Sonntag, März 30

In kurzer Zeit ist Sabrina Carpenter zum internationalen Superstar avanciert. Ihren Erfolg verdankt sie weniger ihrer künstlerischen Originalität als dem therapeutischen Effekt ihrer Songs. Ihre Konzerte sind überall ausverkauft. Auch in Zürich.

Letztes Jahr gelang ihr der grosse Durchbruch. Mit dem Song «Espresso», im April erschienen, weckte sie buchstäblich die Aufmerksamkeit der internationalen Pop-Szene. Zwei Monate später doppelte sie mit dem Hit «Please Please Please» nach. Und als im August das Album «Short n’ Sweet» erschien, war Sabrina Carpenter plötzlich ein Superstar. Allerdings hatte der Grosserfolg jahrelang auf sich warten lassen.

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1999 in Quakertown, Pennsylvania, geboren, träumte die Sängerin bereits als Mädchen von einer Pop-Karriere. Auf Youtube veröffentlichte sie mit zehn Jahren Coverversionen von Adele- und Christina-Aguilera-Songs. 2009 schaffte sie es auf den dritten Platz im von Miley Cyrus ausgerichteten Gesangswettbewerb The Next Miley Cyrus Project. Bald sammelte sie auch als Schauspielerin Erfahrungen. Sie trat zuerst in der Fernsehserie «Law & Order: Special Victims Unit» auf. Und von 2014 bis 2017 spielte sie die Hauptrolle in der Disney-Jugend-Sitcom «Girl Meets World».

Schönwetter-Repertoire

Aber bei der Schauspielerei wollte es die ambitionierte Künstlerin nicht bewenden lassen. Mit ihrer dünnen, aber schmeichlerischen Stimme reklamierte sie Aufmerksamkeit für ihr eigenes Ego. Wobei sich das Debütalbum «Eyes Wide Open» (2015) sehr brav und epigonal ausnahm – die Sängerin spielte sich schwerfällig als zweite Taylor Swift auf.

Im Zweitling «Evolution» kam ihr hoher, schmachtender Gesang weit besser zur Geltung. Die Sängerin zeigte sich in einem erstaunlich abwechslungsreichen R’n’B-Repertoire von einer leidenschaftlicheren Seite. Es dauerte aber noch einmal drei Alben und acht Jahre, bis 2024 beim traditionsreichen Label Island Records das Album «Short n’ Sweet» erschien und Carpenter zum Superstar machte.

In einem Jahr, in dem die Pop-Szene ohnehin durch eine Dominanz der Diven geprägt war, gelang es der Newcomerin, sich auf allen möglichen Kanälen zu behaupten. Während eine Billie Eilish auf einen lakonisch-melancholischen Tonfall setzte, trumpfte Carpenter mit einem fröhlichen Schönwetter-Repertoire auf. Wo Beyoncé mit neuen Rezepturen und Mischungen von Country und R’n’B experimentierte, da besann sich der Shootingstar auf bewährte Klänge zwischen Disco und Dance.

Sabrina Carpenter - Espresso (Official Video)

An die astronomischen Erfolge von Taylor Swift reichte Sabrina Carpenter zwar nicht heran. Mit ihrer koketten und humoristischen Selbstinszenierung aber bot sie all jenen eine Alternative, die genug haben von Swifts zahllosen Zweierkisten-Balladen.

Mit leichtfüssigem Pop und frivolem Glamour legte Sabrina Carpenter eine funkelnde Folie über eine Welt, die sich in mannigfaltigen Krisen windet. Ihre Musik wirkt wie eine Erholungspause – ähnlich den unbeschwerten Ferientagen am Meer. Tatsächlich wurde ihr Image ja im Licht der Küste geprägt. Auf dem Cover zu «Short n’ Sweet» strahlt die Blondine selbst wie eine goldene Sonne.

Und im Video zu «Espresso» zeigt sie sich an einem Strand, auf dem sich die Beach Boys und die Rettungsschwimmer aus «Baywatch» zu begegnen scheinen. Das Filmmaterial oszilliert dabei zwischen warmen Technicolor-Tönen und Vintage-Simulationen von Super-8-Filmen. So wird eine nostalgische Sphäre heraufbeschworen, in der sich die Pop-Diva bald als Pamela Anderson, bald als Monica Vitti in Szene setzt.

Den therapeutischen Effekt verdankt Carpenter zum einen den schmerzlosen Lyrics, die sich auf der klanglichen Strömung kräuseln wie glitzriger Zierrat. «Don’t bring me to tears, when I just did my makeup so nice» – bring mich nicht zum Weinen, wenn ich mich so schön geschminkt habe, heisst es in «Please Please Please». Und das ist hier schon der Gipfel der Dramatik. Dem entspricht das Klangbild aus funkig pumpenden Bässen, maschinellem Händeklatschen und plätschernder Elektronik: Die ebenso seichte wie bekömmliche Mischung ist durchaus Teil des Erfolgsrezepts.

«Espresso» wurde von Julian Bunetta produziert, einem der stilbildenden Pop-Produzenten. Bedeutender noch ist Jack Antonoff, dem Carpenter die Produktion von Songs wie «Please Please Please» verdankt. Antonoff hat Hits für Lana Del Rey, Lorde, Pink und vor allem Taylor Swift geschrieben. Er ist gleichsam der Königinnen-Macher im amerikanischen Pop. Und mit seinem segensreichen Engagement hat er schon deshalb entscheidenden Anteil an Sabrina Carpenters internationalem Durchbruch, weil er im Musikbusiness vernetzt ist wie kaum ein anderer.

Politisches Engagement

Nun reist Sabrina Carpenter auf ihrer «Short n’ Sweet»-Tour durch die halbe Welt, um in den grossen Stadien die wachsende Fangemeinde mit ihrem süffigen Pop zu beglücken. Auch auf der Bühne macht die Sängerin das Leben zum unendlichen Spass, zur lockeren Party zwischen tänzerischem Schwung und burlesken Provokationen.

Und dennoch: Die Diva hat auch einen Sinn für die politische Wirklichkeit. Das bewies sich letztes Jahr, als sie ihre Fans dazu aufrief, sich an den Präsidentschaftswahlen zu beteiligen. Wie viele Pop-Stars arbeitete sie dazu mit der Agentur Headcount zusammen, die den Effekt von Wahlempfehlungen numerisch festhält. Gut 35 000 Fans liessen sich als Wähler registrieren – Carpenter lag damit auf Platz eins bei Headcount. Mit dem Wahlergebnis war sie allerdings nicht zufrieden. «Es tut mir leid für unser Land und für die Frauen», verkündete sie am Tag von Donald Trumps Triumph.

Konzert: Zürich, Hallenstadion, 27. März (ausverkauft).

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