Sie wollen ein Ende des Kriegs – und einige auch ein Ende der Hamas-Herrschaft. Die palästinensischen Demonstranten könnten für die Islamisten im Gazastreifen eine ernstere Bedrohung werden als alle Bomben aus Israel.
Schreiende Menschen versammeln sich mitten in der Nacht vor einem Wohnhaus in Beit Lahia. Ein paar Männer tragen staubbedeckte Verwundete aus dem Gebäude. Wenige Minuten zuvor ist dort eine israelische Rakete eingeschlagen und hat eine klaffende Lücke zurückgelassen. Das zeigen Videos aus der Kleinstadt im nahezu vollständig zerstörten Norden des Gazastreifens am Montagabend.
Ähnliche Szenen haben sich in den vergangenen achtzehn Monaten schon Tausende Male in Gaza abgespielt. Doch was am nächsten Tag geschah, hatte es bis dahin noch nie gegeben: Die Menschen von Beit Lahia versammelten sich zu Hunderten auf den Strassen der Stadt. Sie forderten ein Ende des Kriegs und verfluchten die Islamisten der Hamas, die den Gazastreifen seit 2007 mit eiserner Hand regieren. Seither dauern die Proteste an.
«Wir sind heute hier, um ein Ende des Kriegs und ein Ende der Hamas-Herrschaft zu fordern», sagt die 37-jährige Khawla al-Masri. Die Mutter von fünf Kindern ist am Donnerstagnachmittag erneut im weitgehend zerstörten Zentrum von Beit Lahia mit rund zweihundert anderen Menschen auf die Strasse gegangen. Immer wieder rufen die Protestierenden: «Raus, Raus, Raus! Hamas, tritt ab und beende den Kampf!» Am Donnerstag sind weniger Menschen gekommen als zu Beginn der Woche. In den ersten Tagen hätten noch um die tausend Menschen demonstriert, berichten Augenzeugen.
Die Menschen in Beit Lahia forderten ein Ende des Blutvergiessens, geöffnete Grenzübergänge, neue Hilfslieferungen sowie die Erlaubnis, Verletzte im Ausland behandeln zu können, sagt Masri. Trotz der kleineren Teilnehmerzahl ist sie zuversichtlich: «Die gesamte Bevölkerung ist gegen die Hamas-Herrschaft auf die Strasse gegangen», behauptet sie.
Eine der grössten Herausforderungen für die Hamas
Im Verlauf der Woche breiteten sich die Proteste von Beit Lahia und Jabalia im Norden auf Teile der Stadt Gaza, Deir al-Balah im Zentrum sowie Khan Yunis im Süden des Küstenstreifens aus. Die Demonstrationen sind offenbar weder koordiniert noch von einer Führungsperson angeleitet. Bis jetzt sind wohl insgesamt nur einige hundert oder tausend der zwei Millionen Einwohner des Gazastreifens an den Protesten beteiligt – dennoch sind die wütenden Palästinenser auf der Strasse eine der grössten Herausforderungen für die Hamas seit dem Kriegsbeginn am 7. Oktober.
Khawla al-Masri gibt sich unerschrocken. «Die Zukunft meiner fünf Kinder ist hinüber – ich werde nicht in Gaza bleiben, wenn die Hamas die Kontrolle ausübt. Entweder die Hamas oder wir.»
Ihre Heimatstadt Beit Lahia sei wegen der Zerstörung komplett unbewohnbar. Seit Wiederausbruch des Kriegs sei die Situation unerträglich geworden. Sie und ihre fünf Kinder lebten nur von Hilfslieferungen, Wasser erhalte sie von Transportern, die manchmal durch die Strassen fahren. Lebensmittel auf dem Markt könne sie sich wegen der hohen Preise nicht leisten. Das Leben in den Zelten, die Trümmer und das Wasserschleppen habe sie langsam akzeptiert. «Doch jetzt ist der Krieg zurückgekehrt und zehrt an dem bisschen Energie, das wir noch hatten.»
Die Verzweiflung und das nie enden wollende Leid treiben die Menschen in Beit Lahia auf die Strasse – die Hamas sehen einige vor allem als ein Hindernis für ein baldiges Kriegsende. Einer der Organisatoren der Proteste betont denn auch, dass diese sich vor allem gegen den Krieg richteten und nicht gegen den «Widerstand», also die Hamas.
«Wir sind müde», sagt Hassan Saad, der ebenfalls protestiert. Der 38-Jährige mit dem Dreitagebart will nicht fotografiert werden. Auslöser für die Proteste in Beit Lahia seien die vielen Toten durch die Bombardierungen und die neuerlichen israelischen Evakuierungsbefehle gewesen. «Wir haben nicht mehr die Kraft, von einem Ort zum anderen vertrieben zu werden», sagt er.
Die 13-jährige Rahaf al-Zanon musste mit ihrer Familie seit Kriegsbeginn bereits achtmal fliehen. Nach der Waffenruhe konnte sie wieder in den Norden des Gazastreifens zurückkehren. Jetzt lebt sie mit ihren Angehörigen in einem Zelt in Beit Lahia, das Familienhaus ist zerstört. «Ich habe meine Kindheit verloren», sagt das Mädchen. Sie sei heute bei den Protesten, weil sie der Welt etwas mitteilen wolle: «Stoppt den Krieg! Ich will wieder zur Schule gehen und eine gesunde Mahlzeit essen dürfen.»
Die Hamas wird nicht zögern, Gewalt anzuwenden
Die Hamas hält sich derweil bedeckt und lässt die Demonstranten gewähren. Bisher hat sie sich dagegen entschieden, die Proteste gewaltsam niederzuschlagen. Am Donnerstag veröffentlichte die Terrororganisation jedoch eine wenig versteckte Drohung.
In einer Erklärung der «Fraktionen des Widerstands», einer Dachorganisation verschiedener militanter Palästinenserorganisationen, hiess es an die Anführer der «verdächtigen Bewegung» gerichtet: «Sie geben weiterhin dem Widerstand die Schuld und entbinden die Besetzung von jeder Verantwortung.» Die Protestierenden seien daher ebenso wie die «Besetzung» – also die Israeli – für das am palästinensischen Volk begangene Blutvergiessen verantwortlich. Sie würden «entsprechend behandelt» werden.
In der Vergangenheit ging die Hamas unzimperlich mit Widerstand gegen ihre autoritäre Herrschaft um. Hilfsorganisationen und geflohene Palästinenser berichten von Kritikern der Islamisten, die gefoltert oder getötet wurden. Menschen vor Ort in Beit Lahia schildern, dass Hamas-Mitglieder die Proteste aus der Distanz beobachteten, aber nicht einschreiten würden. Es kursierten Gerüchte, dass die Islamisten eingreifen würden, falls zu viele Menschen auf die Strasse gingen. Weshalb die Terrororganisation noch nichts gegen die Demonstrationen unternommen hat, ist unklar.
«Wenn die Hamas merkt, dass sie einer existenziellen Bedrohung gegenübersteht, wird sie nicht zögern, Gaza in Blut zu ertränken», sagt der israelische Sicherheitsexperte Michael Milshtein im Gespräch. Noch seien die Proteste aber klein und vor allem auf die Gebiete im Norden konzentriert, wo die Terrororganisation stark geschwächt sei, sagt der ehemalige Leiter der Palästinenserabteilung des israelischen Militärgeheimdiensts. «Für die Hamas sind diese erstmaligen Proteste gefährlich, doch ein unmittelbarer Kollaps ihrer Herrschaft steht noch nicht bevor.»
Während die Hamas die Proteste blutig niederschlagen könnte, gehen die israelischen Bombardierungen weiter. Eine grössere Bodenoffensive steht bis jetzt aus. Wie lange noch, ist fraglich: Die Pläne für militärische Operationen mit «voller Kraft» sind laut Verteidigungsminister Israel Katz bereits genehmigt. Beit Lahia wäre wahrscheinlich eines der ersten Ziele.