Freitag, Oktober 18

Charles Martig verlässt das katholische Medienportal Kath.ch per Ende Monat. In seiner Abschiedsrede kritisiert er die Schweizer Bischofskonferenz. Und sagt, dass ihm die Kirche völlig fremd geworden sei.

Die katholische Kirche wird jüngster Zeit oft kritisiert. Im vergangenen Jahr vor allem aufgrund der neu aufgedeckten Fälle von Missbrauch an Kindern. Dass Kritik jedoch aus dem direkten Umfeld der Kirche kommt, ist selten.

Nun aber hat der abtretende Chefredaktor des einflussreichen katholischen Medienportals Kath.ch die Schweizer Bischöfe besonders deutlich kritisiert und gar deren Rücktritt gefordert. Charles Martig sagte am Dienstag in seiner Abschiedsrede: «Die Rücktrittforderung an alle Bischöfe der Schweiz ist berechtigt. Sie haben sich als unfähig erwiesen, die Kirche durch die Krise zu führen.»

Martig Verweis auf das Lied «Losing my Religion» von R.E.M (Ich bin daran, meine Religion zu verlieren). Das Lied habe er seit vergangenem Herbst häufig gehört, weil der Text seinen Gefühlen entspreche. Martig hatte im November 2023 seinen Rücktritt als Direktor und Chefredaktor verkündet.

Als Grund nannte er den Umgang der Schweizer Bischofskonferenz mit dem Missbrauch-Skandal in der katholischen Kirche. «Gab es bis vor zwei Jahren noch eine leise Hoffnung, dass diese römisch-katholische Kirche sich retten kann, so ist mir dieser Funke vollständig abhandengekommen», sagte er in seiner Rede.

Die Rücktrittsforderung von Charles Martig ist ein weiteres Kapitel im Zerwürfnis zwischen dem katholischen Medienportal und den Bischöfen. Was ist da los?

Missbrauch in der Kirche

Charles Martig ist seit 2015 in leitender Funktion bei Kath.ch. Erst im vergangenen Jahr wurde er Chefredaktor. Der Zweck von Kath.ch ist es, mit unabhängigem katholischem Journalismus die Kirche sichtbarer machen. Fakt ist, dass der Trägerverein Katholisches Medienzentrum die publizistischen Linien von Kath.ch selbst bestimmt. Die Schweizer Bischofskonferenz (SBK) und die Römisch-Katholische Zentralkonferenz (RKZ) sind für den Leistungsauftrag verantwortlich.

Doch die Bischofskonferenz misch sich immer wieder in die Berichterstattung ein. Vor allem dann, wenn das Medienportal kritisch über die katholische Kirche berichtet. Und im Herbst 2023 war die Kritik besonders heftig.

Im September 2023 hatten Historikerinnen an der Universität Zürich zu sexuellem Missbrauch in der katholischen Kirche veröffentlicht. In der Untersuchung stiessen sie auf 1002 Missbrauchsfälle – das sind deutlich mehr, als die Kirche bisher vermutete.

Auch das Medienportal Kath.ch berichtete über das Thema. So intensiv wie nie zuvor, sagt Martig. Das sei die Aufgabe des Portals. Zudem sei es wichtig, dass über strukturelle Probleme in der katholischen Kirche öffentlich diskutiert werde. Denn er merke, dass viele innerhalb der Kirche verunsichert und verängstigt seien. Sie getrauten sich nicht, die Probleme offen anzusprechen.

Die Stimmung zwischen den Redaktorinnen und Redaktoren und der Schweizer Bischofskonferenz war bereits vor dem vergangenen Herbst schlecht. Denn bei der Bischofskonferenz gibt es laut Martig wenig Verständnis für unabhängigen und kritischen Journalismus.

Es komme immer wieder vor, dass Entscheidungsträger der Kirche versuchen, die Berichterstattung zu beeinflussen, sagt Martig. Bereits im Jahr 2018 habe der Bischof für Lausanne, Genf und Fribourg, Alain de Raemy, am Rande einer Sitzung gefragt, warum das Medienportal so oft über Missbrauch in der Kirche berichte. Die Jugendlichen, mit denen er zu tun habe, würden sich für dieses Thema nicht interessieren.

Charles Martig sagt, er sei vor allem wegen der Unfähigkeit der Verantwortungsträger mit den Missbrauchsfällen zurückgetreten. Die Erkenntnisse aus der Studie hätten ihn sehr belastet. Zudem hätten die Bischöfe zu zurückhaltend kommuniziert und bisher kaum gehandelt.

Ein Rücktrittsangebot der Bischöfe an den Papst, sagt Martig, wäre ein starkes Signal. Es würde zeigen, dass sich die Bischöfe der Bedeutung der Krise und ihrer eigenen Verantwortung bewusst seien. Ein Sprecher der Schweizer Bischofskonferenz schreibt auf Anfrage, dass es sich bei der Rücktrittsforderung um eine persönliche Aussage Martigs handle. Die SBK habe die Rede von Martig zur Kenntnis genommen, werde sie jedoch nicht öffentlich kommentieren.

Noch keine Nachfolge bestimmt

Im Frühjahr 2023 missfiel der Bischofskonferenz eine Artikelserie über Marien-Dogmen der Redaktorin Annalena Müller. Sie recherchierte, wie die Jungfrau zum Kind kam. Und woher das Dogma, dass Maria ohne Geschlechtsakt schwanger wurde, überhaupt kommt. Müller schreibt, es gebe weder biologisch-medizinisch noch historisch-kulturell Argumente für die Jungfrauengeburt.

Konservative Katholiken der rechtskatholischen Bewegung «Pro Ecclesia» starteten eine Petition. Die Artikel seien eine «eine Schmähung der Gottesmutter» und verletzte jeden gläubigen Katholiken in seinen religiösen Gefühlen.

Die Bischofskonferenz übernahm in einer Mitteilung vom Juni 2023 die Wortwahl von «Pro Ecclesia» und schrieb, die Artikel «würden Gläubige verletzen und führen zu Unverständnis und Wut». Die Bischöfe und Territorialäbte seien zudem seit längerem über die Berichterstattung des Portals besorgt.

Die Römisch-Katholische Zentralkonferenz (RKZ) sagte damals, dass vom Medienportal zwar eine gewisse Loyalität verlangt werde, es habe jedoch auch den Auftrag, journalistisch unabhängig zu sein. Mit den Artikeln über die Jungfrau Maria und die Missbrauchsskandale sei das Medienportal dem Auftrag gerecht geworden.

Die Berichterstattung hat trotzdem Konsequenzen. Annalena Müller hätte ab April die Nachfolge von Charles Martig antreten sollen. Müller betreute auch das Missbrauchsdossier. Doch der Weihbischof von Basel, Josef Stübi, hat gegen Müllers Wahl Anfang März sein Veto eingelegt.

Charles Martig tritt per Ende März ab. Wer die Nachfolge im Katholischen Medienzentrum antreten wird, ist noch offen.

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