Der Schriftsteller, dessen Leben in einmaliger Weise Literatur, Politik und Diplomatie verband, ist im Raume des versunkenen Jugoslawien eine Jahrhundertfigur.

Er war der erste – und einzige – Nobelpreisträger seines Landes, das heute nicht mehr existiert. Die Sprache, in der er schrieb, trägt heute vier verschiedene Namen. Ivo Andrić wurde 1892 im bosnischen Travnik als Sohn einer kroatischen katholischen Familie geboren. Als Gymnasiast in Sarajevo engagierte er sich politisch, er war Vorsitzender der «Serbisch-Kroatischen Fortschrittlichen Jugend», die der jugoslawischen Idee verpflichtet war, die einen gemeinsamen Staat der Südslawen zum Ziel hatte. Einige der an dem Attentat, dem am 28. Juni 1914 in Sarajevo der österreichisch-ungarische Thronfolger Franz Ferdinand zum Opfer fiel, Beteiligten kannte er persönlich, so auch den zwei Jahre jüngeren Gavrilo Princip, der die tödlichen Schüsse abgab.

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Als 1918 der Erste Weltkrieg endete, wurde der südslawische Staat als «Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen» (ab 1929 Jugoslawien) Wirklichkeit. 1920 trat Andrić in dessen diplomatischen Dienst ein, der ihn nach Rom, Bukarest, Triest, Graz, Marseille, Madrid und Brüssel führte. 1937 avancierte er zum stellvertretenden Aussenminister, im April 1939 übernahm er den Botschafterposten in Berlin.

Später sollte es sich für ihn als Glücksfall erweisen, dass die jugoslawische Regierung ihn von den Verhandlungen ausschloss, die im März 1941 zum Beitritt Jugoslawiens zum Drei-Mächte-Pakt (Deutschland, Italien, Japan) führten. Ein Putsch anglophiler Offiziere in Belgrad kurz danach löste den Angriff Deutschlands auf Jugoslawien aus; das Land wurde zerschlagen und besetzt.

Schreiben als Überlebensstrategie

Ein erster literarischer Text von Ivo Andrić war 1911 in einer bosnischen Zeitschrift erschienen, 1918 dann sein erstes Buch («Ex Ponto»). Bis 1936 folgten drei Sammelbände mit Erzählungen.

Inmitten der über das Land hereingebrochenen Katastrophe war dem nach kurzer Internierung nach Belgrad zurückgekehrten Schriftsteller nun die Zeit beschieden, die er als Diplomat nicht gefunden hatte. Manchmal verliess er drei Wochen lang das Haus nicht, das Schreiben diente ihm als Überlebensstrategie in einer Zeit, in der die Zukunft völlig ungewiss war.

Nun entstanden in Belgrad von Juni 1941 bis Oktober 1944, als Belgrad von der deutschen Besetzung befreit wurde, die drei Romane, die seinen Weltruhm begründen sollten: «Wesire und Konsuln», «Die Brücke über die Drina» und «Das Fräulein». Sie spielen an den Orten, an denen er die ersten zwanzig Jahre seines Lebens verbracht hatte: Travnik, sein eher zufälliger Geburtsort, Višegrad, der Ort seiner Kindheit, und Sarajevo, wo er seine Jugendjahre verbrachte. Für die beiden ersten Werke, die er als Chroniken bezeichnete, hatte er in den Jahren zuvor in Archiven Material gesammelt.

Am Ende des Krieges lag die Macht in den Händen der Kommunistischen Partei unter Josip Broz Tito. Ivo Andrić, obwohl hochrangiger Vertreter des alten Regimes, kam zugute, dass er in keiner Weise mit den Besetzern kollaboriert hatte. Die neuen Machthaber wiederum hatten ein Interesse daran, den renommierten Schriftsteller auf ihre Seite zu ziehen. Jedenfalls fand Andrić relativ rasch den Übergang in die neue Zeit. Bereits 1945 konnten die drei Romane erscheinen. 1946 wurde er zum Vorsitzenden des jugoslawischen Schriftstellerverbands gewählt.

In den fünfziger Jahren wurde sein literarisches Werk durch Übersetzungen auch ausserhalb des Landes bekannt und stiess auf vorwiegend positive Kritik. So verwundert es nicht, dass sein Name 1958 erstmals unter den Nominierungen für den Literaturnobelpreis zu finden war. Die Entscheidung der Stockholmer Akademie zu seinen Gunsten fiel dann schliesslich 1961.

Ivo Andrić war der erste Preisträger nicht nur Jugoslawiens, sondern auch Südosteuropas überhaupt. Lediglich drei weiteren Autoren aus dieser Region wurde in der Folge diese Ehre zuteil, den beiden griechischen Lyrikern Giorgos Seferis und Odysseas Elytis sowie dem türkischen Romancier Orhan Pamuk, der sich selbst explizit in die Tradition Andrićs stellte. Anders als Pamuk war Ivo Andrić jedoch kein Freund formaler Experimente, sondern ein eher traditioneller Erzähler, der nicht unwesentlich von der für Bosnien typischen mündlichen Tradition beeinflusst war.

Hellhörig und aufmerksam

Als er vor fünfzig Jahren, am 13. März 1975, starb, stand Ivo Andrić auf der Höhe seines Ruhms und seines Ansehens. Jugoslawien schien noch nicht in seiner Existenz bedroht. Hellhörig und aufmerksam, wie er war, hatte er zu Lebzeiten im Gespräch mit engen Freunden Sorgen um den Fortbestand des Landes geäussert. Selbst ein schlechtes Jugoslawien erschien ihm allemal besser als gar kein Jugoslawien. Die grössten Gefahren sah er im kroatischen und serbischen Nationalismus.

Als er 1992 100 Jahre alt geworden wäre, war er bereits zwischen die Fronten geraten. Im zerfallenden Jugoslawien war an ein gemeinsames Gedenken von Kroaten, Serben und bosnischen Muslimen nicht mehr zu denken. Vonseiten der Letztgenannten wurden ihm Hass auf den Islam und eine negative Darstellung der Muslime vorgeworfen. In Kroatien säuberten nationalistische Aktivisten Schul- und öffentliche Bibliotheken von Büchern Andrićs und anderer projugoslawischer Autoren. Die bosnischen Serben wiederum liessen eine seiner Erzählungen an ausländische Diplomaten verteilen, um sie davon zu überzeugen, dass der Hass und die daraus resultierende Gewalt ein unveränderlicher Bestandteil der bosnischen Mentalität und Geschichte seien.

Bis heute ist man in Serbien, Bosnien und Kroatien vornehmlich auf Aspekte fixiert, die wenig oder gar nichts mit seinem literarischen Werk zu tun haben. In Serbien beansprucht man ihn, ungeachtet seiner Herkunft, ausschliesslich für sich und betrachtet ihn als serbischen Schriftsteller.

Seit den neunziger Jahren wurde er immer mehr zu einem politischen Symbol von grosser Bedeutung für die serbische Identität. Emir Kusturica, der vom bosnischen Muslim zum serbischen Nationalisten mutierte Regisseur, errichtete bei Višegrad die Phantasiestadt Andrićgrad, die als Kulisse für die von ihm geplante Verfilmung der «Brücke über die Drina» dienen soll. 2024 strahlte das staatliche Fernsehen RTS, gewissermassen als Einstimmung zum bevorstehenden 50. Todestag, eine achtteilige Serie über sein Leben aus. Aussenminister Djurić legte am Todestag einen Kranz am Grab nieder.

In Bosnien dient Andrić im Unterricht für die bosniakischen Schüler – die Klassen sind dort ethnisch getrennt – als Popanz, der den Islam und die Muslime gehasst habe. Radio Sarajevo betonte demgegenüber anlässlich des 50. Todestags seine Verbundenheit mit Bosnien und erinnerte daran, dass er seinerzeit das Nobelpreisgeld für den Ausbau des bosnischen Bibliothekswesens in Bosnien gestiftet hatte.

In Kroatien, wo anlässlich des Todestags meist wohlwollend an Ivo Andrić erinnert wurde, überwiegt mittlerweile die Tendenz, ihn wegen seiner Herkunft für sich zu beanspruchen. Dass er in seinen jungen Jahren von der katholischen Kultur geprägt wurde und sich dies auch in seinem Werk niederschlug, ist unübersehbar, ebenso die Rolle, die darin die bosnischen Franziskanermönche spielen.

Allerdings nimmt man ihm übel, dass er, nachdem er anfangs die (in Bosnien wie auch Kroatien gebräuchliche) ijekavische Variante des Serbokroatischen benutzt hatte, später die (in Serbien übliche) ekavische Form übernahm. Seine literarische Sprache passte sich jedoch stets an die jeweils sprechende Figur an, das Ijekavische diente ihm weiterhin als Stilmittel, desgleichen die zahlreichen Turzismen, die kennzeichnend für die Muslime sind.

Mikrokosmos Bosnien

Der aus Sarajevo stammende kroatische Schriftsteller Miljenko Jergović fand die wohl treffendste Charakterisierung: «Andrić war ein jugoslawischer Schriftsteller serbokroatischer Sprache, nach Geburt, Herkunft und literarischem Interesse aus Bosnien stammend.»

In Bosnien sind die meisten seiner Werke angesiedelt. Als literarische Landschaft war es seine Schöpfung, vergleichbar dem Galizien des fast gleichaltrigen Joseph Roth. Die Vorwürfe, er sei gegenüber den bosnischen Muslimen voreingenommen gewesen, finden in seinem Werk keinen Rückhalt. Darauf wies auch immer wieder der gleichfalls aus Bosnien stammende, mehr als zwei Generationen jüngere bosniakische Schriftsteller Dževad Karahasan hin, dessen Werk auch Andrić verpflichtet ist. Letztlich hob er keine der in Bosnien lebenden Volksgruppen – Kroaten, Serben, Bosniaken, Juden – negativ oder positiv hervor.

Selbst seine einstige Ablehnung der österreichisch-ungarischen Monarchie spiegelt sich in seinem Werk nicht wider. Ivo Andrić thematisiert zweifellos die Konflikte zwischen den religiös-ethnischen Gruppen, immer neu kehrt aber das diese verbindende Brückenmotiv wieder. Bosnien ist für ihn der Mikrokosmos, wo wesentliche Elemente der Conditio humana sichtbar werden.

Ivo Andrić war nicht nur ein jugoslawischer, sondern ein europäischer Autor, und sein Werk ist Weltliteratur im besten Sinne. Die bleibende Bedeutung eines literarischen Werks lasse sich frühestens fünfzig Jahre nach dem Tod seines Autors erkennen, meinte Andrić einmal. Diesen Test hat das Werk des meistübersetzten jugoslawischen Autors gewiss bestanden.

Ekkehard Kraft ist Historiker und lebt in Dossenheim in Baden-Württemberg.

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