Sorgen über einen möglichen Zollkrieg zwischen den grossen Wirtschaftsräumen haben die Kurse an den Aktienbörsen abstürzen lassen. Börsianer hoffen auf Verhandlungen – und die Vernunft.

An der Börse geht die Angst vor einem grossen Handelskrieg um. Am Mittwoch hatten die weitreichenden Importzölle von «Tariff Man» Donald Trump die Finanzmarkt-Akteure bereits in einen Schockzustand versetzt – und am Freitag sorgte China mit seiner Ankündigung von Gegenzöllen gleich für den nächsten Schlag.

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Trump hatte am Mittwoch erklärt, die USA würden einen grundsätzlichen Basiszoll von 10 Prozent auf amerikanische Importe verhängen – Staaten, die ein Handelsdefizit mit den USA ausweisen, müssen entsprechend mehr zahlen. Für Waren aus der EU soll dieser Zoll 20 Prozent betragen, für Importe aus der Schweiz 31 Prozent und für solche aus China 34 Prozent. China antwortete am Freitag mit der Ankündigung eines Zolls von ebenfalls 34 Prozent auf Waren aus den USA.

Gefahr einer massiven Schädigung der Weltwirtschaft

«Wenn nun auch die EU Gegenmassnahmen ergreift, wären alle wichtigen Wirtschaftsräume in einen Zollkrieg verwickelt», kommentiert Thomas Gitzel, Chefökonom der VP Bank. Dadurch würde die Weltwirtschaft massiv geschädigt.

So gingen die Aktienbörsen am Freitag mit Kursen im tiefroten Bereich aus dem Handel. Der Index der 50 grössten kotierten Unternehmen der Euro-Zone, der Euro-Stoxx 50, verbuchte ein Wochen-Minus von 8,5 Prozent. Beim Schweizer Standardwerte-Barometer Swiss-Market-Index (SMI) waren es 9,3 Prozent. Die Verluste erreichten dabei ein Ausmass wie zu Beginn der Corona-Pandemie.

Besonders hart erwischte es dabei im SMI die Titel von konjunkturabhängigen Unternehmen sowie Finanzwerte. Die Aktien des Computerzubehör-Herstellers Logitech gaben auf Wochensicht um 22,5 Prozent nach. Die Titel von UBS und Partners Group haben in der abgelaufenen Handelswoche jeweils knapp 17 Prozent an Wert verloren, die des Luxusgüterherstellers Richemont rund 14 Prozent.

Obwohl Trump mit den Zöllen die amerikanische Wirtschaft stärken möchte, verbuchte auch der US-Standardwerte-Index S&P 500 ein hohes Wochenminus von 8 Prozent. Hart erwischte es dabei auch die hoch bewerteten und in Börsenindizes stark gewichteten Technologie-Aktien der «Magnificent Seven» wie Apple, Nvidia oder Meta.

Steigende Inflation befürchtet

Die Angst der Börsianer ist, dass auch die Wirtschaft der USA durch einen Handelskrieg beschädigt wird. Sollten die Zölle bestehen bleiben, könnte das reale Wachstum des amerikanischen Bruttoinlandprodukts (BIP) in naher Zukunft zum Stillstand kommen, oder es könnte sogar schrumpfen, wie etwa Libby Cantrill erwartet, Leiterin der US-Politik-Analyse beim Vermögensverwalter Pimco. Ausserdem könnte die amerikanische Inflation auf 4,5 Prozent oder noch mehr steigen.

«Die zentrale Frage wird nun sein, wo Donald Trump eine Schmerzgrenze hat», sagt sie. Cantrill erwartet, dass Trump zumindest einige der angekündigten Zölle abmildern werde, wenn diese der amerikanischen Wirtschaft zu sehr schaden. Die Frage ist aber, was ein Umsteuern bewirken würde. In seiner ersten Amtszeit hatte Trump sich stets mit der positiven Entwicklung der Börsen gebrüstet – dies hatte bei vielen Finanzmarktteilnehmern zu der Annahme geführt, dass der amerikanische Präsident bei seiner Politik empfindlich auf Kursverluste an den Börsen reagieren würde. Die Erwartung hat sich nun nicht bestätigt.

Bei Zöllen sei Trump ein Überzeugungstäter, sagte Cantrill diese Woche bei einer Konferenz ihres Unternehmens in London. Der amerikanische Präsident zeige bereits seit den 1980er Jahren eine positive Haltung gegenüber Zöllen und wolle auf diesem Weg – entgegen allen Warnungen von Ökonomen – das amerikanische Handelsbilanzdefizit reduzieren. «Zudem lotet Trump mit seiner Politik und mit voller Absicht Grenzen aus.»

Dennoch sei der amerikanische Präsident nicht völlig unempfindlich gegenüber einem Markteinbruch und der öffentlichen Meinung, konzediert Cantrill. Derzeit sei seine Popularität im amerikanischen Volk grösser als zur selben Zeit in seiner ersten Amtszeit als Präsident. Folglich fühle sich Trump ermutigt, seine Zollpolitik umzusetzen. Dies könnte sich aber ändern, wenn seine Popularität nachlasse. «Die öffentliche Meinung könnte als stärkstes Korrektiv auf Trumps politische Vorhaben einwirken.»

Dabei ist zu beachten, dass die Zölle für amerikanische Konsumenten wie eine Steuererhöhung wirken werden. Dies könnte viele Bürgerinnen und Bürger des Landes verärgern. Cantrill geht davon aus, dass Trump nicht nur ein «Tariff Man», sondern auch ein «Transaction Man» ist – er dürfte weiterhin offen sein für Deals, auch bei den Zöllen.

Was heisst das für die Geldanlage?

Für Anleger ist es momentan schwierig, die Folgen von Trumps «Liberation Days» richtig abzuschätzen. Am Freitag hat der Ausverkauf auch die Pharmaaktien erfasst. Zuvor hatte Trump mögliche Zölle auf Halbleiterchips und die Pharmabranche ins Spiel gebracht. Er werde auf Pharmaimporte «Zölle einführen, wie man es noch nie zuvor gesehen hat», sagte der Präsident.

Für die Schweiz wäre dies fatal. Diese Branche ist mit ihren Exporten stark von den USA abhängig. So verloren Novartis-Titel bis zum Handelsschluss am Freitag mehr als 5 Prozent, Roche-Papiere büssten gar mehr als 6 Prozent ein. Die Verluste bewegten sich jedoch immer noch im Rahmen der Gesamtverluste des SMI.

Für Matthias Geissbühler, Investmentchef von Raiffeisen Schweiz, ist das auch ein Zeichen dafür, dass Anleger generell Gewinne mitnehmen und sich etwa von Exchange-Traded Funds (ETF) oder Aktienfonds trennen. Manuel Ferreira, Chefstratege der Zürcher Kantonalbank, verweist darauf, dass diese Titel zu hart abgestraft wurden. Zwar erwirtschaften beide Konzerne zwischen 40 und 46 Prozent ihres Umsatzes in den USA. «Rund drei Viertel davon werden in den USA produziert und müssten daher zollfrei sein», sagt er. Zudem sind die Bruttogewinnmargen bei Roche und Novartis sehr hoch. So können die beiden Konzerne Zölle besser abfedern.

Die Hoffnung auf rasche Verhandlungen wäre aus Sicht von Anlegern verfrüht. Selbst wenn sich der amerikanische Präsident darauf einlässt, könnte es dauern, bis ein Ergebnis da ist. Zudem ist unklar, was der Bundesrat Trump überhaupt für ein Angebot machen könnte. Der Handlungsspielraum der Politiker ist sehr limitiert. «Der Einfluss der Zölle auf die Finanzmärkte ist massiv», sagt Geissbühler. Bleiben die Zölle länger in Kraft, haben sie auch einen negativen Einfluss auf die Gewinnentwicklungen der Unternehmen. Das dürfte zu weiteren Korrekturen an den Börsen führen.

Generell sollten Investoren momentan keine allzu raschen Korrekturen vornehmen. «Wenn sich die Volatilität an den Finanzmärkten bereits derart manifestiert hat, ist es für Anleger zu spät, um dann noch Korrekturen im Portfolio vorzunehmen, allenfalls bieten sich Zukäufe an», sagt Manuel Ferreira, Chefstratege der Zürcher Kantonalbank.

«Sichere Häfen» bieten nach wie vor Sicherheit

Die Anlageexperten raten zu Diversifikation und Anlagen in sogenannte «Safe Havens». So bleibt etwa Gold ein beliebter Schutz vor volatilen Finanzmärkten. Zwar hat der Preis des Edelmetalls heute zeitweilig ebenfalls um mehr als 2 Prozent eingebüsst, mit mehr als 3000 Dollar notiert die Feinunze Gold jedoch immer noch nahe am Allzeithoch.

Gefragt als sichere Häfen sind seit dem «Liberation Day» zudem Obligationen. «Im Gegensatz zu 2022, als Anleihen und Aktien nach der Zinswende gleichzeitig unter Druck gerieten, haben die Staatsanleihen diesmal zugelegt», sagt Geissbühler.

Investoren flüchten in defensive Werte

Mit Roche und Novartis sind nun zwei Titel unter Druck geraten, die sich typischerweise als krisenfest erweisen. Defensive Aktien sind für Investoren jedoch nach wie vor interessant. Momentan stehen Unternehmen im Fokus, die bereits in den USA produzieren, oder solche, die nur einen geringen Teil ihrer Erträge in den USA erwirtschaften. Geissbühler verweist auf Firmen aus der Bauindustrie. Diese könnten zusätzlich noch vom geplanten Infrastrukturpaket der nächsten deutschen Regierung profitieren.

Zahlreiche Schweizer Firmen exportieren zudem keine Industriegüter, sondern Dienstleistungen in die USA. Diese sind bislang von Zöllen ausgenommen. Dazu zählen etwa Banken oder Versicherungen. Diese sind nach dem «Liberation Day» zwar auch unter Druck geraten, da sie unter den sich verschlechternden Konjunkturerwartungen und insbesondere die Banken unter rückläufigen Zinsen leiden. Ferreira rechnet jedoch damit, dass Anleger hier zu einer differenzierteren Betrachtungsweise kommen werden, was diesen Branchen auch wieder zugutekommen dürfte.

Europa kann sich behaupten

Die Ankündigung der Zölle hat auch an den europäischen Börsen zu Verlusten geführt. Der DAX in Deutschland oder der CAC 40 in Frankreich haben diese Woche in einem ähnlichen Ausmass an Wert verloren wie der SMI. In den vergangenen Wochen hat eine Verschiebung der Kapitalflüsse stattgefunden; Investoren haben mehr Geld in europäische Aktien als in amerikanische Titel investiert. Insbesondere Rüstungskonzerne haben von den Erklärungen profitiert, dass Europa stärker in die eigene Verteidigung investieren und von den USA unabhängiger werden solle.

Mittel- bis langfristig ist dieses Narrativ zugunsten europäischer Aktien nach wie vor intakt: Kurzfristig dürfte es auch an den Börsen in Europa volatil zu und her gehen. «Längerfristig sind die Konjunkturpakete ein Weckruf für die Industrie», sagt Ferreira. Dazu kommt, dass die europäischen Aktien nach wie vor attraktiver bewertet sind als die Unternehmen in den USA. Die dortigen Börsen seien immer noch hoch bewertet und gingen von einem Gewinnwachstum der Unternehmen in der Höhe von rund 10 Prozent aus.

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