Das Ziel ist, dass es zu deutlich mehr Verurteilungen kommt, damit Täter abgeschreckt werden.
Sexualdelikte wie Vergewaltigungen bleiben viel zu oft ungeahndet, Fälle von häuslicher Gewalt ebenso. Darin ist sich die Politik von links bis rechts einig. Nur in einem Bruchteil der Taten wird überhaupt Anzeige erhoben. Verurteilungen sind noch seltener, weil meist Beweise fehlen und es keine Zeugen gibt.
Der Kanton Zürich ist nun einen Schritt vorangekommen, diesem Missstand etwas entgegenzusetzen. Seit einem Jahr sind hier probehalber sogenannte Forensic Nurses im Einsatz, auf Spurensicherung spezialisierte Pflegefachkräfte. Die Resultate sind «sehr positiv», wie die Zürcher Regierungspräsidentin Natalie Rickli (SVP) anlässlich einer Zwischenbilanz sagte.
In knapp zweihundert Fällen ist dieser Dienst bisher ausgerückt, und in 21 Fällen kam es aufgrund der gesicherten Beweismittel nachträglich zu einer Anzeige. Zum Vergleich: In den 13 Jahren zuvor geschah dies nur ein einziges Mal.
Das Problem bei Straftaten wie Vergewaltigungen ist, dass eine routinemässige forensische Beweissicherung bislang nur dann vorgenommen wurde, wenn das Opfer bereit war, die Polizei einzuschalten. Dies hatte aber zur Folge, dass es zur Einvernahme auf den Polizeiposten gehen musste, was von vielen als Tortur in einer ohnehin schon schlimmen Situation empfunden wurde.
Es gab zwar schon bisher eine Möglichkeit, auch ohne Strafanzeige Beweismittel wie DNA-Abstriche oder Blutproben zu sichern. Dazu stellte das Institut für Rechtsmedizin den Spitälern eine Art Werkzeugkoffer zur Verfügung. Eine Gynäkologin des Universitätsspitals erklärte aber anlässlich der Zwischenbilanz, dass das medizinische Personal mit dieser Aufgabe zum Teil überfordert gewesen sei – und unsicher, ob es korrekt arbeite.
Die Forensic Nurses hingegen sind Profis, die sich rund um die Uhr bereithalten, um bei Bedarf in die Zürcher Notfallstationen auszurücken. Die Beweise, die sie gesichert haben, werden während 15 Jahren aufbewahrt, falls sich ein Opfer nachträglich doch noch zu einer Anzeige entscheidet. Bisher wurden sie nach einem Jahr entsorgt.
Auch Männer sind unter den Opfern, in jedem sechsten Fall
Bei den knapp zweihundert Einsätzen im ersten Jahr ging es zu gleichen Teilen um Sexualdelikte und um häusliche Gewalt. In mehr als der Hälfte aller Fälle handelte es sich bei den Opfern um Frauen im Alter von 16 bis 35 Jahren. Drei Dutzend Mal waren die Opfer Kinder und Jugendliche unter 15 Jahren. Und was laut den Fachleuten oft vergessen geht: Es gibt auch männliche Opfer, in einem von sechs Fällen.
Die Mitglieder der Zürcher Regierung, die gleich zu viert zur Zwischenbilanz angetreten sind, um dem Thema Gewicht zu verleihen, sind sich einig darin, dass eine Erhöhung der Anzeigen unter anderem deshalb wichtig ist, weil dies eine abschreckende Wirkung auf die Täter hat.
Bildungsdirektorin Silvia Steiner (Mitte), in ihrer früheren Karriere Staatsanwältin, verlieh der Hoffnung Ausdruck, dass es aufgrund der gesicherten Spuren zu mehr Verurteilungen komme. Nicht nur zur Abschreckung, sondern auch, weil dies für Opfer einen gewissen Ausgleich der Unrechts bedeute, dass sie erlitten hätten.
Alle sind sich einig, dass allein mit den Forensic Nurses das Problem nicht gelöst ist. «Es gibt noch viel mehr zu tun», sagte Sicherheitsdirektor Mario Fehr (parteilos). Die Polizei rücke jeden Tag über zwanzig Mal wegen häuslicher Gewalt aus, und die Zahl der Sexualdelikte nehme zu.
Von den linken Parteien, der GLP und der EVP wird gefordert, dass der Kanton Zürich noch weiter gehen müsse. Er solle zusätzlich zwei fixe Krisenzentren für die Opfer von sexueller und häuslicher Gewalt einrichten.
Eine Forensic Nurse mit jahrzehntelanger Erfahrung auf dem Notfall hielt jedoch dagegen, diese Idee gehe von falschen Annahmen aus. «Die Opfer kommen nicht vorbei und sagen direkt, dass sie von Gewalt betroffen seien – die erzählen Ihnen etwas ganz anderes.» Deshalb sei es erfolgversprechender, auf den herkömmlichen Notfallstationen Leute zu haben, die merken, wenn ein Verletzungsmuster nicht zur Geschichte passt.
Sie gab ein Beispiel: Eine Frau mit Schmerzen habe erzählt, sie habe sich den Arm verdreht. Auf die Nachfrage, wie das passiert sei, habe sie gesagt, dass sie ihn in die Waschmaschine gehalten habe. In diesem Moment müsse man nicht nur realisieren, dass dies unmöglich sei, weil sich eine Maschine nur bei geschlossener Tür dreht, sondern auch entsprechend handeln.
Silvia Steiner und Justizdirektorin Jacqueline Fehr (SP) halten es für entscheidend, dass die Gesellschaft Gewalt gegen Frauen – und Gewalt generell – konsequent ächte. Diesbezüglich habe sich zwar innert einer Generationen viel getan, so ist etwa Vergewaltigung in der Ehe seit 1992 strafbar. Aber was sich nicht geändert habe, sei der Umstand, dass der Täter in vielen Fällen der Vater der eigenen Kinder und der Ernährer ist.
Man müsse die Opfer deshalb darin unterstützen, den Weg vermehrt ganz zu Ende zu gehen, bis hin zu einem Gerichtsprozess. Auch wenn dieser Weg alles andere als einfach sei.