Asta Sigurdardottir galt als grösstes Talent der isländischen Nachkriegsliteratur. Doch die alkoholkranke Autorin wurde nur 41 Jahre alt. Ihre exzentrischen Storys trafen die bigotte Gesellschaft der fünfziger Jahre ins Mark.
Auf Fotos hat Asta Sigurdardottir, geboren 1930, verblüffende Ähnlichkeit mit Hollywoodstars wie Ava Gardner oder Joan Crawford: schwarz gefärbtes Haar, tiefes Décolleté, Zigarette. Wie die beiden amerikanischen Filmdiven stammte auch die mondäne Isländerin aus ärmlichen Verhältnissen. Wie diese rang sie ihr Leben lang mit dem Widerspruch, einerseits Projektionsfläche männlicher Begierde zu sein und andererseits selbstbestimmt leben zu wollen. Und wie die Schauspielerinnen erging sich auch die Schriftstellerin in Alkoholexzessen.
Mit dem Band «Streichhölzer» liegt erstmals eine Auswahl von Sigurdardottirs verwegenen Erzählungen auf Deutsch vor. Eine Frau nach der anderen trudelt darin ins soziale Abseits.
Zeit des Umbruchs
Der Zweite Weltkrieg war auch für Island eine Zeit des Umbruchs. Alliierte Soldaten brachten Comics und Coca-Cola, den American Way of Life, auf die abgelegene Insel im Nordatlantik. Geboren 1930 auf einem Bauernhof, brach Asta Sigurdardottir schon mit 14 Jahren allein in die Hauptstadt Reykjavik auf. Dort zog sie bald Klatsch und Tratsch auf sich: Mit 18 hatte sie ein Kind, für das sie keinen legitimen Vater vorweisen konnte. Nebenbei jobbte sie als Aktmodell. An ihrem wilden Leben änderte auch die Ehe mit dem Lyriker Thorsteinn fra Hamri, mit dem sie fünf weitere Kinder haben sollte, nichts. Die Kinder, mit deren Versorgung das Paar überfordert war, kamen schmerzlicherweise in eine Pflegefamilie.
Schon Sigurdardottirs Erstveröffentlichung, die umwerfende Erzählung «Sonntagabend bis Montagmorgen» (1951), setzte den unverwechselbaren Ton. Eine junge Frau namens Asta torkelt durch das Nachtleben und kokettiert heftig mit den Männern. Dabei steht das hellwache Bewusstsein der Erzählinstanz, die das Geschehen wie mit wackliger Handkamera festhält, im Gegensatz zum Vollrausch der Heldin. Ein älterer, vermeintlich wohlanständiger Mann nimmt Asta schliesslich mit nach Hause und fällt über sie her, bekommt dann aber doch Skrupel. Diese Story endet überraschend versöhnlich: Eine Gruppe von Hafenarbeitern kümmert sich mit Kaffee und Butterbrot um die gestrandete Nachtschwärmerin.
Regungslos im Regen
Allgemein prägt totaler Kontrollverlust die Texte. Sigurdardottirs Protagonistinnen haben den Halt verloren, wissen nicht mehr, wohin. Die verzweifelte junge Mutter, deren Kind tot ist und deren Geliebter nach Amerika «abgehauen» ist, die abgehalfterte «Schönheitskönigin» ebenso wie die Trinkerin, die regungslos im strömenden Regen sitzt: «Ruhe überkam mich, eine angenehme Taubheit. Der Singsang der fallenden Regentropfen wurde zu einem zusammenhängenden Stück mit Tempo und Crescendo – das unsterbliche Genie spielte ein Klaviersolo, begleitet von diesem grandiosen Orchester. Ein zaghaftes, suchendes Stakkato.» Passanten sagen: «Die ist doch Dichterin», bevor sie weitergehen.
Einige Storys sind aus männlicher Perspektive erzählt. In «Superman» ärgert sich ein Jüngling, «sein Mädchen» endgültig an einen GI verloren zu haben: «Alle geiferten sie nach amerikanischem Style und Dollarbusiness – selbst Superman könnte da nichts ausrichten . . .» In einer anderen Erzählung verwandeln sich männliche Besitzansprüche in Auslöschungsphantasien gegenüber der eigenen Ehefrau und der kleinen Stieftochter. Am unheimlichsten ist das atmosphärische Stück «Frostregen». Darin treibt ein Bauer seine Frau in den Tod, quasi aus Rache, weil seine geliebte älteste Tochter, seine «kleine Göttin» mit den «wohlgeformten Lippen», gestorben ist.
Die Abgründe in der Welt Asta Sigurdardottirs scheinen wirklich bodenlos.
Asta Sigurdardottir: Streichhölzer. Erzählungen. Aus dem Isländischen von Tina Flecken. Guggolz-Verlag, Berlin 2025. 221 S., Fr. 36.90.