Prächtige Kulturstädte, verwunschene Dörfer, lange Strände und Olivenbaumhaine so weit das Auge reicht – Andalusien fasziniert mit einer langen Geschichte und einer quicklebendigen Gegenwart.
Rosa tanzt. In einem bodenlangen, enganliegenden, leuchtend roten Kleid und mit einem Fransenschal in Tiffany-Blau. Oft ist sie zu hören, bevor sie zu sehen ist, vor allem dann, wenn sie die Strasse zu ihrer Bühne macht. Zum Beispiel auf dem Platz am imposanten Hispalis-Brunnen. Das schnelle Stakkato ihrer Absätze schallt bis in die Avenida de la Constitución, die an Sevillas berühmter Kathedrale vorbei bis zur Puerta de Jerez führt, wo einst eines der 13 Tore der Stadtmauer gestanden hat.
Rosa tanzt aber auch auf der weitläufigen, kreisrunden Plaza de España, in einschlägigen Lokalen oder im Museo del Baile Flamenco, einem stadtbekannten Flamenco-Theater, das so klein ist, dass den Besuchern fast das Weinglas aus der Hand gefegt wird, wenn die reich mit Rüschen besetzte Schleppe eines Flamenco-Kleides durch die Luft wirbelt. Rosa tanzt mit Leidenschaft, Ausdruck und sichtlichem Vergnügen, sie flirtet mit dem Publikum und den Mittänzern, sie lacht und leidet, rafft ihren Rock und lässt ihre Absätze in einem atemberaubenden Tempo über den Holzboden klackern.
Alt ist nicht altmodisch
Wer jetzt denkt, ach ja, Flamenco, eine kitschige Folklore-Show für Touristen, der irrt. Der Tanz ist alt, aber nicht altmodisch. Er widerspiegelt das Temperament einer ganzen Region und ist dank vieler junger Künstler mit der Zeit gegangen und lebendig geblieben. Jedenfalls sitzen vor allem Einheimische an den Tischen der kleinen Bar La Quedá de Triana. Sie trinken ein Bier, essen ein paar Tapas und unterhalten sich, bis ein Tänzer den Raum betritt und es mucksmäuschenstill wird. Die Bühne wird hauptsächlich von Amateuren genutzt, auch die Gitarren- und Gesangbegleitung wirkt improvisiert. Doch das scheinbar Spontane gehört zur hohen Kunst des Flamencos, und nur Könnern gelingt es, ihr Publikum mit spielerischer Leichtigkeit in den Bann zu ziehen.
Andalusien ist für Flamenco bekannt, der jahrhundertealte Tanz ist hier geboren. Genauso bekannt sind allerdings die Kirchen und Paläste, die Kunstmuseen und Keramikwerkstätten, die Tapas und Sherrys der Region. Zu erleben gibt es noch viel mehr: Man kann die spektakuläre Wüste von Gorafe mit ihren Felsen, Schluchten und Farbenspielen erkunden, an der fast 1000 Kilometer langen Küste im Meer baden, Golf spielen, wandern und winzige Ortschaften besuchen, etwa das abgeschiedene Bergdorf Cómpeta bei Málaga, den in die Schlucht von Poqueira eingebetteten 580-Seelen-Weiler Capileira, oder Mojacar, ein zauberhaftes weisses Städtchen an der Costa de Almería.
Man kann sich aber auch völlig problemlos in Andalusiens pulsierender Kapitale Sevilla verlaufen. Die Bar La Quedá de Triana befindet sich im angesagten Viertel Triana, das früher als Kunsthandwerker- und Stierkämpfer-Quartier bekannt war und heute als nächtlicher Hotspot mit Bars, Restaurants und Klubs gilt. Auch tagsüber gibt es hier etwas zu sehen. Die schöne Markthalle Mercado de Triana lockt mit ihren üppigen Fisch-, Obst- und Käseständen. Dazwischen verkaufen Händler lokale Köstlichkeiten zum sofortigen Verzehr: Empanadillas, Jamón Ibérico, gebrannte Mandeln, aber auch Austern und Champagner oder eine ordentliche Portion Paella, die in der «Arrocería Criaito» aus einer flachen, wagenradgrossen Pfanne auf den Teller kommt.
Gleich um die Ecke in der unscheinbaren Calle Antillano Campos stehen alteingesessene Keramikwerkstätten Tür an Tür. Das Angebot ist überall ähnlich: bunte Schalen, Becher, Krüge, Teller und Tassen, es gibt aber auch Kunsthandwerker, die auf Bestellung das exakte Abbild der verstorbenen Lieblingskatze oder ein komplettes Kaffeeservice für zwölf Personen produzieren. Wer wissen möchte, was hier früher hergestellt wurde, kann das Museum des Centro Cerámica Triana besuchen, in dem die Geschichte der Töpfertradition im Viertel dargestellt und vieles über die lange Geschichte der Töpferkunst von den Anfängen bis heute erzählt wird.
Wer danach eine Stärkung braucht, folgt am besten den Einheimischen. Ab dem frühen Nachmittag stehen Insider vor der Tür der Tapas-Bar Blanca Paloma, die zwar angenehm altmodisch wirkt, tatsächlich aber eine riesige Auswahl an ausgezeichneten, modern interpretierten und präsentierten Tapas bietet – gebratene Artischocken mit Garnelen und Zucchetti, Tintenfischeintopf und vieles mehr. Dazu gute Weine, die auch glasweise ausgeschenkt werden, und freundliche Kellner, die überforderten Touristen bei der Auswahl helfen. Kein Wunder, dass die Tische an der Bar, im Obergeschoss und vor der Tür fast immer besetzt sind.
Wer jetzt denkt, Flamenco sei eine kitschige Folkloreschau für Touristen, irrt.Patricia Engelhorn
Sevilla ist die Hauptstadt Andalusiens und eine quirlige, heitere und wunderschöne 700’000-Einwohner-Metropole. Zu den Top-Sehenswürdigkeiten gehören die immer noch aktive Stierkampfarena, die auch ohne Stierkämpfe besichtigt werden kann, die majestätische Kathedrale mit ihrem 70 Meter hohen Glockenturm, der prächtige maurische Königspalast Alcázar und der Metropol Parasol, auch einfach «Las Setas» (der Pilz) genannt – eine 2011 fertiggestellte Holzkonstruktion des deutschen Architekten Jürgen Mayer, die aus sechs grossen, pilzförmigen Sonnenschirmen besteht und von der Aussichtsplattform in 29 Metern Höhe einen fantastischen Blick über die Stadt bietet.
Eher als Geheimtipp gilt das zauberhafte Centro Andaluz de Arte Contemporáneo (CAAC), das im etwas abgelegenen Kloster de Santa Maria de las Cuevas residiert, gleich hinter den ebenfalls sehenswerten, meist leerstehenden Pavillons der Expo von 1992. Die weitläufige Klosteranlage ist von nahezu magischer Stille, nur im Sommer bringen die Jazzkonzerte im Innenhof Leben in die Bude.
Auf ein Glas Sherry
Die allabendliche Movida findet anderswo statt. Im Triana-Viertel, aber auch in der historischen Altstadt Barrio de Santa Cruz und dort vor allem auf der Plaza de la Alfalfa, der nahe gelegenen Plaza del Salvador und den umliegenden Gassen. Tapas-Bar reiht sich an Tapas-Bar, dazwischen agieren Strassenkünstler, spielen Kinder, flanieren Senioren, küssen sich Liebespaare.
Viele Geschäfte haben auch abends geöffnet, nach einem Bummel durch die Calle Muñoz Olivé mit schicken Modeläden wie Ruc, Perpetua oder Moûtt, oder die Calle San Eloy mit der türkisfarbenen Patisserie Colette, der ganz im Retro-Look gestylten Bodega El Patio und der exklusiven Boutique MKR mit Mode von Rick Owens, Issey Miyake und Balmain, setzt man sich auf die nächstbeste Terrasse und lässt sich Patatas Bravas, Tortilla, und die kalt servierte Tomatensuppe Salmorejo zu einem Glas kühlen Sherry schmecken.
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Knapp 45 Zugminuten nordöstlich von Sevilla liegt Córdoba, doch statt des hellroten Salmorejo gibt es hier eine schneeweisse Mazamorra (Mandelsuppe) und auch sonst ist vieles anders. Córdoba ist vergleichsweise klein (knapp 350’000 Einwohner), und die historische Altstadt winzig – sie besteht eigentlich aus den wenigen engen Gassen der postkartenhübschen Judéria (jüdisches Viertel) mit ihren Läden und Lokalen und der berühmten Mezquita, der Moschee-Kathedrale von Córdoba. Das imposante Bauwerk gilt als das Wahrzeichen der Stadt und vereint verschiedene Stile und religiöse Elemente der westlichen Kultur und des Islams.
Mit einer Grundfläche von über 23’000 Quadratmetern zählt es zu den imposantesten und eindrucksvollsten Sakralbauten der Welt, doch einzigartig und faszinierend sind vor allem die über 800 Säulen in der Gebetshalle, die sich zu einem scheinbar endlosen Wald verdichten und durch rot-weiss gestreifte Doppelbögen miteinander verbunden sind. Man kann sich kaum sattsehen und wundert sich keine Sekunde, dass die Moschee-Kathedrale von der Unesco in die Liste des Weltkulturerbes aufgenommen wurde.
Was gibt es noch? Wunderschöne, nach Orangenblüten duftende Innenhöfe, königliche Pferdeställe und Reitvorführungen mit andalusischen Pferden, eine antike Römerbrücke und den fantastischen Hammam Al Andalus. Angeblich gab es zur Zeit des Kalifats von Córdoba, also in den Jahren zwischen 929 und 1031, über 600 öffentliche Bäder in der Stadt. Sie sind längst verschwunden, aber in den Thermalbädern des Hammam Al Andalus wird noch immer die traditionelle Kessa-Behandlung angeboten, die auf einem heissen Stein mit dem Auftragen einer schäumenden Paste aus Naturseife beginnt und mit einer Entspannungsmassage mit ätherischen Ölen endet.
Schöne Künste
Ein Stück weiter liegt die pittoreske Plaza del Potromit einem 600 Jahre alten Brunnen, dem schönen Museum der Schönen Künste und dem noch schöneren Museum Julio Romero de Torres, das dem Leben und Werk des berühmtesten Sohnes der Stadt gewidmet ist. Dahinter beginnt das Axerquía-Viertel, der weniger touristische Teil der Stadt. Zu den Hotspots der Einheimischen zählen die coole Bar El Ultimo Tango, leicht zu erkennen an der fröhlich feiernden Menschentraube vor der Tür, und gleich nebenan das Café La Bohême, bekannt für leckere organisch-vegane-glutenfreie Küche.
Ähnlich wie Córdoba ist auch Granada vor allem für ein Bauwerk bekannt: die Alhambra. Mit über zwei Millionen Besuchern im Jahr ist sie das meistbesuchte Monument des Landes und gilt als Höhepunkt der islamischen Baukunst. 250 Jahre lang residierten hier die Nasridenkönige, bevor sie die Alhambra im Zuge der christlichen Rückeroberung an die Katholische Kirche übergeben mussten. Heute können Besucher, die sich rechtzeitig um eine Eintrittskarte gekümmert haben, die hoch über der Stadt auf einem Hügel thronende ummauerte Festung besichtigen, durch prächtige maurische Paläste und Gärten wandeln und die wohl schönsten Zeugnisse maurischer Baukunst in Europa bewundern: schlanke Säulen, filigran durchbrochene Mauern, feinste Stuckverzierungen, wunderschöne Mosaike, Bögen, kunstvoll dekorierte Säle, Innenhöfe und idyllisch angelegte Gärten mit Wasserspielen.
Die Alhambra in Granada gilt als Höhepunkt der islamischen Baukunst.Patricia Engelhorn
Wer keine Eintrittskarte ergattern konnte – die Alhambra ist oft schon Wochen im Voraus ausgebucht – hat vom gegenüberliegenden Mirador de San Nicolás einen fantastischen Blick auf die «Rote Festung». Die Aussichtsterrasse liegt im malerischen alten maurischen Viertel Albayzin und ist ein beliebter Treffpunkt für Musiker, Instagrammer und alle, die die Alhambra bei Sonnenuntergang sehen möchten – die ganze Anlage ist dann in leuchtendes Rosé getaucht, Insider feiern das Spektakel mit einer mitgebrachten Flasche Wein.
Danach kann man noch durch die sogenannte Neustadt schlendern. Sie erstreckt sich um die im 16. Jahrhundert angelegte Plaza Nueva mit der imposanten königlichen Kanzlei und die Kirche Iglesia de Santa Ana, die im Mudejárstil erbaut wurde – einem in Südspanien entwickelten Baustil, der Formen der Gotik und der Renaissance mit islamischen Elementen vermischt. Für den Apéro empfiehlt sich das altmodische Café El Laurel an der lebhaften Plaza Bib Rambla oder die durchgestylte Tapas-Bar Sibarius gleich daneben.
Unterschätztes Málaga
Den besten Fisch isst man natürlich am Meer. Zum Beispiel in einer der einfachen Freidúrias (Fischbratereien) in der schönen, weissen und fast vollständig von Wasser umgebenen Hafenstadt Cádiz an der Costa de la Luz. Oder in einem der schicken Restaurants im Promi-Badeort Marbella an der Costa del Sol. Oder in Málaga, einer zu Unrecht oft links liegen gelassenen 570’000-Einwohner-Metropole, von der die meisten Andalusien-Besucher nur den Flughafen kennen.
Dabei hat Málaga schöne Strände, eine elegante Altstadt, einen sehr entspannten südländischen Lebensstil und viel Kultur zu bieten, allen voran das fantastische Picasso-Museum und das Haus des weltberühmten Künstlers, der hier geboren wurde und aufwuchs. Nach dem einzigartigen Picasso-Rausch bieten sich die Terrassentische der Cafés an der Plaza de la Merced zur Erholung an.
Oder man geht weiter zum Museo de Málaga, das in einem Palacio aus dem 18. Jahrhundert residiert und mit über 15’000 archäologischen Zeugnissen und einer umfangreichen Gemäldesammlung mit Werken aus dem 19. und 20. Jahrhundert – darunter Gemälde und Skulpturen von Luis de Morales, Luca Giordano, Murillo, Antonio del Castillo, Ribera, Velázquez, Zurbarán und Goya – punktet, und von dort zum Centre Pompidou Málaga, einem Ableger des berühmten Pariser Museums, das direkt am Hafen steht, in zwei weitläufigen unterirdischen Etagen noch mehr Werke von Picasso, aber auch von de Chirico, Miró, Frida Kahlo, Max Ernst, René Magritte, Alberto Giacometti und Francis Bacon beherbergt und von einem von weitem sichtbaren, grossen bunten Glaswürfel markiert ist.
Und der Fisch? Den gibt es etwa in Málagas Markthalle Mercado Central de Atarazanas, die eine ehemalige Schiffswerft aus dem 19. Jahrhundert bespielt. Zwischen Schmiedeeisen und Buntglas findet man Pata-Negra-Schinken aus Ronda, Erdbeeren aus dem Guadalhorce-Tal und Ziegenkäse aus den Bergen um Málaga, aber auch die besten «boquerones al limón» (frittierte Anchovis mit Zitrone) der Stadt. Scharfe Garnelen-Kroketten, gegrillter Oktopus und im Ofen gedünstete Brassen werden auf der Terrasse der angesagten Bodega El Pimpi serviert, Gourmet-Niveau darf man im neuen La Cosmo erwarten, dem lässigen Zweitrestaurant des Sternekochs Dani Carnero gleich hinter der Kathedrale.
Málaga gilt als die neue Trenddestination Andalusiens, vielleicht gerade, weil der Tourismus hier noch nicht so richtig angekommen ist. Doch ganz gleich, wohin man in Spaniens Süden reist, es gibt immer Sonne, gute Küche, viel Kultur und Flamenco.