In Neuenburg wurde eine Gedenktafel zu Ehren von Maurice Bavaud enthüllt. Die offizielle Schweiz zeigt sich bis heute zurückhaltend im Umgang mit dem Neuenburger.

Vieles im kurzen Leben von Maurice Bavaud wird immer ein Geheimnis bleiben. Bavaud, 1916 in Neuenburg als Sohn eines PTT-Angestellten geboren, wollte Hitler töten. 1941 wurde er von den Nationalsozialisten hingerichtet. Doch bis heute ist Bavaud eine Randnotiz der Schweizer Erinnerungskultur geblieben.

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Als vorläufig letzter Akt wurde Bavaud am vergangenen Sonntag in Neuenburg mit einer Gedenktafel als «Symbol des Widerstands gegen die Diktatur» geehrt. Es ist nicht die erste öffentliche Würdigung Bavauds in dessen Geburtsstadt. 1998 wurde am ehemaligen Haus der Eltern eine Tafel angebracht. Zu seinem 70. Todestag 2011 folgte in Hauterive (NE) eine Gedenkstele, 2014 eine Gedenkplatte im waadtländischen Bottens, dem Herkunftsort seiner Familie.

Rolf Hochhuth brachte 1976 mit seinem Stück «Tell 38» die öffentliche Auseinandersetzung mit Bavaud in Gang, die sich bis heute nur schleppend fortsetzt. Niklaus Meienberg machte ihn 1980 mit dem Film «Es ist kalt in Brandenburg (Hitler töten)» und dem gleichnamigen Report zu einem helvetischen Grafen von Stauffenberg. Die Gegenthese zu Meienberg lieferte der Historiker Klaus Urner mit seinen Studien, in denen er Bavaud als geistig Verwirrten darstellte.

Schatten auf der Schweizer Diplomatie

Politisch gab es mehrere Anläufe, Bavauds Vermächtnis zu mehr Aufmerksamkeit zu verhelfen. Der SP-Nationalrat Paul Rechsteiner schrieb 1997 in einer Anfrage an den Bundesrat: «Obschon Maurice Bavaud zu den Schweizer Helden jener Zeit gehört, ist er der öffentlichen Erinnerung kaum präsent. Auch der Bundesrat hat sich, soweit ersichtlich, zum Fall Bavaud nie öffentlich geäussert.»

Der grüne Zürcher Gemeinderat Simon Kälin setzte sich 2010 vergeblich dafür ein, dass die Stadt einen Platz oder eine Strasse nach Bavaud benennt. Auch in Bern blieb die SP erfolglos mit einem Versuch, dem verhinderten Hitler-Attentäter eine Strasse zu widmen. Der Berner Gemeinderat hielt fest, dass er «die Strassenbenennung nicht als das geeignete Instrument erachtet, um das Andenken an Maurice Bavaud aufrechtzuerhalten. So wurden bisher in der Stadt Bern Strassen nach Persönlichkeiten benannt, um ihr Lebenswerk zu ehren und nicht um ein Zeichen zu setzen bzw. einzuräumen, dass einer Persönlichkeit Unrecht erging».

Als Schwarzfahrer in die Fänge der Gestapo

Woher rührt der zurückhaltende Umgang mit dem Schweizer Hitler-Attentäter? War Maurice Bavaud ein religiöser Eiferer, der sich vor allem um das Schicksal der Katholiken in Deutschland sorgte? Stand er unter dem Einfluss eines psychisch kranken Freundes, den er im katholischen Seminar kennengelernt hatte? Oder erinnert sich die offizielle Schweiz nur widerwillig an Bavaud, weil die Geschichte des Attentäters auch eine Geschichte des Versagens der eidgenössischen Behörden ist?

Bavaud hätte eigentlich katholischer Missionar werden sollen. Er brach jedoch seine Ausbildung in Frankreich abrupt ab und kehrte in die Schweiz zurück. Dort blieb er nicht lange, sondern reiste 1938 nach Deutschland, um Hitler zu erschiessen. Mehrfach versuchte er, in die Nähe des Diktators zu kommen. Nach ein paar Wochen wurde er verhaftet – nicht wegen des versuchten Attentats, sondern als Schwarzfahrer. Als Ausländer wurde er der Gestapo übergeben. In einem Geheimprozess kurz vor Weihnachten 1939 gestand er die Attentatspläne.

Die Schweizer Gesandtschaft in Berlin unter Hans Frölicher setzte sich kaum für den inhaftierten Bavaud ein. In einem Schreiben nach Bern bezeichnete Frölicher den Attentatsversuch als «verabscheuungswürdig» und lehnte es ab, Bavaud im Gefängnis zu besuchen. Der SP-Bundesrat René Felber hielt 1989 in einem Brief an die Familie Bavaud fest: «Untersuchungen eines unserer Historiker (. . .) lassen einen bitteren Nachgeschmack über die Unterlassungen der damaligen Behörden aufkommen, und ich glaube, es ist wichtig und heilsam, dies klar zu sagen.»

Als Gefahr für den Katholizismus gesehen

Die Thesen über Bavauds Motive stützen sich vor allem auf die wenigen verfügbaren Gerichtsprotokolle und die spärlichen Aussagen in den Prozessen. Er habe Hitler ermorden wollen, weil er ihn ihm eine Gefahr für die Menschheit, die Schweiz und den Katholizismus gesehen habe, soll er im Prozess gesagt haben. Wie verlässlich diese Quellen sind, bleibt offen.

In seiner Antwort auf die Anfrage von Paul Rechsteiner schrieb der Bundesrat 1998: «Maurice Bavaud hat möglicherweise geahnt, welches Verhängnis Hitler über die Welt und natürlich über Europa bringen würde. Er gehört zum Kreis jener Personen, welche – leider vergeblich – versucht haben, dieses Unheil zu verhindern. Dafür verdient er Anerkennung und einen Platz in unserem Gedächtnis.»

Die Gedenktafel in Neuenburg ist der vorläufig letzte Versuch, einen Erinnerungsprozess in Gang zu halten, der immer wieder ins Stocken gerät.

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