Die US-Regierung kündigt drastische Zölle auf Wareneinfuhren in die USA an. Schwer betroffen sind davon auch die Schweiz und Deutschland. Die Weltbörsen erleiden in einer ersten Reaktion teils deutliche Kursverluste.

US-Präsident Donald Trump brauchte gut zwanzig Minuten, bis er zur Sache kam – und was er dann sagte, gefällt den Börsen nicht: Auf sämtliche Importe in die Vereinigten Staaten soll ab dem 5. April ein Grundzoll von 10% verrechnet werden. Hinzu kommen zusätzliche Gebühren für Einfuhren aus diversen Ländern, die zu den wichtigsten Handelspartnern der USA zählen.

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Alle Details dazu sind noch nicht bekannt. Zum aktuellen Stand werden die höchsten Zölle auf Einfuhren von Ländern erhoben, welche die US-Regierung als «schlechte Akteure» bezeichnet. Importe aus der EU und aus Japan beispielsweise sollen fortan mit 20 bzw. 24% belastet werden.

Die Trump-Regierung geht ebenfalls hart gegen die Schweiz vor. Importe aus der Schweiz in die USA sollen mit einem Zoll von 31% belastet werden. Betrachtet man nur den Güterhandel, zählt die Schweiz zu den Ländern mit den grössten Überschüssen in der Handelsbilanz mit den USA. Deshalb rangiert sie weit oben auf Trumps Zoll-Liste.

Für Einfuhren aus China soll ein zusätzlicher Tarif von 34% erhoben werden, womit sich zusammen mit den bereits eingeführten Zöllen total 54% ergeben würden. Allerdings gibt es dazu widersprüchliche Aussagen aus dem Weissen Haus.

Obskure Berechnungsmethode

Für Konfusion sorgt die Berechnung der neuen Zölle. Die Kriterien bleiben schwammig. Trump redet von «reziproken Zöllen», also von Gegenzöllen als Antwort auf die Gebühren, die ein Handelspartner auf Importe aus den USA erhebt. Enthalten sind darin jedoch auch willkürliche Faktoren wie «Wechselkursmanipulationen und Handelsbarrieren».

Gemäss dieser Argumentation werden amerikanische Exporte in die Schweiz angeblich mit Handelsbeschränkungen belastet, die sich auf 61% summieren. Davon will die Trump-Regierung nun im Gegenzug die Hälfte (sprich, die oben genannten 31%) auf Schweizer Exporte in die USA erheben.

So lautet jedenfalls die offizielle Begründung. Auf sozialen Medien kursiert jedoch eine andere Erklärung, die überraschend einfältig klingt, aber mathematisch für jedes betroffene Land aufgeht. Demnach wurde zur Berechnung des reziproken Zolls einfach der Handelsüberschuss des betreffenden Landes mit den USA genommen, durch die Exporte dieses Landes in die USA geteilt, dann durch zwei geteilt und schliesslich aufgerundet.

Auch im Fall der Schweiz führt diese Methode zum reziproken Zoll, den die USA fortan erheben wollen. Hier die Berechnung gemäss den Daten des US-Handelsdepartements für das vergangene Jahr:

38,463 Mrd. $ (Überschuss) ÷ 63,425 Mrd. $ (Exporte) ÷ 2 = 30,3%

Nicht berücksichtigt wird zudem, a) dass die USA im Handel mit der Schweiz bei Dienstleistungen einen fast ebenso grossen Überschuss erzielen, b) die Schweiz ihre Industriezölle letztes Jahr einseitig abgeschafft hat und c) zu den Ländern mit den grössten Direktinvestitionen in den USA zählt.

Immerhin: Pharmazeutische Produkte, eines der wichtigsten Schweizer Exportgüter im Handel mit den USA, zählen gemäss einem Informationsblatt der US-Regierung noch nicht zu den Waren, die von den reziproken Zöllen betroffen sind. Spezifische Zölle zu Pharmazeutika werden gemäss Trump zu einem späteren Zeitpunkt kommen.

Schock an den Finanzmärkten

Die Börsen haben der Ankündigung aus dem Weissen Haus seit Wochen mit einem unguten Gefühl entgegenblickt. In den vergangenen Tagen kam Hoffnung auf, dass Trump weniger harsch vorgehen wird, als befürchtet. Der US-Leitindex S&P 500 schloss am Mittwochabend 0,7% fester, nachdem er bereits am Montag und Dienstag Terrain aufgeholt hatte.

Umso grösser ist jetzt die Ernüchterung; zumindest angesichts einer ersten Reaktion. Der S&P 500 tendierte im Nachgang von Trumps Deklaration im nachbörslichen Handel 3,5% schwächer. Der Nasdaq 100 büsste 4,4% ein. Die Small Caps im Russell 2000 sackten über 5% ab.

Besonders hart trifft es Aktien aus Sektoren, die massgeblich vom Aussenhandel abhängig sind. Zyklische Konsumwerte wie Nike, Amazon oder Best Buy erlitten Verluste von 5 bis 7%. Nike beispielsweise produziert einen Grossteil ihrer Turnschuhe in Vietnam – und gegen Vietnam hat Trump Einfuhrzölle von mehr als 45% angekündigt. Die Aktien von Tesla notierten nachbörslich 8% schwächer. General Motors, Ford und der Jeep-Mutterkonzern Stellantis standen ebenfalls erneut unter Druck.

Gravierende Einbussen verzeichneten auch Technologiewerte. Der Sektor gerät zwischen die Fronten des Handelskriegs zwischen den USA und China (hier eine aktuelle Analyse). Die Aktien von Apple sanken nachbörslich 7%. Zu den grössten Verlierern zählten ebenfalls der Hardware-Hersteller Dell Technologies, der taiwanische Halbleiter-Auftragsproduzent TSMC und der Chipdesigner Broadcom. Der Roundhill Magnificent Seven ETF notierte 5,5% tiefer.

In der relativen Betrachtung hielten sich Aktien aus den defensiven Sektoren Versorger und Basiskonsum etwas besser. Doch selbst hier dominierte die Farbe Rot auf dem Kurstableau.

Die Verkaufswelle setzte sich an den Aktienmärkten in Asien fort, allerdings weniger intensiv. In Tokio büsst der Nikkei 225 rund 3,5% ein. In Seoul verliert der Kospi 1,3%. Der Hang Seng in Hongkong gibt 1,6% nach, der CSI 300 in China tendiert 0,2% schwächer.

Im Futures-Handel werden Terminkontrakte auf den Euro Stoxx 50 rund 1,8% tiefer gestellt.

Alles nur Verhandlungstaktik?

Wie sich die Leitbörsen in den USA heute Donnerstag im regulären Handel verhalten, wird sich zeigen. Bisher sind viele Investoren davon ausgegangen, dass Trumps Zolldrohungen primär Verhandlungstaktik sind, um in der Wirtschaftsbeziehung mit anderen Ländern einen «besseren Deal» für die USA zu erreichen. Im Vergleich zu seiner ersten Amtszeit geben die ersten Wochen seiner zweiten Präsidentschaft jedoch Anlass zu wachsenden Bedenken.

Eine Reihe von Zöllen ist bereits umgesetzt. Die pauschale 25%-Gebühr für Autoimporte, die von der Trump-Regierung vergangene Woche angekündigt wurde, ist seit heute in Kraft. Auch an den 25%-Zöllen auf die meisten Einfuhren aus Kanada und Mexiko will das Weisse Haus festhalten. Die auf einer Notverordnung basierende Massnahme wurde im Fall von Kanada am Donnerstag jedoch vom US-Senat vorerst blockiert.

Zudem gibt es Ausnahmen. Zu den Gütern, die zusammen mit Pharma-Erzeugnissen nicht den reziproken Zöllen unterliegen, gehören Kupfer, Halbleiter, Holz, Gold, Energie und bestimmte Mineralien, die in den USA nicht vorkommen. Demgegenüber wurden 25%-Zölle auf Aluminium und Stahl bereits implementiert.

Schätzungen variieren stark. Doch auf Grundlage von Trumps jüngster Ankündigung würden die US-Zölle gemäss einer Berechnung von «Bloomberg News» alles in allem auf ein Niveau von rund 17% steigen, was dem höchsten Wert seit den 1930er-Jahren entspricht. Ende Dezember 2024 waren es noch 2,4%. Bei einem solchen Schock wären schwerwiegende Konsequenzen für Wirtschaft und Finanzmärkte unabwendbar. Ohnehin nimmt die Verunsicherung unter Unternehmen und Konsumenten zu.

Das Risiko von Stagflation steigt

«Die US-Regierung hofft wahrscheinlich, dass die Haushalte den Druck auf den Konsum abfedern werden, indem sie ihre Ersparnisse aufbrauchen oder mehr Kredite aufnehmen», meint Samuel Tombs vom Researchhaus Pantheon Macroeconomics zu Trumps Zollplänen. «Das deutlich gesunkene Vertrauen der Konsumenten und der Rückgang der Aktienkurse deuten aber darauf hin, dass sie sich zurückhaltend verhalten werden», räumt er ein.

Trumps Aussagen nach zielt er mit den Zöllen darauf ab, den negativen Effekt seiner geplanten Steuerkürzungen auf die US-Staatsfinanzen zu kompensieren. Wenn Unternehmen aus Verunsicherung aber weniger investieren und Konsumenten weniger ausgeben, wird das Wirtschaftswachstum empfindlich belastet. Auch wirken Zölle erwiesenermassen inflationär, womit das Risiko eines von Stagflation geprägten Szenarios zunimmt.

Mit dem ISM-Index zum Dienstleistungssektor und dem monatlichen Bericht zum Arbeitsmarkt erhalten Investoren heute Donnerstag bzw. morgen Freitag zwei wichtige Datenpunkte zur US-Wirtschaft.

In einem Umfeld mit erhöhter Unsicherheit zu den Konjunkturaussichten schneiden defensive Aktien aus Sektoren wie Gesundheit, Versorger und Basiskonsum tendenziell besser ab als der Gesamtmarkt. Die erste Reaktion der Börsen stimmt mit diesem Muster überein. Ebenso lohnt sich in der Regel ein Exposure zu Edelmetallen wie Gold und Silber.

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