Jeden Zweitliga-Match sehen im Durchschnitt 30 000 Personen. Die Gründe für den Boom liegen auch in der Schwäche der ersten Bundesliga.
Kann es Euphorie in der Zweitklassigkeit geben? Auf diese Frage kann man kommen, wenn man sich die zweite Fussballbundesliga in Deutschland anschaut. Woche für Woche strömen Hunderttausende in die Stadien, die Spielklasse ist attraktiver denn je. Im Berliner Olympiastadion beispielsweise sind an Spielen des Hertha BSC regelmässig mehr als 50 000 Zuschauer zugegen. Ähnlich sieht es in Kaiserslautern aus, der legendäre Betzenberg verzeichnet in dieser Saison einen Zuschauerdurchschnitt von 45 000 – bei einer Kapazität von 49 000.
Schalk begrüsst bei Heimspielen mehr als 60 000 Zuschauer
Die Liste lässt sich verlängern, mit dem prächtigen Zuspruch, den der Hamburger SV, Fortuna Düsseldorf und auch der 1. FC Köln erhalten, erst recht aber mit Schalke 04. Der in der Tabelle abgeschlagene Ruhrgebietsklub begrüsst im Zweiwochenrhythmus mehr als 60 000 Fans bei seinen Heimspielen.
Die zweite Bundesliga hat für die Anhänger Kultcharakter. Mehr als 30 000 Zuschauer kommen im Schnitt jede Woche in die Stadien – das sind nur 8 000 weniger als in der ersten Liga. Aber mehr als in der Ligue 1 in Frankreich und ziemlich genau so viele wie in La Liga mit den Grossklubs Real Madrid und dem FC Barcelona und in der italienischen Serie A samt legendären Vereinen wie Milan, Inter, Napoli und Juve. Schon in der vergangenen Saison fragte das ZDF: «Läuft das Fussball-Unterhaus der Bundesliga den Rang ab?»
Noch ist es nicht soweit. Aber der Abstand ist erstaunlich klein. Dass erste und zweite Bundesliga in der Gunst des Publikums so nah beieinander liegen, mag auf den ersten Blick erstaunen. Schliesslich geht es nicht um Titel, um den Einzug in die Champions oder die Europa League. Hier stehen sich keine Nationalspieler mit ihren Klubs gegenüber. Es geht gegen den Abstieg – und um den Aufstieg.
Der Spielplan ist voller attraktiver Derbys
Doch es gibt Derbys mit langer Tradition. Fortuna Düsseldorf gegen den 1. FC Köln im Westen, der Karlsruher SC gegen den 1. FC Kaiserslautern im Südwesten, Braunschweig und Hannover in Niedersachsen, Greuther Fürth und Nürnberg in Franken. An solchen Anlässen zeigt sich: Nichts ist attraktiver als eine lang gepflegte Rivalität.
Wer sich auf die Suche nach den Gründen für den Erfolg der zweiten Spielklasse macht, der wird an einem Schlagwort nicht vorbeikommen: an der Tradition. Nie zuvor hatte die zweite Bundesliga mehr klingende Namen zu bieten als in dieser Saison. Nahezu die Hälfte der Klubs war schon einmal deutscher Meister. Nürnberg, Köln, Schalke, Hamburg und auch Kaiserslautern stehen für einen deutschen Fussball, der seinerzeit noch nicht von der Monokultur des Branchenkrösus’ Bayern München dominiert wurde. Ohne den Rekordchampion aus München mit seinen 33 Titeln stünde die erste Bundesliga in der Kategorie der gewonnenen Meisterschaften hinten an.
Die Begeisterung für die zweite Spielklasse mit ihren geschichtsträchtigen Klubs verweist auf einen sensiblen Punkt: Tradition ist eben durch nichts zu ersetzen – schon gar nicht, wenn man versucht, diese mit Taschenspielertricks vorzugaukeln, etwa indem ein Klub wie Hoffenheim, der gewissermassen am Reissbrett entworfen wurde, die Jahreszahl 1899 im Vereinswappen führt. Die Stärke der zweiten Liga ist also zugleich die Schwäche der ersten, in der Klubs wie eben Hoffenheim oder Leipzig ein überschaubares Mass an Faszination bieten.
Andererseits verdeutlicht die starke Präsenz traditionsreicher Klubs eben auch, dass diese sportlich wie finanziell unsolide gewirtschaftet haben. Ein Abstieg wie der des Hamburger SV, der sich während Jahren angekündigt hatte, wäre niemals nötig gewesen, ebenso wenig der rasante Verfall des FC Schalke 04. Den Schalkern droht ein ähnliches Schicksal wie dem HSV, der viel länger als geplant in der Zweitklassigkeit verweilt. Schlimmstenfalls droht ihnen das Schicksal des 1. FC Kaiserslautern, der noch in den 1990er Jahren zweimal deutscher Meister war, dann aber sogar bis in die dritte Liga abrutschte – und nun wieder um den Aufstieg kämpft.
Die Sehnsucht nach Tradition – und vielleicht auch ein Schuss Nostalgie – dürften allerdings nicht allein für den Erfolg der Spielklasse verantwortlich sein. Man braucht sich nur anzuschauen, wie eng das Spitzentrio beieinander ist: Hamburg und Köln liefern sich ein Kopf-an-Kopf-Rennen, Kaiserslautern aber ist aus dem Titelkampf längst noch nicht ausgeschieden. Zu beobachten ist hier viel mehr als das, was viele Fans als Simulation eines Titelkampfes empfunden haben: die erdrückende Dominanz des FC Bayern während mehr als einer Dekade in der ersten Bundesliga.
Die Klubs haben oft schlecht gewirtschaftet
In der zweiten Liga herrscht dagegen ein Wettbewerb, der seinem Namen seit Jahren voll und ganz gerecht wird. An blosser Freiwilligkeit liegt dies allerdings nicht. Es hat schlicht und ergreifend auch damit zu tun, dass die Zweitligaklubs über deutlich geringere finanzielle Mittel verfügen als jene in der Eliteklasse. Die Klubetats liegen enger beieinander; kaum ein Team hat mehr als 25 Millionen Euro zur Verfügung. Der Hamburger SV ist mit mehr als 40 Millionen die Ausnahme.
Allerdings ist nicht auszuschliessen, dass es ein ganz besonderes Jahr für die zweite Bundesliga bleiben wird. Denn sollte sich mit Köln, dem HSV und dem 1. FC Kaiserslautern reine Tradition in die erste Bundesliga verabschieden, würden künftig ein paar attraktive Klubs fehlen. Gegenwärtig sieht es so aus, dass kein Klub mit ähnlich schillernder Tradition aus der ersten Bundesliga absteigen wird. Das Zuschauerinteresse dürfte aber nur bedingt darunter leiden: Die einstigen Erstliga-Giganten Hertha BSC und Schalke 04 mit ihrem riesigen Publikum können von der ersten Liga gegenwärtig nur träumen.