Die Märkte machen sich auf Trumps Zollankündigungen am «Liberation Day» bereit. Anleger trennen sich von Aktien und Bitcoin. Eine Wende zeichnet sich auch an den europäischen Börsen ab.
Die Anspannung an den Börsen im Vorfeld der Zollankündigungen von US-Präsident Donald Trump ist hoch. Am Mittwoch – wenige Stunden vor der geplanten Pressekonferenz anlässlich des «Liberation Day» im Weissen Haus – sahen die europäischen Börsen deutliche Abgaben. Im Schweizer Leitindex SMI verzeichneten insbesondere Pharmawerte wie Novartis, Roche oder Lonza Verluste. Im Deutschen DAX waren ähnliche Trends zu beobachten.
Nebst einem umfassenden Zoll-Regime hatte Trump auch Zölle von 25 Prozent für Pharma-Importe angedeutet. Medikamente waren bisher im Rahmen eines Abkommens der Welthandelsorganisation (WTO) von Zöllen befreit. Zudem hat er Anfang Woche einen hohen Beamten der Gesundheitsbehörde FDA entlassen – das sorgte für viel Unruhe.
Diese Unruhe war auch an den europäischen Börsen spürbar, sie notierten am Mittwoch fast alle im roten Bereich. Auch die amerikanischen Indizes Dow Industrial, S&P 500 und Nasdaq starteten mit Verlusten in den Handel, konnten sich dann zeitweise stabilisieren. Sichere US-Staatsanleihen waren gesucht, ihre Renditen gingen weiter zurück und bewegen sich auf dem Stand von Anfang Dezember.
Angst vor Rezession und Stagflation
Der weitere Anstieg des Goldpreises ist ein Hinweis für die grosse Unsicherheit. Das Edelmetall verteuerte sich am Mittwoch erneut, nachdem es am Dienstag eine Rekordmarke von 3148,9 Dollar gesetzt hatte. Der Goldpreis ist seit Anfang Jahr um fast ein Fünftel gestiegen. Anleger bewegen auch viele Milliarden in Gold-ETF, das sind spezielle börsengehandelte Fonds. Gemäss Zahlen von Standard Chartered sind das die grössten Zuflüsse in solche Fonds seit der Pandemie.
Von Bitcoins trennten sich die Investoren hingegen. Seit Anfang Jahr hat die digitale Leitwährung mehr als ein Zehntel ihres Werts verloren. Der Bitcoin wird offenbar nicht wie das Gold als sichere Fluchtwährung angesehen sondern bei ungewisser Marktlage verkauft. Der Bitcoin hat trotz der Krypto-freundlichen Haltung der Trump-Regierung seit Anfang Jahr ein Zehntel an Wert verloren.
Die Börsen sind nervös, weil die Einführung breit angelegter Zölle ein Schock für den Welthandel bedeutet und das Wirtschaftswachstum weltweit bremsen könnte. Der Anspruch von Trumps Zollpolitik «MAWA – Make America Wealthy Again», also Amerika wieder wohlhabend zu machen, dürfte den gegenteiligen Effekt haben. Ökonomen der Deutschen Bank haben errechnet, dass in einem Szenario reziproker Zölle, die jedes Land betreffen, das BIP-Wachstum der USA in diesem Jahr um 1 bis 1,2 Prozentpunkte tiefer ausfallen könnte. Aktuell gehen sie von über zwei Prozent Wachstum aus.
Gemäss Beat Thoma, Anlagechef bei Fisch Asset Management nimmt Trump für den Protektionismus bewusst eine schwächere Konjunktur in Kauf. Sollte es zu einer Rezession in den USA kommen, würden die Verschuldung und die Rendite für US-Staatsanleihen weiter steigen. Das könne kurzfristig zu hoher Volatilität bei riskanten Vermögenswerten, aber auch zu temporären Liquiditätsengpässen und damit Stress an den Geldmärkten führen. Solcher Stress ist gefährlich und hat in der Vergangenheit auch Panik-Reaktionen hervorgerufen.
Zuerst der Crash, dann ein Bärenmarkt?
Nicht nur Rezessionssorgen belasten das Vertrauen. Auch die Angst vor einer mögliche Stagflation ist an den Börsen spürbar. So geht der an der Wall Street viel beachtete Marktbeobachter Ed Yardeni mit einer Wahrscheinlichkeit von 45 Prozent von einer Stagflation aus; einem Szenario also, in dem die Wirtschaft sowohl mit Wachstumsschwäche als auch Inflation zu kämpfen hat. Als gleich wahrscheinlich erachtet Yardeni, dass die Börsenkorrektur in den kommenden Monaten in einen Bärenmarkt übergehen wird – also in ein pessimistisches Börsenumfeld, indem Aktien an Wert verlieren.
Auch grosse Wall-Street-Banken wie Goldman Sachs oder Bank of America gehen davon aus, dass sich die Volatilität erhöhen und sich die Talfahrt der US-Börse beschleunigen wird. Die US-Börse befindet sich derweil bereits auf dem Abwärtspfad – seit Januar hat der S&P 500 rund 4 Prozent verloren, der Nasdaq sogar fast 10 Prozent. Dagegen haben die europäischen Aktienmärkte seither zugelegt.
Die Trump-Zölle könnten aber nicht nur die US-Börse drücken, sondern auch den globalen Märkten eine neue Richtung geben, sagt Ipek Ozkardeskaya, Analystin bei der Swissquote-Bank. «Es wäre naiv zu glauben, dass der heutige Tag das Ende des Zollwahnsinns markiert». Wahrscheinlicher sei, dass eine neue Phase der Unsicherheit und des Aufruhrs beginne. Das eigentliche Risiko seien nicht nur die Zölle, sondern die ständige Bedrohung einer Eskalation und möglicher Vergeltungsmassnahmen.
Investiert bleiben, trotz Eskalation
Ursula von der Leyen, die Präsidentin der Europäischen Kommission, sagte, dass die EU die Verhandlungen mit den USA aus einer Position der Stärke heraus angehen werde. Sollten die Gespräche jedoch scheitern, sei die EU bereit, zurückzuschlagen. «Europa hat diese Konfrontation nicht begonnen. Wir wollen nicht unbedingt Vergeltungsmassnahmen ergreifen, aber wenn es nötig wird, haben wir einen starken Plan und werden ihn auch umsetzen», sagte sie am Dienstag in Strassburg.
Für Ozkardeskaya ist eine Konjunkturabschwächung nicht zwangsläufig gleichbedeutend mit einem Börseneinbruch. Sie geht davon aus, dass die amerikanische Zentralbank Fed mit Zinssenkungen und Anleihekäufen eingreifen würde, um die finanzielle Stabilität zu gewährleisten. Das Problem sei jedoch, dass angebotsseitige Schocks in der Regel inflationär wirken, wie während der Pandemie. Die Zölle könnten die globalen Lieferketten unterbrechen und die Teuerung ankurbeln, bevor das Fed ihr Inflationsziel von zwei Prozent erreicht hat.
Trotz Trump-Zöllen und drohender Stagflation: Für Anleger hat es sich in der Vergangenheit nicht ausgezahlt, sich in Perioden der Unsicherheit von der Börse zurückzuziehen. Wenn sie nicht investiert sind, verpassen sie oft die in solchen Phasen auftretenden starken Gegenbewegungen. Diese machen langfristig einen bedeutenden Teil der Rendite aus. Mit Donald Trump am Drücker der Weltbörsen wird aber auch Nichtstun weiterhin viel Nerven kosten.