Europa holt gegenüber den USA weiter auf. Allerdings dürfen auch starke Trends nicht einfach in die Zukunft fortgeschrieben werden. Taktische Massnahmen werden in einem von Emotionen geprägten Umfeld wichtiger.

Seit den Wahlen in den USA ist der DJ Stoxx Europe 600 bis zum letzten Freitag 6,5% gestiegen, während der S&P 500 rund 2,5% verloren hat.

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Die Schere zwischen den beiden Regionen, die sich in den letzten Jahren weit geöffnet hat, schliesst sich nun langsam. Das wird vor allem deutlich, wenn man die MSCI-Sektoren regional zerlegt, denn sie stehen hinter der Öffnung der Schere und ihrer langsamen Schliessung.

Die Kurssteigerungen des DJ Stoxx Europe 600 ist alleine auf sechs Bereiche zurückzuführen: Banken, Bau, Finanzwesen, Industrie, Telecom und Versicherungen, ausgedrückt in ihren jeweiligen Sektorindizes des DJ Stoxx Europe 600.

Die kurstreibende Erzählung ist nicht die, dass die Unternehmen in einem grundsätzlich für sie positiven Umfeld operieren. Kurstreiber ist die Erzählung, dass die Unternehmen sich in einem «System erzwungener Entkopplung» befinden, um Ian Bremmer zu zitieren. Die heterogene Marktstruktur ist eine Folge davon.

Als Beispiel für die Divergenzen, die unter solchen Umständen entstehen können, führe ich die Banken an. Der DJ US Banks hat seit den Wahlen bis Freitag letzter Woche 4,2% zugelegt, während der DJ Stoxx Europe 600 Banks 25,7% gestiegen ist.

Die Schere schliesst sich langsam und wahrscheinlich nur unvollständig

Meine Annahme, dass die Schere sich langsam schliesst, beruht auf den Veränderungen der aktuellen Ratings gegenüber dem Vormonat, die sich in fast allen Sektoren tendenziell annähern. Die nachfolgende Tabelle zeigt die Gegenüberstellung der relativen Attraktivität der Sektoren in Europa gegenüber jenen in Nordamerika:

Hier greife ich nun Communications Services heraus, um zu zeigen, wo in USA der Schuh drückt.

Im Gegensatz zum allgemeinen Trend hat sich in diesem Sektor Europa verbessert. Der Grund für die Abschwächung in den USA liegt in einer seiner fünf Industrien, nämlich Interactive Media & Services, in der sich Titel wie Alphabet und Meta befinden. Alphabet hat seit der Kursspitze vom 4. Februar 25% und Meta seit ihrem Höchst vom 14. Februar 22% verloren. Im Gegensatz dazu hat sich die althergebrachte Telecom-Industrie verbessert.

Wenn das ein Einzelfall wäre, würde ich nicht darüber berichten. Aber er ist symptomatisch für eine Entwicklung weg von Luftschlössern in einigen Industrien hin zu Sektoren und Industrien, die berechenbarer erscheinen, die mehr durch fundamentale Unternehmensdaten geprägt sind als durch politische Einflüsse und rosige Erzählungen.

Der nächste Schritt im Wandel

Hand in Hand damit geht eine Verbesserung des relativen Momentums des DJ US Value Index zum S&P 500 einher, ferner zum MSCI Welt, zu dem der S&P 500 seit dem 8. November 2024 schwach war. Dazu stabilisiert sich die seit dem 27. November 2024 ausgeprägte relative Schwäche des DJ US Value zum DJ Stoxx Europe 600. Einem seitherigen Verlust des DJ US Value Index von 6,4% steht ein Gewinn des DJ Stoxx Europe 600 von 7,3% gegenüber.

Die Geschichte, die uns der Markt erzählt, wird weiter in diese Richtung vertieft durch eine deutliche Zunahme der Attraktivität des MSCI Utilities nun auch in Europa, nachdem diese bei US-Versorgern bereits vor Monatsfrist einsetzte, und Anzeichen dafür, dass einer der bisher schwächsten Sektoren übergeht in einen relativ starken: Consumer Staples.

Die Industrien dieser beiden Sektoren werden die besten Industrien aller Sektoren, nämlich Banken und Versicherungen, nicht von ihren Podestplätzen unter den besten Industrien aus allen Sektoren verdrängen. Sie bieten jedoch Ersatz für die in Ungnade gefallenen Industrien.

Was man tun kann und was man lassen soll

Man wird in der gegenwärtigen emotionalisierten Phase des Öfteren aus taktischen Massnahmen Nutzen ziehen. Aufpassen muss man, starke Trends nicht unkritisch in die Zukunft zu projizieren.

Wichtig ist die Bereitschaft, Verlierer ohne Rücksicht auf die eigenen Einstandskurse zu verkaufen. Die eigenen Einstandskurse sind für niemanden eine Referenzgrösse. Sie sind irrelevant.

Gleichzeitig muss man der Versuchung widerstehen, gut laufende Aktien nur zu verkaufen, um Gewinne zu realisieren.

Es gibt umfangreiche Studien, die zeigen, dass das Realisieren von Gewinn in Aktien mit starkem Momentum und die Umleitung des Erlöses in zurückgebliebene Titel keine profitable Manöver sind. Berkeley-Professor Terrance Odean hat die Transaktionen Zehntausender Privatpersonen ausgewertet, die das belegen. Mein Mentor Alan Shaw hatte dazu einen träfen Spruch: Kleine Gewinne und kleine Verluste gleichen sie gegenseitig aus. Grosse Verluste sind verboten. Somit bleiben nur die grossen Gewinner übrig.

Alfons Cortés

Alfons Cortés ist seit März 1971 professionell an der Börse unterwegs. Bis Juni 2017 war er Geschäftsführender Partner von UnifinanzTrust reg., Vaduz. Seit Juli 2017 ist er Senior Partner im Unternehmen und für den Bereich Research zuständig. Diesem hat er von Anbeginn seiner Tätigkeit an besonderes Augenmerk zukommen lassen. Daraus erwuchs die prominente Position des Unternehmens in der Anwendung von Behavioral-, Neuro- und Evolutionary Finance. Cortés hat nicht nur als Vermögensverwalter und Analyst, sondern auch als Mitglied von Anlageausschüssen institutioneller Anleger über Jahrzehnte Erfahrungen mit den Finanzmärkten gesammelt. Er schreibt jeden zweiten Donnerstag eine Kolumne für The Market.
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