Donnerstag, April 3

Was sind die zentralen Erkenntnisse des langjährigen Präsidenten des Direktoriums der Schweizerischen Nationalbank? An der Uni Zürich hat er Rückblick gehalten.

Über ein Vierteljahrhundert lang hat er die schweizerische Geldpolitik mitgeprägt, davon 17 Jahre im Direktorium der Schweizerischen Nationalbank (SNB). Per Ende September 2024 ist er zurückgetreten, am Dienstagabend zog Thomas Jordan an einem öffentlichen Vortrag des Schweizerischen Instituts für Auslandforschung (Siaf) an der Universität Zürich in der Gegenwart seines Nachfolgers Martin Schlegel Bilanz.

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«Eine starke Währung ist nicht schlecht»

Was sagt der ehemalige Notenbankpräsident am ersten Tag nach Ende seiner sechsmonatigen Cooling-off-Periode zur neuen Zollpolitik von Donald Trump, fragten sich viele Zuhörer gespannt. Und was zu den Ideen von dessen Beratern, den Dollar zu schwächen und das Halten von amerikanischen Staatsanleihen für Ausländer zu erschweren?

Jordan legte erst in der abschliessenden Fragerunde etwas von seiner politischen Zurückhaltung ab. Nun wieder als Privatmann zeigte er sich überzeugt, dass es ein Fehler sei, zu glauben, Zölle könnten jemanden stark machen. Und zum Dollar erklärte er auch mit Seitenblick auf den Schweizerfranken: «Eine starke Währung ist nicht schlecht, sondern Ausdruck einer starken Wirtschaft.» Alle Währungen sollten frei konvertibel sein. Ausländische Halter von Staatsanleihen bestrafen zu wollen, sei kein überzeugender Vorschlag. Das Vertrauen in den Dollar zu schwächen und so dessen Stellung als Weltwährung zu unterminieren, hätte schwerwiegende Folgen für das internationale Finanzsystem. Doch er sei zuversichtlich, dass die US-Regierung dies verstehe und es nicht so weit komme, ergänzte Jordan wieder diplomatisch.

Grundsätzlicher Natur waren die Einsichten, die Jordan in seinem Vortrag resümierte. Geldpolitik sei nicht einfach eine rein technokratische Wissenschaft, erklärte er. Entscheidungen müssten immer unter Unsicherheit und vorausschauend getroffen werden, denn sie wirkten sich manchmal erst mit grösserer Verzögerung aus. Verschiedene ökonomische Analysen kämen oft zu etwas unterschiedlichen Resultaten. Neben der reinen Modellperspektive brauche es deswegen eine gesamtheitliche Sicht und immer auch Intuition, welche sich Notenbanker erarbeiten müssten. «Die Geldpolitik ist daher, wie von vielen Beobachtern immer wieder festgestellt wurde, bis zu einem bestimmten Grad eine Kunst», erläuterte Jordan seinen Zuhörern in der bis auf den letzten Platz gefüllten Aula. Und schob für ihn charakteristisch gleich nach: «Zu dieser Kunst gehört auch die Fähigkeit, die Möglichkeiten und Grenzen der Geldpolitik in der jeweiligen Situation richtig einzuschätzen.»

Entscheide nicht vorwegnehmen

Jordan kritisiert den bei den Zentralbanken zunehmend verbreiteten Anspruch, die Märkte derart auf Entscheidungen vorzubereiten, dass diese die Entscheidung quasi vorwegnehmen könnten. Der langjährige Nationalbankpräsident hält es für wichtig, dass die SNB jeweils eine grosse Zahl von Ökonominnen und Ökonomen in den Vorbereitungsprozess ihrer Lagebeurteilungen einbezieht. Beim Entscheid gelte es, neben den bestmöglichen ökonomischen Analysen einen Risikomanagement-Ansatz anzuwenden.

Die Entscheide sollten zufriedenstellende Ergebnisse für möglichst viele der jeweils denkbaren künftigen Entwicklungen liefern und anpassbar sein, wenn es später zu einer Revision der Prognosen komme. Die SNB sei deswegen immer darauf bedacht, ergebnisoffene Lagebeurteilungen abzuhalten. Gelegentlich habe das Direktorium aufgrund intensiver Diskussionen Entscheidungen anders getroffen als ursprünglich vorgeschlagen. Für essenziell hält Jordan, dass man dabei möglichst immer im Konsens entschieden habe.

Dass es der Schweizerischen Nationalbank durch die diversen Krisen hindurch relativ gut gelungen ist, die Preisstabilität zu wahren, führt Jordan auf das eindeutig darauf ausgerichtete Mandat zurück. Gleichzeitig ist Preisstabilität in der Schweiz mit einem jährlichen Preisanstieg von 0 bis 2 Prozent flexibler definiert als bei den meisten anderen Zentralbanken. Das ermögliche es, wesentlich pragmatischer zu handeln, als wenn man unbedingt wieder ein Inflationsziel von 2 Prozent erreichen müsse.

Breites Inflationsziel, keine Zusatzaufgaben

Jordan hält den in der Vergangenheit aus der Wissenschaft heraus entwickelten Vorschlag für realitätsfremd, höhere Inflationsziele vorzugeben. Und er kritisiert die Tendenz, der Zentralbank zusätzliche Ziele aufzubürden. Eine gefährliche Entwicklung sieht er auch im Bestreben mancher Notenbanker, selber ihr Mandat breiter auszulegen. Zentralbanken seien nicht legitimiert, Klima-, Nachhaltigkeits- oder Inklusionziele zu verfolgen, betonte Jordan. Um sich wirksam gegen solche Druckversuche von Interessengruppen und aus der Politik wehren zu können, müsse die Zentralbank unbedingt institutionell verankert unabhängig sein.

Der langjährige SNB-Präsident wies allerdings auch warnend darauf hin, dass die Unabhängigkeit der Zentralbank vom Gesetz verliehen ist und jederzeit wieder geschwächt oder aufgehoben werden könnte. Jordan hält die Konzentration auf den Erhalt der Preisstabilität, eine gewisse Bescheidenheit mitsamt dem Verzicht auf Feinsteuerung der Wirtschaft und Transparenz für die besten Garanten der Unabhängigkeit. Es gelte, der Politik und der Öffentlichkeit regelmässig die Bedeutung der Unabhängigkeit zu erläutern. Unter Jordans Führung ist dies offensichtlich gut gelungen. Nun ist die nächste Generation am Zug.

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