Bis heute ist Giacomo Casanova sprichwörtlich als Frauenheld. Vor 300 Jahren wurde der Wunderheiler, Diplomat, Glücksspieler, Geheimagent und Schriftsteller geboren.

Er war ein schwächliches Kind, hatte ständig Nasenbluten. Zu viel und zu dickes Blut, stellten die Ärzte fest. Helfen konnten sie nicht. Seine Grossmutter nahm ihn mit auf die Insel Burano, zu einer Hexe. Diese sperrte das Kind in eine Holzkiste, tanzte, sang sonderbare Lieder und schlug mit einer Rute auf die Kiste ein. Giacomo hatte Angst. Aber als er die Kiste verlassen durfte, war er geheilt.

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So erzählte er es selbst, Jahrzehnte später. Und setzt den Hokuspokus an den Beginn seiner intellektuellen Biografie. Die Hexe hatte einen Zauber gelöst, endlich konnte er zur Schule gehen. Er, Giacomo Casanova, ein kluges Kind, wissbegierig. Doch die Krankheit hatte seine Entwicklung verzögert. Und er war einsam. Freunde hatte er kaum, zu den Eltern kein enges Verhältnis. Eigentlich gar keines. «Mein Vater und meine Mutter sprachen nie mit mir», erinnert er sich.

Die Eltern waren Schauspieler. Ein Jahr nach Casanovas Geburt nahmen sie ein Engagement in London an. Den Knaben liessen sie in Venedig zurück, in der Obhut der Grossmutter. Sie zog ihn auf, zusammen mit drei Brüdern und einer Schwester. Um Giacomo, den ältesten, kümmerte sie sich besonders. «Ich war ihr Liebling», schrieb Casanova als alter Mann.

Am 2. April 1725 wurde Giacomo Girolamo Casanova in Venedig geboren. Als er acht Jahre alt war, brachte ihn seine Grossmutter nach Padua. Dort sollte er lernen und zu einem kräftigen Jungen werden. Aber wie? Untergebracht wurde er in einer schmutzigen Pension mit einer Horde halbwüchsiger Jungen. Es soll von Wanzen und Flöhen nur so gewimmelt haben. Doch er lernte rasch. Nach wenigen Monaten konnte er lesen und schreiben. Der Leiter der Schule, Dottore Gozzi, setzte ihn als Aufseher seiner Mitschüler ein und nahm ihn in seinen Haushalt auf.

Weisse Strümpfe

In Gozzis Haus, schrieb Casanova später, hätten sich in ihm auch «die ersten Funken jener Leidenschaft» entzündet, «die in meinem späteren Leben vorherrschen sollten». Es war die kleine Schwester des Dottore, die sie entfachte: Bettina, dreizehn Jahre alt und offenbar ziemlich unerschrocken. Sie hatte Strümpfe gestrickt für Giacomo. Er sollte sie anprobieren. Aber nur mit sauberen Beinen, darauf bestand Bettina und machte sich unverzüglich daran, Giacomo zu waschen.

Das tat sie gründlich: «Bettina, die auf meinem Bett sass, trieb ihr Reinlichkeitsstreben zu weit», schildert Casanova die Prozedur in seinen Lebenserinnerungen: «Ihr Vorwitz bereitete mir eine Wonne, die erst aufhörte, als sie unmöglich noch stärker werden konnte.» Auf die Wonne folgte die Abfuhr. Die Beine waren sauber. Aber Bettina verweigerte sich und schenkte ihre Gunst einem anderen Pensionsgast. «Einem brutalen Bauerntölpel», wie Casanova mürrisch bemerkt.

Wer da wen verführt und wer wen düpiert hat, ist kaum so eindeutig, wie Casanova es mehrere Jahrzehnte später erzählt. Der Mann, der bis heute als Liebhaber par excellence gilt, war ein aufmerksamer, kluger Beobachter. Aber auch ein begnadeter Erzähler, der die Geschichte seines Lebens stilisierte und seine Rolle stets ins beste Licht rückte. Sein ganzes Leben war eine Inszenierung. Ein Theaterstück, in dem er die Hauptrolle spielte, Regie führte und als Dramaturg zugleich den roten Faden legte, dem die Erzählung zu folgen hat.

Giacomo Casanova spielte zeitlebens eine einzige Rolle: Giacomo Casanova. Wo er stand und ging, fühlte er sich wie auf einer Bühne. Und wollte gefallen. Den Frauen. Der guten Gesellschaft. Und nicht zuletzt sich selbst. Der Schauspielersohn wusste, was es bedeutet, gefeiert zu werden. Aber verstand auch, wie unbeständig die Gunst war, die das Publikum verschenkt. Er war von sich entzückt, das schreibt er selbst. Und hatte immer Angst, «ausgepfiffen zu werden».

Angewandte Klugheit

Zu Casanovas Inszenierung gehört die Behauptung, die Frauen hätten ihm das, was er von ihnen gewollt habe, von sich aus gegeben. Weil er ihnen das gegeben habe, was sie sich wünschten: begehrt zu werden, geliebt zu werden. Kein Triebtäter also, der seine Lust rücksichtslos auslebt, auf Kosten von Frauen, die zu blossen Objekten degradiert werden. Sondern ein einfühlsamer Mann, der die geheimen Sehnsüchte der von ihm Verehrten zu wecken versteht und zur Erfüllung bringt. Das ist das Bild, das Casanova von sich gibt. Auf den rund viertausend Seiten der «Histoire de ma vie».

1789, vierundsechzig Jahre alt, begann er sie zu schreiben. Als Bibliothekar auf einem Schloss in Böhmen liess er sein Leben Revue passieren. Wehmütig und enttäuscht über den eigenen körperlichen Verfall und den Lauf der Welt. Die Französische Revolution war ihm ein Greuel: die Auflösung aller Werte, denen er sich verpflichtet fühlte. Er trauerte dem Ancien Régime nach, der eleganten Lebensart, dem kultivierten Genuss.

Und den Frauen. Rund hundertzwanzig nach seiner Zählung. Diplomatengattinnen, Bedienstete, Gräfinnen, Kurtisanen, Nonnen, Künstlerinnen, Töchter aus gutem Haus, manche erst vierzehn, fünfzehn Jahre alt. Ein Fall für die Gerichte, aus heutiger Sicht. Aus damaliger Sicht auch, doch Casanova verstand es immer wieder, sich der Verantwortung zu entziehen. Ehrlich war er wohl nie ganz. Auch mit sich selbst nicht. Er war ein Virtuose darin, sich und andere zu betrügen. Und sein Gewissen zu beruhigen.

«Betrug ist gemein», schreibt er in seinen Erinnerungen, «eine rechtschaffene List aber ist nichts anderes als eine geschickt angewandte Klugheit, und das ist eine Tugend. Allerdings sieht sie oft einer Gaunerei ähnlich, aber das muss man hinnehmen. Wer sie nicht anzuwenden versteht, ist ein Tropf.» So wird Moral zur Ansichtssache. Und für Casanova gab es nur einen Standpunkt: seinen eigenen. Er habe von den Frauen, die er verehrte, nie etwas gefordert, hält er einmal fest: Er habe ihnen nur «sein Verlangen zu Füssen» gelegt.

Etwas gelten in der Welt

Das Verlangen war das eine. Das andere war die Notwendigkeit, sich ein Leben leisten zu können, das dem Verlangen galt. Kurz nachdem Casanova seine erotische Initiation erlebt hatte, kehrte seine Mutter nach Venedig zurück. Für Giacomo hatte sie klare Pläne. Er sollte Jurist werden und begann an der Universität Padua Rechtswissenschaft und Theologie zu studieren. Gegen seinen Willen. Lieber wäre er Arzt geworden, «wo mit Scharlatanerie noch mehr zu erreichen ist als im Advokatenstand».

Drei Jahre später war Casanova Doktor beider Rechte und erhielt die niederen Priesterweihen. Doch ein Leben als Anwalt oder Pfarrer war ihm zu wenig. Er träume von Grösse, wollte etwas gelten in der Welt. Und dem Milieu entfliehen, in dem er geboren war. Er überliess sich den Vergnügungen, die Venedig zu bieten hatte, und wurde bald zum geschätzten Gesellschafter. Gross gewachsen, mit dichtem Haar und einem Faible für Samthosen und Seidenstrümpfe, galt er als glänzender Causeur, der es verstand, geistreiche Statements mit Zitaten aus Werken lateinischer Dichter zu veredeln.

Zunächst musste sich der Abate allerdings als Sekretär von Diplomaten durchschlagen, als Geiger in Theaterorchestern und als Glücksspieler. Es war eine Zufallsbegegnung, die seinem Leben eine neue Richtung gab. Im Frühling 1746 erlitt ein Senator vor Casanovas seinen Augen einen Schlaganfall. Casanova rettete ihm das Leben. Der Mann nahm den jungen Mann bei sich auf, gewährte ihm Kost und Logis, einen Diener, eine Gondel und ein grosszügiges monatliches Taschengeld – auf Lebenszeit.

Damit war der Weg frei für das Leben, das Casanova sich gewünscht hatte. Er reiste nach Paris, an den Hof, genoss die weite Welt, reihte ein erotisches Abenteuer an das nächste, kam zurück nach Venedig, wo er für den französischen Botschafter ausgelassene Feiern organisierte. Zu ausgelassene in den Augen der Obrigkeit. 1755 wurde er von der Staatsinquisition verhaftet und in den Bleikammern des Dogenpalastes festgesetzt. Ohne Prozess, ohne Urteil. Aber Casanova gelang das Unmögliche: Nach fünfzehn Monaten konnte er sich befreien und floh.

Das höchste aller Güter

Während fast vier Jahrzehnten war er unterwegs, quer durch Europa. Er führte alchimistische Experimente durch, legte sich einen adligen Namen zu, Friedrich II. bot ihm eine Stelle an (Casanova lehnte ab), in St. Petersburg diskutierte er mit Zarin Katharina II. über eine Reform des Kalenders, wurde aus verschiedenen Städten ausgewiesen, mehrmals verhaftet, wieder freigelassen, verurteilt und begnadigt. Er gründete Unternehmen, machte Konkurs, war Geheimagent der Inquisition, übersetzte die «Ilias» auf Italienisch, feierte Erfolge als Wunderheiler und Magier, wurde als Betrüger gejagt.

Sechzigjährig kam Casanova zur Ruhe, auf Schloss Dux in Böhmen, als Bibliothekar des Grafen Waldstein. 1798 starb er dort. Seine Lebensbilanz: verbittert. Seine Zeit war vorbei, genauso wie die Grösse seiner Heimatstadt Venedig. Er war vereinsamt. Und in manche seiner Erinnerungen mischte sich ein kritischer Unterton: «Ich fand, dass ich jedes meiner Missgeschicke selbst verschuldet und jede Gunst des Schicksals missbraucht hatte», schrieb er, als er sich an einen der Tiefpunkte seines Lebens erinnerte.

Es war im April 1760 in Zürich. Casanova war Mitte dreissig und hatte kurz vorher alles verloren, beim Glücksspiel mit Offizieren. Er verpfändete, was er hatte, auch seine Kleider. Damals, schrieb er in den Memoiren, habe er beschlossen, sich eine von allen Wechselfällen gesicherte Stellung zu verschaffen: «Ein vollkommener Friede ist das höchste aller Güter.» Das klingt nach Einsicht. Aber die kam erst rückblickend: Die Quittung für die Pfandleihe in Zürich ist die erste, die er mit «Chevalier de Seingalt» unterschrieb. Ein klangvoller Name, frei erfunden. Casanova benutzte ihn bis an sein Lebensende.

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