Ein Hilfskonvoi, der beschossen wurde, und Helfer, die am Flughafen festsitzen – in welchem Zustand befindet sich Myanmar Tage nach dem Beben? Der IKRK-Mann vor Ort, Arnaud de Baecque, erzählt.

Arnaud de Baecque, Sie leiten die Mission des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz (IKRK) in Myanmar. Wie ist die Lage?

Optimieren Sie Ihre Browsereinstellungen

NZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.

Bitte passen Sie die Einstellungen an.

Wir haben die erste intensive Phase von Suchen und Retten hinter uns. Nun besteht keine Hoffnung mehr, Überlebende in den Trümmern zu finden. Es gibt viel Zerstörung. Die Bevölkerung in Mandalay und grossen Gebieten von Sagaing schläft im Freien. Am Mittwoch war der erste Tag ohne Nachbeben, das war eine Erleichterung. Die Temperaturen hier sind sehr hoch, um die 40 Grad. Die Telekommunikation ist zusammengebrochen. Es gibt kaum Elektrizität. Das hat Auswirkungen auf die Wasserversorgung, weil die Wasser-Aufbereitungsanlagen nicht mehr funktionieren.

Waren Sie bereits vor dem Erdbeben vor Ort?

Ja, das IKRK war bereits im Land wegen des bewaffneten Konflikts im Land. Die Bevölkerung lebte mit diesem Konflikt und all seiner Gewalt. Das Erdbeben kommt jetzt dazu.

Was sind die akuten Herausforderungen?

Spitäler wurden erschüttert und sind nicht mehr sicher. Sie sind mit der Versorgung überfordert. Tausenden Verwundeten muss geholfen werden. Wir arbeiten auch daran, dass wir Familien miteinander verbinden können und sicherstellen, dass jeder weiss, wo seine Liebsten sind. Sei es, dass sie gute Nachrichten hören oder wir mitteilen müssen, dass jemand verwundet oder tot ist.

Die kritischen 72 Stunden sind um, in denen Menschen lebend geborgen werden können. Was kommt als Nächstes?

Weiterhin die Versorgung der Verwundeten. Wir müssen den Zugang zu sauberem Wasser sicherstellen, damit sich keine Krankheiten über verschmutztes Wasser verbreiten – das sehen wir oft in dieser Art von Klima. Das würde die Situation weiter verkomplizieren. Ein nächster Aspekt ist, die Lebensgrundlage der Betroffenen zu verbessern: Sei es, zu helfen, dass Menschen zurück in ihre Häuser können. Oder Zeltstädte aufbauen für die, die ihr Haus verloren haben. Wir müssen sicherstellen, dass Nahrungsmittel verteilt werden. Und wir denken bereits an die dritte Phase: Diese beinhaltet, temporäre Unterkünfte für die nächsten Monate aufzubauen.

Wenn Sie zurückschauen auf diese letzten Tage – gab es genug schwere Maschinen und Rettungskräfte im Land?

Das ist schwer zu sagen. Die Hilfe und die Zeit, um sie bereitzustellen – das ist alles nie in dem Ausmass vorhanden, wie sie benötigt werden. Das IKRK und viele Freiwillige waren aktiv und haben in den Trümmern versucht zu retten, was zu retten war.

Wer leistet derzeit Hilfe?

Die erste Hilfe wurde von der Regierung geleistet. Feuerwehrleute und das Ministerium für Katastrophenschutz waren im Einsatz – sie waren allerdings ebenfalls geschwächt. Innerhalb der Rotkreuzbewegung war es das Rote Kreuz Myanmar mit Unterstützung des IKRK. Und es gab Hilfe von Singapur, China, Russland und Indien. Sie sendeten teilweise Hilfsgüter und auch Rettungsteams. Innerhalb des Roten Kreuzes bringen wir Teams aus anderen Ländern nach Myanmar. Gelandet sind Gruppen aus Finnland, Dänemark, Deutschland und Norwegen. China hat auch Teams geschickt. Eines wurde durch einen Zwischenfall aufgehalten.

Sie sprechen von einem Konvoi des chinesischen Roten Kreuzes, der offenbar von der Armee beschossen wurde.

Das chinesische Rote Kreuz hat einen Hilfskonvoi organisiert, der auch Territorien durchfuhr, welche von bewaffneten Rebellen kontrolliert wurden. Die myanmarische Armee wusste davon. Trotzdem wurde der Konvoi an einem Checkpoint von Armeeangehörigen angehalten, und es wurden Warnschüsse abgegeben. Der Checkpoint hatte die Information offenbar nicht erhalten. Das passiert, wenn die Kommunikation erschwert ist und allgemein eine chaotische Situation herrscht. Andere Hilfskräfte der Uno und von unabhängigen Organisationen, die eingeflogen sind, ohne sich mit der Regierung abzusprechen, sind nach unseren Informationen am Flughafen steckengeblieben. Die Regierung hat ihnen die Einreise bisher nicht erlaubt.

Es gibt mehrere Berichte, dass die Militärregierung mit vielen Kontrollen und Bürokratie die Hilfsleistungen erschwert. Stimmt das?

Etwa ein Drittel der vom Erdbeben betroffenen Gebiete wird nicht von der Regierung kontrolliert. Dort ist Zugang und Hilfeleistung sehr komplex. In den Regierungsgebieten braucht es zuerst grünes Licht für Güter und Rettungsteams vom Militär. Die Situation wird dadurch verkompliziert, dass das Erdbeben auch die Hauptstadt Naypyidaw verwüstete. Unsere Leute treffen Minister derzeit draussen unter Bäumen.

Sie haben es angesprochen: Gerade einmal die Hälfte des Landes befindet sich unter Kontrolle der Militärregierung. Andere Teile werden von bewaffneten Rebellen kontrolliert. Wie leistet man da Hilfe?

Als neutrale und unabhängige humanitäre Organisation hat das IKRK bereits zuvor mit allen Beteiligten in diesem Konflikt Gespräche geführt, auch mit den bewaffneten Gruppen. Wir haben beispielsweise die Genfer Konvention erklärt. Wir rufen alle Akteure dazu auf, dass Helfer direkten Zugang zur betroffenen Bevölkerung bekommen.

Hat das Rote Kreuz also keinen Zugang zum Rebellengebiet?

Wir haben Informationen von dort erhalten. Aber der Zugang war immer herausfordernd, und das hat sich nicht geändert.

Die Militärregierung hat eine unrühmliche Geschichte, Hilfsgüter nur an jene zu verteilen, die ihr wohlgesinnt sind. Sehen Sie dafür auch diesmal Anzeichen?

Bis jetzt haben wir eine neue Offenheit erlebt mit dem Hilferuf der Regierung an die Welt. Zollabfertigungen und Visa werden gerade beschleunigt. Wir hoffen, bald alle nötigen Ressourcen im Land zu haben. Bis anhin arbeiten wir mit rund 700 IKRK-Mitarbeitern in Myanmar und den Angestellten und Freiwilligen des myanmarischen Roten Kreuzes. Viele unserer Hilfsgüter sind bereits in Mandalay und Yangon angekommen.

Hilft die Militärregierung auch ihren Gegnern in dieser Krise?

Diese Diskussionen sind sehr heikel. Aber sie werden gerade geführt.

Die Regierung schätzt die Opferzahlen auf rund 3100 Tote und über 4500 Verletzte. Kann man diesen Zahlen trauen?

Niemand ausser der Regierung hat die Möglichkeit, diese Informationen zu sammeln. Also arbeiten wir damit. Es gibt keine unabhängige Organisation, die Opferzahlen prüft. Die Zahlen werden wohl noch steigen, wenn die Informationen von den entlegeneren Gebieten uns erreichen. Niemand konnte bisher in die entlegensten Erdbebengebiete reisen. Die Strassen sind schwer beschädigt. Von Yangon nach Mandalay gab es einen Highway, die Reise dauerte vor dem Erdbeben sechs Stunden. Jetzt sind es fünfzehn Stunden.

Myanmar braucht finanzielle Unterstützung beim Wiederaufbau. Könnte es schwierig werden, die internationale Solidarität für einen verschlossenen Militärstaat aufrechtzuerhalten?

Die Finanzierung ist wichtig und kam bei der Nothilfe sofort. Aber wichtig wäre die Unterstützung für mindestens die nächsten zwei Jahre. Wir müssen zuerst sicherstellen, dass alle Betroffenen zumindest temporär versorgt sind: dass sie Zugang zur Gesundheitsversorgung haben, ein Dach über dem Kopf, Essen und sauberes Wasser. Danach suchen wir nach langfristigen Lösungen.

Exit mobile version