskunst.

Ungewohnt schmal verstecken sich die hochstehenden Pedale im Fussraum, fast wie bei einem Sportwagen. Auch der harte Pedaldruck erinnert an leistungsstarke Autos. Nicht jedoch das sperrige Getriebe. Nur mit viel Druck und Gefühl lässt sich der erste Gang einlegen. Zur Erinnerung: Es handelt sich um einen Neuwagen.

Nach ein paar Kilometern kommt das Aha-Erlebnis. Richtig dosiert, flutschen mit ein wenig Zwischengas die Gänge plötzlich entspannt durchs Getriebe, und der Buchanka gleitet flott über die Piste. An den langen Schalthebel mit den noch längeren Schaltwegen gewöhnt man sich schnell, ebenso wie an das Ruckeln und Schütteln über Buckelpisten.

Auf der Vorderachse thronen die vorderen Passagiere, schwingen bei jeder Bodenwelle im Takt mit dem Fahrzeug mit. Navi, Soundsysteme und Smartphone-Anbindung? Fehlanzeige. Einzig der analog-digitale Tachometer mit grünen LCD-Anzeigen verströmt im schnörkellosen und minimalistischen Cockpit so etwas wie die Modernität der 1990er Jahre.

Bei einer Ausfahrt von Ulaanbaatar nach Dalandsadgad und weiter in die Wüste Gobi, rund 1100 Kilometer über übelste Pisten und schlechten Asphalt, zeigt der Buchanka, wofür er gebaut wurde. Wo westliche Vans und SUV längst auseinanderfallen würden, zieht der UAZ stabil seine Spur in den Sand. Kein Schlagloch ist ihm zu tief, kein Kanaldeckel zu hoch. Den Passagieren signalisiert der UAZ 452: Ich lasse euch nicht im Stich.

Mit der 4H-Getriebeeinstellung für eine lange Strassenübersetzung wie bei Schotterstrassen geht es über Stock und Stein. Staub zieht unter dem UAZ her, vernebelt die Piste. Jede Bodenwelle verlangt eine Kurskorrektur am Lenkrad. Immerhin zeigt der Vierzylinder für einen alten Saugmotor ein ordentliches Ansprechverhalten. Nur sollte der Fahrer die Tankanzeige im Blick haben. Der UAZ verbraucht rund 15 Liter Sprit auf 100 Kilometer. Zwei Tanks stehen für eine längere Tour bereit, links mit 45 Litern und rechts mit 25 Litern.

Von 0 auf 100 km/h benötigt der UAZ eine gefühlte Ewigkeit. Mutige fahren bis zu 115 km/h schnell. Allerdings wird es ab 80 km/h anstrengend. Der Buchanka schnattert am liebsten im unteren Drehzahlbereich vor sich hin, deshalb zahlt sich frühes Hochschalten besonders aus. Dabei sollten die Hände besser die ganze Zeit das dünne Bakelit-Lenkrad fest umklammern. Denn von Geradeauslauf versteht der Buchanka nicht viel und bietet stattdessen viel Interpretationsspielraum. Korrekturen alle paar Sekunden gehören zur Fahrt dazu.

Der Hardcore-Geländebus muss sich trotz seiner antiquierten Bauweise vor neuen Geländewagen nicht verstecken. Weder im Gelände noch bei der Qualität: Einer russischen Legende nach fährt der Buchanka nach hartem Zuschlagen der Tür und Neustart des Triebwerks auch ganz ohne Motoröl.

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