17 Berge in 14 Stunden – die Pierra Menta ist das härteste Skitourenrennen der Welt. Mittendrin zwei ungleiche Schweizerinnen. Wie Teamwork geht, wenn eine Athletin stärker ist als die andere.

Es hat gestürmt vergangene Nacht in den Savoyer Alpen. Auch am Morgen schneit es, im Tal peitscht Regen an die Fenster der Chalets. Trotzdem steigen Tausende auf den Pass Col de la Forclaz. Einige sind mit Schneeschuhen unterwegs, die meisten auf Tourenski. Der Sturm brachte nassen Neuschnee, der an den Ski klebt und den Aufstieg härter macht als sonst.

Auf dem Pass angekommen, veranstalten die Menschen einen Lärm – lauter als in einem Fussballstadion. Sie läuten mit Kuhglocken, zünden farbige Rauchkörper, spielen Trompete, rattern mit Motorsägen. Ein Mann hat einen Ofen hinaufgeschleppt, kocht darauf ein Fondue. Sie alle sind gekommen, um die Teilnehmenden am Skitourenrennen Pierra Menta anzufeuern.

Zwei Frauen gleiten auf Tourenski durch die Menschenmenge. Es sind Caroline Ulrich und Thibe Deseyn, Studentinnen aus der Schweiz, 22 und 21 Jahre alt. Das Publikum ruft «allez, allez». Die beiden strahlen. Sie haben Gänsehaut, auf diesen Moment haben sie so lange gewartet.

Die Pierra Menta gilt als härtestes Skitourenrennen

Die Pierra Menta ist ein viertägiges Skitourenrennen. Sie gehört zur «Grande Course», einer Wettkampfserie mit den prestigeträchtigsten Skitourenrennen. Auch die Patrouille des Glaciers im Wallis ist Teil davon.

Die Pierra Menta gilt als das schwierigste Skitourenrennen der Welt. Die Teilnehmenden müssen mit Tourenski, Fellen und Steigeisen technisch schwierige Aufstiege und anspruchsvolle Abfahrten meistern. Insgesamt erklimmen sie 17 Berge und bewältigen 10 000 Höhenmeter. Die Tagesetappen werden jeweils erst am Vorabend bekanntgegeben.

Wie alle Teilnehmenden starten Ulrich und Deseyn zu zweit. Sie müssen die Kontrollpunkte gemeinsam passieren. Für die Tagesetappen haben sie nur wenige Stunden Zeit; wer zu langsam ist, scheidet aus.

Das Rennen findet in Arêches statt, einem Bergdörfchen in den Savoyer Alpen in Frankreich, nahe dem Montblanc, zwei Autostunden von Genf entfernt. Mächtige Chalets schmiegen sich an steile Hänge, Bauernhöfe säumen die Strassen, in Delikatessenläden gibt es Spezialitäten aus der Region wie den Beaufort-Käse zu kaufen. Es ist eine bodenständige Gegend; manches hier wirkt, als wäre die Zeit stehengeblieben.

Während der Pierra Menta wird Arêches zum Zentrum des Skialpinismus. Drahtige Männer und Frauen in Isolationsjacken und Trekkingschuhen beleben das Bergdorf. Skitouren-Athleten, Kletterer, Ultramarathon-Läufer nehmen am Rennen teil. Den meisten geht es nicht um den Sieg – die Pierra Menta zu schaffen, ist Erfolg genug.

Start und Ziel der Pierra Menta

Sie war vier Jahre alt auf ihrer ersten Skitour

Der erste Tag des Rennens, 8 Uhr. Hunderte Männer und Frauen erwarten auf einer Skipiste den Startschuss. Sie sind umgeben von grünen Hügeln und verschneiten Bergspitzen. Die Athletinnen und Athleten stehen auf kurzen Tourenski, tragen hautenge Rennanzüge, Skihelme und Sportbrillen. Einige wärmen sich auf, kreisen mit den Armen, schütteln die Beine aus. Sie sind konzentriert, die Spannung ist spürbar.

Die Schweizerinnen Ulrich und Deseyn sind nervös. Deseyn hat schlecht geschlafen. Sie fühlt sich kraftlos und leer. Sie hat Angst, zu schnell zu starten und danach einzubrechen.

Ein schriller Pfiff ertönt, die Athletinnen und Athleten rennen auf den Ski los, stossen sich mit den Stöcken ab, gleiten nach vorne. Die Ski schleifen rhythmisch über den harten Schnee. Das Publikum am Pistenrand läutet mit Kuhglocken und brüllt. Ulrich und Deseyn verschwinden in der Menge am Berg.

Für Ulrich und Deseyn ist es das erste viertägige Rennen. In den Eintagesrennen des Skitouren-Weltcups gehören sie zu den besten Athletinnen. 2026 werden in Cortina und Mailand Skitourenrennen olympisch sein; Ulrich und Deseyn sind Schweizer Medaillenhoffnungen. Doch ein so langes Rennen wie die Pierra Menta ist neu für sie.

Einige Tage vor dem Rennen sagte Ulrich, sie freue sich auf die Pierra Menta. Doch sie sagte auch: «Wir wissen noch nicht, wie sehr wir leiden werden.» Ein bisschen verrückt müsse man schon sein, um mitzumachen. Sie strahlte. Deseyn sagte, die Pierra Menta gelte als Tour de France der Skitourenrennen. Ob sie nervös sei? Sie verneinte, aber ihre Unterlippe zitterte.

Ulrich ist in einer Alpinisten-Familie aufgewachsen, sie war vier Jahre alt, als ihre Eltern sie erstmals auf eine Skitour mitnahmen. Deseyns Eltern kommen aus Belgien, mit vierzehn war sie das erste Mal auf Tourenski unterwegs. 2018 wurde sie in die Schweizer Skitouren-Elitegruppe des SAC aufgenommen, Ulrich ein Jahr zuvor. Heute ist Deseyn im B-Kader, Ulrich im A-Kader.

Die beiden wollen das Rennen beenden und dabei die eigenen Grenzen respektieren. Spass und Sicherheit sind für sie wichtiger als das Resultat.

Sie will für ihre Freundin da sein

Der erste Tag des Rennens ist ein ständiges Auf und Ab. Ulrich und Deseyn gehen ausgesetzten Graten entlang, stapfen mit Steigeisen steile Passagen hinauf, rasen mit Ski pulvrige Hänge hinunter. Die Ski wiegen nur 1,5 Kilo, bei der Abfahrt flattern sie.

Die stärkere und erfahrenere Ulrich läuft hinten, sie passt ihr Tempo an jenes von Deseyn an. Sie erinnert ihre Teamkollegin daran, zu essen und zu trinken. Die beiden haben Energieriegel, Gels und Wasser in ihren Rucksäcken. Ulrich weiss, dass Deseyn ihre Unterstützung braucht.

Die beiden haben sich vor fünf Jahren kennengelernt, als sie sich bei den Schweizer Meisterschaften ein Zimmer teilten. Damals waren sie die einzigen Frauen im Junior-Team. Seitdem verbringen sie jeden Winter zusammen, sie sind Freundinnen geworden.

Nach zweieinhalb Stunden am Berg hat Deseyn die Müdigkeit des Morgens überwunden. Beim letzten Aufstieg hat nun Ulrich zu kämpfen. Die beiden müssen, wie so oft, die Ski an den Rucksack binden, weil der Abschnitt zu steil ist. Ulrichs Beine sind schwer, es ist heiss. Am liebsten würde sie den engen Rennanzug ausziehen. Nach der Abfahrt folgt die Schlusspassage im Wald. Ulrich und Deseyn rennen 300 Höhenmeter auf einem steilen und schlammigen Pfad ins Tal.

Der erste Tag war strenger als erwartet, am Nachmittag legt sich Deseyn hin. Am Abend essen sie mit den anderen Athletinnen und Athleten, es gibt Reis mit Linsen. Schon um 21 Uhr 30 liegen Ulrich und Deseyn im Bett. Sie wissen: Morgen beginnt alles von vorne.

Es nehmen kaum Frauen am Rennen teil

Am zweiten Tag wird das Rennen noch härter. 3280 Höhenmeter Aufstieg und 3320 Höhenmeter Abstieg erwarten die Teilnehmenden. Zum Vergleich: Das Skitourenrennen Patrouille des Glaciers hat 4386 Meter Steigung, dauert aber nur einen Tag.

Die Organisatoren der Pierra Menta passen die Strecke jeden Tag den Verhältnissen an – Sicherheit hat Vorrang. Ein Meteorologe beobachtet das Wetter, ein Helikopter überfliegt das Gelände. Frühmorgens spuren Freiwillige die Bahnen für die Teilnehmenden. 1989, drei Jahre nachdem das Rennen das erste Mal stattgefunden hatte, wurden Freiwillige von einer Lawine verschüttet, drei Personen kamen ums Leben. Es war der erste und einzige schwere Unfall in der Geschichte des Rennens.

Deseyn hat noch nie so viele Steigungen an einem Tag absolviert. Wird sie es schaffen? Die beiden beschliessen, die Höhenmeter auszublenden. Sie zählen nur noch die Anzahl Aufstiege. Fünf Gipfel sind es.

Doch das Rennen läuft besser als gedacht. Sie starten gemächlich, haben den gleichen Rhythmus wie zwei andere Frauenteams. Dann überholen sie viele Teams. Der letzte Aufstieg ist für Ulrich herausfordernd, sie kämpft mit der Hitze, die Skischuhe drücken. Doch sie schafft es, die Strapazen auszublenden, bis zum Schluss durchzubeissen.

Nach dem Rennen sitzen die beiden in einem Café. Deseyn strahlt, sie ist zufrieden. Ulrich tippt am Handy herum, beantwortet Nachrichten. Sie wippt nervös mit dem Fuss, wirkt, als hätte sie noch nicht alle Energie verbraucht.

Ein welscher Athlet kommt am Tisch der zwei Frauen vorbei. Sie seien stark, sagt er: «Ihr habt viele Männer überholt.» Skitourenrennen sind nach wie vor eine Männerdomäne, besonders die mehrtägigen. Einst waren sie Militärwettkämpfe, die Patrouille des Glaciers wird heute noch von der Schweizer Armee organisiert. An der Pierra Menta treten 360 Männer an, aber nur 40 Frauen.

Ein Arzt, der Alkohol ausschenkt

Die Euphorie des erfolgreichen zweiten Tages hält bei Deseyn und Ulrich auch zu Beginn der dritten Etappe an. Sie starten zügig. Zu zügig. Und geraten in eine Krise. Beim letzten Anstieg bricht Deseyn ein, Ulrich holt ein elastisches Seil hervor, befestigt es an ihrem Rucksack und an Deseyns Hüftgurt. So kann sie ihre Freundin ein bisschen ziehen.

Ulrich ist ehrgeizig und risikofreudig, Deseyn vorsichtiger. Ulrich fährt die Hänge am liebsten gerade hinunter, Deseyn folgt ihr und schafft so schnellere Abfahrten. Ulrich weiss, dass sie das Rennen allein schneller bewältigen könnte. Doch Deseyn halte sie davon ab, unnötige Risiken einzugehen.

Ulrich und Deseyn geniessen die Abfahrt, fahren steile Hänge und kurvige Waldwege hinunter. Im Ziel lächelt Ulrich, sie will nicht reden, sondern ins Hotel zurück. Noch steht die letzte Etappe an.

Die beiden verpassen das Volksfest im Zielgelände. Da gibt es viel Bier, Fondue und französische Après-Ski-Hits. Ein Rennen wie die Pierra Menta zieht ein besonderes Publikum an. Franco aus Italien etwa. Er trägt einen Kuhhut, eine blonde Perücke und einen weissen Arztkittel. Als Medizin schenkt er süssen Schnaps aus. Er kommt seit zwei Jahrzehnten an die Pierra Menta. Er sagt, damals seien die Teilnehmer weniger ambitioniert gewesen. Und es sei meterweise Schnee gelegen. Dieses Jahr ist es im Tal grün.

Im Ziel verteilt ein Franzose mit orangem Turban und weissem Bart Tee an die Athletinnen und Athleten. Der ayurvedische Tee wirke entzündungshemmend, sagt er. Er hat das Rennen selbst fünfmal absolviert. Andere Sportveranstaltungen im Outdoor-Bereich seien kommerzialisiert worden, nicht aber die Pierra Menta. Hier sei noch alles wie früher.

Sie sind kein einziges Mal umgefallen

Der letzte Tag des Rennens beginnt für Ulrich und Deseyn mit einem guten Gefühl. Nach über 1000 Metern Aufstieg erreichen sie den Col de la Forclaz – wo die tobende Menge auf sie wartet. Der Applaus verleiht ihnen Kraft: Wegen dieser Atmosphäre sind sie gekommen. Ulrich fühlt sich so energiegeladen, dass sie Deseyn beim letzten Aufstieg ans Band nimmt.

Ulrich und Deseyn nehmen die letzte Abfahrt der Pierra Menta in Angriff. Vor sich sehen sie ein italienisches Team. Doch Überholen in der Abfahrt ist keine Option. Die Schweizerinnen fahren stattdessen vorsichtig ins Tal. Nach vier Tagen sind sie erschöpft – bloss nicht stürzen. Bisher sind sie kein einziges Mal umgefallen.

Dann ziehen sie die Felle ab, schultern die Ski. Die Italienerinnen rennen, Ulrich und Deseyn sprinten. Auf den letzten Metern überholen die Schweizerinnen noch. Ulrich und Deseyn fallen sich in die Arme. In der Gesamtwertung erreichen sie Platz sechs. Sie haben die Pierra Menta in 14 Stunden und 3 Minuten absolviert. Das schnellste Frauenteam war zwei Stunden schneller.

Vor der Siegerehrung liegen Caroline Ulrich und Thibe Deseyn auf einer Wiese an einem Bach, geniessen die Sonne, essen Himbeertörtchen. Sie sind erschöpft, aber zufrieden. Und etwas traurig, weil das Rennen vorbei ist. Doch sie wissen, sie kommen wieder.

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