Donnerstag, Februar 27

Donald Trumps neuer FBI-Direktor sei eine problematische Wahl, sagt die Yale-Historikerin Beverly Gage. Sie hat einen seiner Vorgänger porträtiert, der zur Gefahr wurde: J. Edgar Hoover.

Das ist keinem amerikanischen Präsidenten seit Richard Nixon widerfahren: dass das Federal Bureau of Investigation (FBI) von ihm abrückte. So geschehen während Donald Trumps erster Amtszeit, als Leute des Inlandgeheimdienstes sich immer deutlicher von ihrem Präsidenten distanzierten. Und wegen seiner Kontakte mit Russland und später nach dem Sturm auf das Kapitol gegen ihn ermittelten.

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Trump hat schon im Wahlkampf Rache als ein Motiv seiner Wiederkandidatur genannt. Er warnte: Das FBI-Personal werde auf seine Loyalität ihm gegenüber geprüft werden. Ausserdem werde es gegen seine Feinde ermitteln müssen.

Das hat Kash Patel nun vor, der von Trump nominierte und vergangene Woche vom Kongress knapp bestätigte neue FBI-Direktor. Patel, der seit Jahren im Auftrag von Trump lobbyiert, bezeichnet das Bureau als «Deep State», einen Schattenstaat im Kampf gegen Amerika. Am liebsten hätte er es abgeschafft. Zumindest wird er es dezentralisieren wollen und dafür sorgen, dass es nicht mehr gegen die eigene Regierung ermitteln darf.

Beverly Gage lehrt als Professorin für neue amerikanische Geschichte an der Yale-Universität. Und findet die Wahl von Kash Patel alarmierend. Denn der Neue werde das Bureau auf eine Weise politisieren, sagt sie im Gespräch, wie es der erste eigentliche FBI-Direktor J. Edgar Hoover niemals getan habe. Dieser hatte vor hundert Jahren den Vorläufer des FBI übernommen und zu einer mächtigen Organisation ausgebaut.

Über zehn Jahre Recherche

Dass die Historikerin so eindringlich vor Kash Patel warnt, hat insofern mit J. Edgar Hoover zu tun, als sie in über zehn Jahren Arbeit eine fast 900 Seiten umfassende Biografie über ihn geschrieben hat. Ihr Buch über den Beamten, der fast ein halbes Jahrhundert Amerika überwachte, orientiert sich an den Fakten über eine umstrittene Gestalt. Und erzählt deren Leben in einer eleganten Sprache. Beverly Gage kombiniert Sachlichkeit mit Swing. Für ihr Buch erhielt sie 2023 den Pulitzerpreis.

Einen entscheidenden Unterschied zwischen Kash Patel und Edgar Hoover sieht sie in deren Einstellung zum Staat. Obwohl Hoover radikal konservativ dachte und ein offener Rassist war, wollte er das Bureau schon aus taktischen Gründen so neutral wie möglich halten – als «nonpartisan organization», die für beide Parteien ansprechbar bleiben sollte. Hoover kam auch mit allen acht Präsidenten aus, unter denen er diente, vier Republikanern und vier Demokraten. Mit zweien führte er eine enge Freundschaft, dem Demokraten Lyndon B. Johnson und dem Republikaner Richard Nixon.

Kash Patel dagegen hat in seinen Stellungnahmen keinen Zweifel daran gelassen, dass er das FBI zu einer republikanischen Kampftruppe formen will. «Müsste ich zwischen den beiden Männern wählen», sagt Beverly Gage, «würde ich Edgar Hoovers Professionalität dem Vorgehen von Kash Patel vorziehen, der das Bureau zu einem Werkzeug seines Präsidenten und von dessen Partei machen wird».

Immerhin beschränkte der Kongress die Amtsdauer eines FBI-Direktors auf zehn Jahre. Das Parlament war von J. Edgar Hoovers Beispiel abgeschreckt. Der hatte in seiner langen Amtszeit eine solche Macht und so viele belastende Dokumente akkumuliert, dass er selbst den Präsidenten unheimlich wurde. Nicht einmal Nixon wagte es, seinen Freund und Gesinnungsfreund abzusetzen. Den Watergate-Skandal hat Hoover nicht mehr erlebt, er starb 1972 mit 77 Jahren im Amt. Als der wohl mächtigste Beamte, den Amerika je gekannt hatte.

Klaffende Widersprüche

Was an diesem Überwacher Amerikas am meisten überrascht: die Widersprüche, die er in sich vereinte. Hoover war homosexuell und machte seinen Freund und Liebhaber Clyde Tolson zum Stellvertreter. Zugleich liess er Homosexuelle in wichtigen Positionen überwachen, weil er sie für erpressbar hielt.

Er gehörte keiner Partei an, dachte aber reaktionär und hasste Kommunisten mit einer Intensität, die wahnhafte Züge annehmen konnte. Gleichzeitig konnte er den Senator Joseph McCarthy nicht ausstehen, der seine Kommunistenhatz auf Intellektuelle, Künstler und sonst alle ausweitete, die sich links von ihm bewegten. Hoover fand ihn unstet und ausfällig, einen unkontrollierbaren Alkoholiker.

Und weil Edgar Hoover Kontrolle über alles stellte, selbst über seine rassistischen Ansichten, verfolgte er nicht nur weisse und schwarze Bürgerrechtskämpfer, sondern liess auch den Ku-Klux-Klan infiltrieren, wenn auch niemals mit derselben Konsequenz. J. Edgar Hoover habe sein Amt nach seiner Person ausgerichtet, schreibt Beverly Gage. Was meint sie damit? «Hoover verstand sich als Diener des Staates. Zugleich betrieb er seine Dienste im Sinne seiner konservativen, rassistischen und rechtlichen Überzeugungen.» Beides habe er auf das FBI übertragen. «Ausserdem stellte er viele Leute an, die so dachten wie er.»

«Wir wollen keine Gestapo»

Dabei hatte sich der Jurist Hoover, der in Washington geboren wurde und dort sein ganzes Leben verbrachte, als Reformer verstanden. Als er nach schnellem Aufstieg die Leitung des Amtes übernahm, war es personell unterdotiert und nicht einmal mit den regionalen Polizeistellen vernetzt. Die Beamten ermittelten ohne Waffe, kriminalistische Methoden waren unbekannt. Die Detektive durften Verdächtige nicht einmal über die Grenze eines Gliedstaats verfolgen.

Wie in der Schweiz war das Misstrauen gegen eine bundesweite, mit besonderen Befugnissen betraute Polizei in Amerika gross. «Wir wollen keine Gestapo», notierte Harry Truman in sein Tagebuch, der nach dem Tod von Franklin D. Roosevelt vom Vize zum Präsidenten aufgerückt war. Das war kurz vor dem Ende des Zweiten Weltkriegs.

Trumans Befürchtung war nicht unbegründet. Schon zu diesem Zeitpunkt war das FBI-Personal stark gewachsen. Vor hundert Jahren beschäftigte es 600 Leute, heute sind es 38 000. Um den Aufbau des Bureaus zu rechtfertigen, machte sich Edgar Hoover die Bedrohung durch das organisierte Verbrechen zunutze, das sich während der Prohibition etabliert hatte. Was ihn nicht daran hinderte, mit hochstehenden Mafiamitgliedern Nichtangriffspakte abzuschliessen. Die wachsende Kriminalität als Folge der Weltwirtschaftskrise machte es ihm noch leichter, Gelder, mehr Personal und Freiheiten für das FBI auszuhandeln.

Ein Bürokrat der Macht

Was Hoover auszeichnete, waren sein Organisationstalent und sein Verständnis von Bürokratie. Wie man sie zum Machtinstrument aufbaut, wie man sie vergrössert, kontrolliert und mit Gefolgsleuten an den Schaltstellen loyalisiert. Konsequent vernetzte er seine Organisation mit der Polizei der Bundesstaaten und führte Ermittlungstechniken wie Fingerabdrücke, Fichen, Abhöraktionen und Desinformationskampagnen ein.

«Terror by index card» nennt die Biografin Hoovers Vorgehen. Dabei liess er vorzugsweise weisse, energische, republikanische und protestantische Männer anstellen. Katholiken duldete er, Juden mied er, Frauen ignorierte er, Linke verfolgte er, Schwarze hasste er.

Wie geschickt Edgar Hoover das Funktionieren einer Bürokratie einsetzte, zeigt seine Reaktion auf einen schwerwiegenden Verdacht: Das Bureau, warf man ihm vor, hätte die Ermordung von John F.  Kennedy verhindern können, habe aber wichtige Hinweise ignoriert. Als die untersuchende Warren-Kommission mehr Akten des FBI einforderte, wehrte sich Hoover erst dagegen. Und liess dann gleich alle Akten verschicken, Hunderte von Archivschachteln. Die Kommission erstickte im Papier.

Aber Edgar Hoover, der mit zunehmendem Alter immer mehr wie ein Mafiaboss aussah, war auch stark im Auftreten. Er verstand früh, wie Public Relations funktionieren. Er band die Presse ein, liess sich stilgerecht fotografieren und gab Spielfilme in Auftrag, die seine Agenten als Kämpfer gegen das Böse glorifizierten. Den Präsidenten gab er das Gefühl, sie zu schätzen und zu schützen, während er sie gleichzeitig kontrollierte.

Auch daran erinnert Beverly Gage in ihrer Biografie: So geheim operierten das FBI und ihr Direktor gar nicht. «Hoover stand nicht am Rand der amerikanischen Geschichte», schreibt sie, «sondern in ihrem Zentrum.» Die Präsidenten und auch das Parlament waren über vieles informiert, waren als Mitwisser somit Mittäter.

Rigorose Überwachung

Dementsprechend beliebt war Hoover bei der Bevölkerung; die Amerikanerinnen und Amerikaner fühlten sich trotz mehreren Skandalen unter ihm sicher. Wäre der mächtige Bürokrat Ende der fünfziger Jahre abgetreten, er wäre als glanzvoller, beim Volk verehrter Funktionär verabschiedet worden. Aber je länger er sich an der Macht festhielt, desto abschreckender fielen die Berichte über ihn aus.

So liess Hoover den schwarzen Bürgerrechtler Martin Luther King dermassen rigoros überwachen, öffentlich demütigen und mit gefälschten Briefen diffamieren, dass nichts ausser Hoovers Hass diese Massnahmen rechtfertigte. Zudem war Pastor King kein Kommunist gewesen, bloss schwarz und links und sexuell ausschweifend, was ihm Hoover auch nicht verzieh.

Ähnlich heftig ging das FBI gegen die Bewegung der Black Panther vor. Zwar gaben sich ihre Mitglieder martialisch und zeigten sich in Uniformen mit umgehängtem Gewehr. Aber sie blieben zahlenmässig unbedeutend, eine isolierte Truppe desillusionierter junger Männer, schlecht organisiert, oft naiv und bald zerstritten.

Beverly Gage will die Parallelen zwischen Hoover und Patel nicht überbetonen. Für ungefährlich hält sie Patel nicht. Das Beispiel deutet drauf hin, wie gefährlich es sein kann, «wenn ein Mann das FBI leitet, der die Organisation zu einer Waffe seines Präsidenten umfunktioniert hat».

Beverly Gages Buch «G-Man. J. Edgar Hoover and the Making of the American Century» ist 2022 bei Viking, New York, erschienen. Eine deutsche Übersetzung gibt es bis jetzt noch nicht.

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