Freitag, August 29

Statt eines Sommerhits produzierte Sabrina Carpenter erst einmal einen Sommerskandal. Ist das Cover zu «Man’s Best Friend» frauenverachtend oder Kunst? Jetzt ist das Album dazu erschienen.

Eine junge Frau kniet. Ein Mann im Anzug hält sie am Haar wie an einer Hundeleine. Mehr sieht man nicht, und doch genügt es. Das Cover von Sabrina Carpenters Album «Man’s Best Friend» erschien im Juni, und es wurde gestritten. Für die einen symbolisierte es einen Rückfall in längst überwundene Frauenbilder, für die anderen war es ein ironisches Spiel mit Unterwerfung und Macht, und wieder andere erklärten schlicht, das sei halt Pop, also Spass, also eine Pose in einem Geschäft, das vom Posieren lebt.

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Es ist ein Bild wie ein Rorschachtest. Jede Lesart bestätigt sich selbst – und genau darin liegt seine Schlagkraft. Der Skandal ist kein Unfall, er ist Teil der Arbeit. Nun ist die Musik zum Aufschrei erschienen.

Wie früher, nur bösartiger

«Warum bist du so sexy, wenn du doch so blöd bist?» – so beginnt Carpenter auf dem Album. «Manchild» heisst das Lied, und im Video dazu duschen sich Männer unter Zapfhähnen, spielen mit ihren Autos. Sie seufzt: «Manchild». Das klingt niedlich, ist aber ihre Diagnose.

Carpenter, geboren 1999 in Pennsylvania, wuchs als Schauspielerin im Disney-Universum auf. Erst eine Figur wie aus dem Automaten, entwickelte sie 2022 mit «Emails I Can’t Send» eine eigene Stimme. In «Short n’ Sweet» (2024) begann Carpenter das Bild der überarbeiteten, unerschütterlich selbstbewussten Frau zu zeichnen, die alles kann, nur keinen passenden Mann finden. Mit «Espresso» – federleichte Disco-Beats, ein Hauch von Stimme – gewann sie einen Grammy und den Sommer 2024. «Manchild» knüpft an den Erfolg an, nur ist es bösartiger: Das Lied beschreibt die Männer als lächerlich, kindisch, aber trotzdem begehrenswert.

Die Pointe: Maskulinität, ewig problematisch, wird nicht frontal attackiert, sondern ins Infantile zurückgestuft. Es ist Pop als Karikatur. Und zugleich klingt durch, dass Frauen diese sogenannten Kindsmänner mittragen, manchmal sogar begehren.

Carpenters Songs sind alles Miniaturen über das Mangelhafte («My Man on Willpower»), das Lächerliche («When Did You Get Hot?»), das Erotische («Tears»). Einmal als Ballade, einmal mit tanzbaren Vierviertel-Beats, einmal als Girl-meets-Boy-Drama, das scheitert. Musikalisch ist es kein Neuland – Disco, R&B, Country, Rock, alles war schon da. Carpenter legt darüber eine irisierende Folie, macht daraus frivolen Pop, singt dabei beinahe mädchenhaft und hoch, ohne je in Tiefen zu gehen. Die Gesangslinien bleiben einfach, oft nur mit einem Aufglimmen über pumpenden Basslinien oder Synth-Flächen und seichten Harmonien.

Zurück ins Handtäschchen-Zeitalter

Wenn Carpenter mit grossen Augen in die Welt schaut und mit dünner Stimme «I’m stupid, but I’m clever» haucht, dann schickt sie in einem Atemzug eine ganze Theorie über Männer und Frauen in die Charts. Das ist weder eindeutig Empowerment noch eindeutig Regression. Es ist ein Schwebezustand, in dem Pop-Musik seit je gedeiht. Schon Madonna hat ihre sexuelle Selbstermächtigung durch Ironie inszeniert; Dolly Parton machte aus der «dummen Blondine» ein scharfes Messer. Carpenter reiht sich in diese Linie ein – aber im Takt von Tiktok. Sie hat die Pose perfektioniert: mal Häschen, mal Schussel, mal Vamp. Jede Rolle ist ein Zitat, jede Pose ein Meme.

Vom Fehlen jeglichen Humors, nachdem das Cover rauskam, sei Carpenter überrascht gewesen. Gleichzeitig postete sie Alternativen («von Gott genehmigt») auf Instagram. Eines davon zeigt Carpenter als Marilyn-Monroe-Doppelgängerin.

Das Projekt Carpenter ist längst zur Projektionsfläche geworden. Und jede der verschiedenen Lesarten nützt ihr. «Man’s Best Friend» ist kein musikalisches Meisterwerk. Es ist auch kein Manifest. Es zeichnet ein Bild, das nichts erklärt und alles spiegelt. Sabrina Carpenter ist nicht die Gegnerin oder die Heldin einer neuen Emanzipation – letzteres hat sie schliesslich auch nie behauptet. Ihr Album fällt in einen Moment, in dem der Feminismus als Lifestyle gelebt wird und sich in Skandalen niederschlägt. Und darin ist ihr Werk, ob man will oder nicht, vollkommen zeitgemäss.

Sabrina Carpenter - Manchild (Official Video)

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